Fußball-Fieber: Verhasste WM

Brasilien, das Land der Gegensätze: Während sprichwörtlich an jeder Ecke gekickt wird, wird der Widerstand gegen die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer immer größer.

Von Reinhard Krennhuber
Fußball und Brasilien gehören zusammen: Ballkünstler Marcelo in der Favela Rocinha in Rio de Janeiro.

Manaus ist in vielerlei Hinsicht eine eigentümliche Stadt. Gelegen inmitten des tropischen Regenwalds am Rio Negro, unweit der Mündung in den Amazonas, ist sie abgesehen von einer Überlandverbindung ins Nachbarland Venezuela nur per Flugzeug oder Schiff erreichbar. Trotz der exponierten Lage floriert im einstigen Zentrum des Kautschukhandels die Wirtschaft. Nach der Errichtung einer Freihandelszone siedelten sich vor allem Elektronik- und Chemiebetriebe am Rio Negro an. Sie trugen zu einem rasanten  Bevölkerungszuwachs bei. Die EinwohnerInnenzahl von Manaus ist in den vergangenen vier Jahrzehnten von 300.000 auf knapp zwei Millionen Menschen gestiegen. Inmitten des Urwalds entwickelte sich Manaus zur siebtgrößten Stadt Brasiliens.

Fußballtradition sucht man in Manaus vergeblich – zumindest auf den ersten Blick. Nacional FC, der aktuell erfolgreichste Klub, spielte vergangenes Jahr in den Tiefen der vierten brasilianischen Liga. Das lockt nicht die Massen ins Stadion. Insofern scheint es verwunderlich, dass Manaus als Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft auserkoren wurde. Doch die Auswahl der Austragungsorte erfolgte nach anderen Gesichtspunkten. Nicht zuletzt haben sie mit der Bedienung regionaler politischer Interessen zu tun. Auch in Cuiabá, Natal und Fortaleza wurden große Stadien für die WM errichtet, obwohl die Städte keine nennenswerten Vereine haben. Nach dem Großereignis werden die teuren Arenen durch Fußballspiele nur mehr sehr selten gefüllt werden. Ähnlich wie bei der letzten WM in Südafrika drohen auch den brasilianischen Kommunen ein Schicksal mit teuren „weißen Elefanten“.

Doch Manaus wäre nicht Brasilien, wenn die Fußballbegeisterung gar nicht zu Tage treten würde. Am deutlichsten sichtbar wird sie beim Peladão, einem Amateurturnier der Superlative mit mehr als 600 teilnehmenden Mannschaften. Der Peladão wird seit den 1970ern alljährlich zwischen August und Dezember in Manaus ausgetragen. Der Name leitet sich vom Wort „Pelada“ ab, das im brasilianischen Portugiesisch umgangssprachlich ein spontanes Spiel bezeichnet – zumeist barfuß auf rasch abgesteckten Feldern. Die Pelada ist eine Huldigung des zwanglosen Kickerls, das tagtäglich tausendfach in ganz Brasi­lien praktiziert wird: an den Stränden von Rio de Janeiro, in den gepflasterten Gassen von Salvador, an den Bushaltestellen von Recife und an den Ufern des Amazonas. Das strenge Reglement des Weltfußballverbands FIFA wird dabei genauso mit Füßen getreten wie der Ball, der notfalls auch durch eine Kokosnuss, eine ausgestopfte Socke oder eine leere Plastikflasche ersetzt werden kann.

Ins Leben gerufen von einer lokalen Tageszeitung, ist der Peladão über die Jahre zu einer Institution in Manaus geworden – trotz nicht gerade üppiger Preisgelder: Mit den 3.000 Reais (umgerechnet rund 1.000 Euro) kann das Siegerteam kaum die Kosten für die aufwändige Anreise zu den „Olympischen Spielen des Amazonas“ decken.

Viel eher als an den Preisgeldern lässt sich die Bedeutung des Peladão an den Zuschauerzahlen messen: Die Entscheidungsspiele werden regelmäßig von mehr als 10.000 Besucherinnen und Besuchern verfolgt. Eine parallel dazu laufende Miss-Wahl wird im regionalen Fernsehen übertragen. Ein klein wenig Ruhm für die teilnehmenden Amateure. Und ein Gegensatz zum hoch kommerzialisierten Spektakel des Profifußballs, das auch in Brasilien eine rapide Entwicklung hingelegt hat. Beim Peladão gehe es im Gegensatz zur Welt der professionellen Kicker nicht ums große Geld, betont Arnaldo Santos, der Organisator des Turniers – mit etwas Pathos: „Der Peladão ist ein fantastisches Zeichen der Kraft, der Entschlossenheit, der Opferbereitschaft, aber vor allem des Lebens.“

