Für Holz und Diamanten

Von Thomas Micholitsch ·

Der Bürgerkrieg in Sierra Leone wird für die westafrikanische Eingreiftruppe ECOMOG zum Debakel. Diese ist längst zu einem Instrument für das Hegemonialstreben Nigerias verkommen.

Freetown, Sierra Leone, 6. Jänner d. Jahres: Kurz bevor Sam Bockarie, der Kommandant der siegreichen Rebellentruppen der Revolutionary Front (RUF), das Zentrum der Stadt stürmen läßt, bringt ihm Oberst Saysay den Koffer mit dem Inmarsat-Satellitentelefon. Bockarie, wegen seiner schmächtigen Statur „Mosquito“ genannt, ruft die Presseagenturen in London und Paris an und prahlt: “ Bis heute abend haben wir die Nigerianer aus Freetown verjagt.“ Wenig später kontrollieren die Rebellen tatsächlich den Großteil der Hauptstadt.

Wahrend „Mosquito“ telefoniert, hebt im Westen von Freetown unter strengster Geheimhaltung ein Hercules-Transportflugzeug der nigerianischen Luftwaffe Richtung Lagos ab. An Bord: 26 tote und 35 verwundete nigerianische Soldaten der ECOMOG, des militärischen Arms der Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten ECOWAS. In Nigeria gelandet, werden die Verwundeten aus dem fernen Krieg in das Militärhospital von Yaba gebracht, wo bereits ein ganzer Trakt für sie reserviert ist. Die Toten werden am nächsten Morgen am Militärfriedhof von Ojo beigesetzt, an der Seite von 700 ebenfalls in Sierra Leone gefallenen nigerianischen ECOMOG-Kämpfern.

Wie kam es zu dieser Intervention, die Nigeria eine Million US-Dollar

täglich kostet? Die ECOWAS wurde 1975 gegründet, um Handelsschranken zwischen den Staaten Westafrikas zu beseitigen, freien Personen- und Güterverkehr zu garantieren und bis zum Jahr 2000 eine Währungsunion zu schaffen.

Die Gemeinschaft entwickelte sich jedoch zur Farce. Zwischen den Staaten Westafrikas existiert kein freier Handel: An jeder Grenze behalten korrupte Zollbeamte einen Teil der Waren ein, sodaß sich nach spätestens drei Grenzübertritten jede Exportbemühung erübrigt. Auch eine gemeinsame ECOWAS-Agrarpolitik fehlt. Die Kakaobauern von Liberia riskieren lieber nach wie vor ihr Leben beim Schmuggel der Bohnen in die benachbarte Elfenbeinküste, wo für das Pfund 17 Liberia-Dollar bezahlt werden, im Vergleich zu den 2 bis 5 Dollars im eigenen Land.

Ebensowenig setzt sich die Organisation für eine gerechte Entlohnung der Cashewnuß-Bauern von Guinea-Bissau ein. Die bekommen das am Weltmarkt

vergoldete Cash Crop nicht bezahlt, sondern müssen es bei den staatlichen Sammelstellen im Verhältnis 1:1 gegen minderwertigen Reis eintauschen. Dessenungeachtet wurde im vergangenen Jahr am 21. ECOWAS-Kongress die ECOWAS-Briefmarkenserie vorgestellt und der ECOWAS-Travellers Cheque eingeführt. Der bleibt bis auf weiteres unbenützbar, weil die sieben Währungen der Zone nicht untereinander konvertierbar sind.

Eine der Ursachen für die chronische politische Paralyse der ECOWAS ist die Säumigkeit der meisten ihrer 16 Mitgliedsstaaten, deren Zahlungsrückstände bereits das Vierfache des Jahresbudgets von 10 Millionen US-Dollar überschreiten. Einziger Nettozahler ist die Öl-Supermacht Nigeria, die auf diese Weise leichtes Spiel hat, die Instrumente der Organisation zur Festigung der nigerianischen Hegemonie in der Subregion zu mißbrauchen.

Nur selten sind kritische Stimmen innerhalb der ECOWAS zu vernehmen, wie die von Victor Gbeho, dem Außenminister von Ghana.

Die Dominanz Nigerias in der ECOWAS drückt sich auch darin aus, daß der Staatspräsident bis Ende 1998 in Personalunion das Amt des ECOWAS-Vorsitzenden bekleidete. Zwar änderte sich dies mit Jahresbeginn durch die Nominierung von Togos Präsidenten, des Generals Gnassingbe Eyadéma, zum neuen ECOWAS-Chef. Der ist aber ein treuer Vasall Nigerias und füllt als fanatischer Feind der Pressefreiheit die Gefängnisse der togolesischen Hauptstadt Lomé mit Journalisten. Das bloße Abändern seines Wahlkampf-Slogans „Eyadema oder das Chaos“ in „Eyadema und das Chaos“ brachte dem Autor Elias Hounkali eine langjährige Haftstrafe ein.

Nigeria bewegt sich seit dem Tod des Militärdiktators Sani Abacha im Juni letzten Jahres langsam in Richtung Zivilregierung und Demokratisierung hin. Doch Präsidentengeneral Abdulsalami Abubakar scheut ebensowenig wie

Abacha davor zurück, die territoriale Integrität von Nachbarländern zu

verletzen, wenn es darum geht, Ölfelder unter nigerianische Kontrolle zu

bringen.