Dreitausend Flugkilometer weiter südlich, in Rio de Janeiro, bereitet man sich auf ein ganz anderes Turnier vor. Im legendären Estádio do Maracanã werden sieben Spiele der 20. Fußball-WM-Endrunde der Herren stattfinden, darunter das Finale am 13. Juli. Das für die erste Weltmeisterschaft in Brasilien 1950 errichtete Stadion fasste damals bis zu 180.000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Im Vorfeld der WM 2014 wurde es komplett renoviert und spielt nun alle Stückerln des modernen Fußballs: großzügige VIP-Bereiche, holzvertäfelte Innenräume und ein Tagungszentrum lassen das Herz jedes FIFA-Funktionärs höher schlagen. Der Preis dafür ist allerdings immens. Die Baukosten schossen von geplanten 200 Millionen Euro auf das Dreifache in die Höhe. Auch beim Stadionbau für die WM in Südafrika kosteten Projekte im Endeffekt deutlich mehr als veranschlagt. Zudem ist Korruption in Brasilien ein Faktor.

Im Maracanã von einst sollte jeder Besucher und jede Besucherin durch die kreisförmig angeordneten Zuschauerränge annähernd die gleiche Sicht haben. Mit dem ursprünglichen egalitären Gedanken hat die WM-Arena nur noch wenig gemein. Zwar steht das Stadion weiterhin an der Grenze zwischen der reicheren Süd- und der armen Nordzone Rios, doch für viele Fußballfans hat es seinen Symbolwert verloren: Die billigen Stehplätze sind bei den zahlreichen Umbauten der vergangenen Jahre genauso verschwunden wie die charakteristische Unterteilung in Unter- und Oberrang. Eine Schwimmhalle, Trainingsstätten für LeichtathletInnen und ein indigenes Kulturinstitut am Stadiongelände wurden geschliffen. „Sie haben das alte Maracanã getötet, es kommt nicht mehr zurück.

Das ist eines der schlimmsten Verbrechen der brasilianischen Geschichte“, sagte Gustavo Mehl, einer der Anführer der Protestbewegung in Rio im Juni 2013 in einem Interview mit der deutschen Wochenzeitung „Zeit“. Mehl ist glühender Fan von CR Vasco da Gama, einem traditionsreichen Fußballklub aus Rio. Schon als kleiner Bub nahm ihn sein Vater ins Stadion mit. Zum Umbau des Maracanã hat er eine klare Meinung: „Dieser Mord geht auf das Konto der Regierung, der Allianz zwischen Unternehmern und einzelnen Regierungsmitgliedern und der FIFA mit ihren autoritären Vorschriften.“

Das Maracanã wurde nach seiner Fertigstellung an eine private Betreibergesellschaft verkauft, wie einige andere WM-Stadien auch. Die neuen Besitzer, ein Konsortium, haben sich dazu verpflichtet, in das neue Stadion zu investieren, und sind daran interessiert, die Kosten möglichst rasch wieder einzuspielen. Für ein unbedeutendes Vorrundenspiel der Regionalmeisterschaft von Rio müssen die Fans umgerechnet mindestens 20 Euro hinblättern. Ein teurer Spaß, wenn man bedenkt, dass viele Brasilianerinnen und Brasilianer mit dem staatlich garantierten Mindestlohn von rund 200 Euro im Monat auskommen müssen. Der Stadionbesuch ist dadurch für viele zu einem unleistbaren Vergnügen geworden. Kein Wunder, dass sich Protest regt. Im Zuge der laufenden Regionalmeisterschaft haben etwa die organisierten Fans des Vereins Flamengo Rio mehrmals Spiele boykottiert.

Nicole Selmer war Mitte Jänner bei einem solchen Protest dabei. Die deutsche Journalistin wird bei der WM für das Fanbetreuungsprogramm des Deutschen Fußball-Bunds tätig sein. Im Rahmen einer Vorbereitungsreise machte sie sich ein Bild von den Veränderungen in der brasilianischen Fußball- und Fankultur: „Selbst wenn die Proteste bei Ligaspielen stattfinden, hängen sie natürlich mit der WM zusammen. Die organisierten Fans der alten Schule haben das Gefühl, dass man sie aus den Stadien verdrängen will“, sagt Selmer. Die Fan-Expertin verweist darauf, dass die Betreibergesellschaft des Maracanã nach der Wiedereröffnung auch elementare Bestandteile der brasilianischen Fankultur wie Fahnen und Trommeln verbieten wollte. „Die FIFA und das lokale Organisationskomitee wollen Stadien und eine Atmosphäre nach ihren Vorstellungen installieren. Das passt nicht mit dem zusammen, was für die brasilianischen Fans die Party auf den Rängen ist“, betont Selmer.

Um solchen Entwicklungen entgegenzuwirken, wurden die Fanbewegungen der vier großen Vereine Rios – Botafogo, Fluminense, Vasco da Gama und Flamengo – schon vor ein paar Jahren aktiv. Sie schoben ihre Rivalität beiseite und gründeten einen Dachverband, um in Verhandlungen mit Behörden und Betreibern mit einer Stimme auftreten zu können. Erste Erfolge stellten sich ein. Das Verbot von Fahnen und Trommeln konnte verhindert werden.