Nach einer Intervention im Tschad tobt nun seit Jahren ein blutiger

Kampf mit Kamerun um dessen ölreiche Halbinsel Bakassi. Aus dem gleichen

Grund ist eine Militäraktion Nigerias auf der Insel Bioko im Golf von Guinea

zu befürchten.

Nicht um Öl ging es ab 1990 in Liberia. Vorgeblich um den Bürgerkrieg in diesem edelholzreichsten Land Westafrikas zu beenden, rief die ECOWAS damals die ECOMOG-Friedenstruppe ins Leben: 3.000 Mann, bestehend aus Einheiten Nigerias, Guineas, Ghanas und Gambias.

Obwohl sich die ECOMOG länger als sieben Jahre in Liberia aufhielt, blieb sie weit davon entfernt, dem zerrissenen Land Frieden zu bringen. Das ohnehin nur halbherzig verfolgte Ziel, den Rebellenführer Charles Taylor zu bekämpfen, konnten die nigerianischen Bataillonskommandeure 1997 nach der Wahl Taylors zum Präsidenten Liberias umso leichter aufgeben, hatten sie doch längst ganz andere Prioritäten verfolgt: den Erwerb von Konzessionen fur den Raubbau an Tropenhölzern.

Nach dem Abenteuer in Liberia befahl Nigerias Diktator Sani Abacha 1997 „seiner“ ECOMOG, in Sierra Leone zu intervenieren. Die Militärjunta des

Majors Johnny Paul Koroma sollte bekämpft und der von Koroma gestürzte

Staatspräsident Tejan Kabbah wieder ins Amt eingesetzt werden. Die ECOMOG-„Friedenstruppe“, die für diesen Einsatz 15.000 Soldaten zählte und nur noch aus Einheiten Nigerias und Guineas rekrutiert wurde, errang dann auch ihren bislang einzigen militärischen Triumph. Im Februar 1998 zog sie mit Tejan Kabbah siegreich in Freetown ein.

Koroma setzte sich jedoch in den Osten des Landes ab und schloß im Gebiet der Diamantenminen von Bo ein Bündnis mit dem Korporal Foday Sankoh, dem Gründer der Revolutionary United Front (RUF).

Sankoh befindet sich mittlerweile als Häftling der ECOMOG auf einem nigerianischen Kriegsschiff, das vor der Küste Sierra Leones kreuzt.Das Kommando über die Rebellenkoalition aus RUF und Koromas Junta führt seither der schmächtige „Mosquito“, Sam Bockarie.

Der Diamantenreichtum der Bo-Region finanziert die Rebellen und ist gleichzeitig der Grund für das Interesse der ECOMOG an Sierra Leone. Um die Kontrolle über die reichen Minen zu erringen, müßten die nigerianischen Kommandeure jedoch erst die RUF besiegen.

Dieses Ziel ist jedoch durch den Einmarsch der RUF in Freetown am 6. Jänner in weite Ferne gerückt. Zweifellos profitiert die RUF von logistischer Unterstützung aus Libyen, Liberia und Burkina Faso. Ausschlaggebend für ihren vorläufigen Sieg war aber wohl der Umstand, daß sich Nigeria seit Monaten bereits auf das nächste ECOMOG-Abenteuer konzentriert: auf den Bürgerkrieg in Guinea-Bissau. 16 nigerianische ECOMOG-Bataillone sind bereits dorthin abgezogen worden.

In Sierra Leone irren eine Million Menschen als Binnenflüchtlinge innerhalb des Landes umher. Erst seit Mitte Janner läßt „Mosquito“ Hilfsorganisationen einreisen. Jenseits der Grenze, im Osten Guineas, fangen Lager diejenigen auf, die aus Sierra Leone fliehen können. Sicherheit gibt es für sie auch dort nicht. Die Flüchtlingslager mit 250.000 Menschen in der Region von Guéckédou in Guinea liegen viel zu nahe an der sierraleonesischen Grenze, um Schutz vor Übergriffen der RUF auf guineisches Territorium bieten zu können.

Das UNHCR in Guéckédou hat als Sofortmaßnahme damit begonnen, die grenznahen Lager weiter ins Landesinnere Guineas zu verlegen.

Da die Vorräte an Mais-Sojabohnenmehl, dem Hauptnahrungsmittel, seit November erschöpft sind, kann das Welternährungsprogramm (WFP) der UNO die Flüchtlinge nur mehr mit 1.400 Tageskalorien Weizenmehl versorgen, dessen Verarbeitung in Sierra Leone und Guinea jedoch kaum bekannt ist.

Inzwischen verlangt Kommandant „Mosquito“ von Nigeria die sofortige

Freilassung des RUF-Gründers Foday Sankoh aus seinem schwimmenden Gefängnis. Andernfalls drohe die „komplette physische Vernichtung der ECOMOG in Sierra Leone“. Keine Hoffnung also auf ein baldiges Ende des Flüchtlingsstromes nach Guéckédou.

Der Autor arbeitete im Staatsarchiv des Senegal und am INEP-Institut in Guinea-Bissau im Rahmen eines politischen Forschungsprojekts der University of Stanford. Er lebt seit 1993 zeitweise in Guinea-Bissau.

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