Doch das ändert nichts an dem hohen Druck, dem die traditionellen brasilianischen Fans ausgesetzt sind. Sie werden zunehmend aus der Stadionwelt gedrängt.

Wie frustriert die Torcidas, wie die organisierten Fans bezeichnet werden, sind, zeigt sich am schwindenden Widerstand gegen ihre Marginalisierung. Vor einem Heimspiel Anfang 2014 waren es gerade einmal ein paar Dutzend Flamengo-Anhänger und -Anhängerinnen, die aus Protest vor dem Maracanã ihre schwarz-roten Fahnen schwenkten anstatt ins Stadion zu gehen.

Eine nicht unähnliche Entwicklung hat auch die gesamte Protestbewegung in Brasilien genommen: Gingen im Vorjahr am Höhepunkt der Demos während des Confed-Cups noch bis zu zwei Millionen Menschen für soziale Gerechtigkeit, bessere Ausbildung und gegen Korruption auf die Straße, waren es danach nur noch selten mehr als ein paar tausend. Ganz abgerissen sind die Unmutsbekundungen auf den Straßen allerdings nie – und sie sind radikaler geworden. So kam es in den vergangenen Monaten vor allem in Rio und São Paulo zu heftigen Zusammenstößen zwischen DemonstrantInnen und der Polizei. Der „Schwarze Block“, in Brasilien vor 2013 ein weitgehend unbekanntes Phänomen, erlebt einen starken Zulauf.

Eine Eskalation brachte der Februar dieses Jahres. Bei Ausschreitungen im Rahmen einer Demonstration gegen Fahrpreiserhöhungen am Zentralbahnhof von Rio geriet ein Journalist zwischen die Fronten. Sergio Andrade, Kameramann eines lokalen Fernsehsenders, wurde von einem Feuerwerkskörper am Kopf getroffen und erlag wenig später seinen schweren Verletzungen.

Und die Spirale der Gewalt droht sich weiter zu drehen: Nach dem Tod Andrades forcierte die PDMB, Koalitionspartner der Arbeiterpartei von Präsidentin Dilma Rousseff, einen Gesetzesentwurf mit dem Namen „PL 499“. Mit dem Gesetz könnten Vergehen wie „das Auslösen oder Verbreiten von Terror und allgemeiner Panik“ mit Haftstrafen von bis zu 30 Jahren sanktioniert werden. Die Verabschiedung konnte aufgrund massiven Widerstands linker Parteien und BürgerrechtlerInnen vorerst abgewendet werden.

Die Zustimmung der Bevölkerung zur WM ist derweil auf einem Tiefpunkt angelangt. Waren es im Juni 2013 noch 65 Prozent gewesen, befürworten laut einer aktuellen Umfrage nur noch 52 Prozent das Turnier. Gleichzeitig unterstützten mehr als die Hälfte der Befragten die Proteste, bei denen es nicht zuletzt auch immer stärker um die Bevormundung durch den Weltfußballverband geht. „FIFA, paga minha tarifa“ (FIFA, bezahl mein Ticket!) sprühten Protestierende auf Wände und Drehkreuze des Bahnhofs in Rio. Und auch der unmissverständliche Slogan „Não Vai Ter Copa“ („Es wird keine WM geben“) erlebt eine Hochkonjunktur.

Überall in Brasilien schießen über soziale Netzwerke Bewegungen unter diesem Namen aus dem Boden. Es ist damit zu rechnen, dass sich ihre Proteste mit Näherrücken des Turniers vermehrt von Twitter und Facebook auf die Straße verlagern werden.

Wer braucht die WM? Gute Stimmung beim Peladão, einem Amateurfußballturnier in Manaus.

Ursula Prutsch ist Historikerin am Amerika-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München und Brasilien-Expertin. Prutsch betont, dass die Gewalt nicht nur von den DemonstrantInnen ausgehe. „Viele Brasilianer fürchten, dass Einheiten wie die Militärpolizei, die einen sehr schlechten Ruf innerhalb der Bevölkerung haben, sehr hart durchgreifen werden, um die Durchführung der WM zu garantieren“, so Prutsch.

Catia Fagundes hat die jüngsten Entwicklungen in ihrem Heimatland mit Besorgnis zur Kenntnis genommen. Die 35-jährige Journalistin stammt aus Rio und lebt seit zwei Jahren in Wien. „Ich will nicht schlecht über Brasilien reden, aber ich träume von einem anderen, besseren Land“, sagt Fagundes. „Wenn ich Demos sehe, bei denen ein Mensch ums Leben kommt, fühle ich mich eher an einen Bürgerkrieg erinnert als an einen Schauplatz für eine Fußball-WM“, so die Brasilianerin. „Das macht mich traurig. Würde ich jetzt in Brasilien leben, hätte ich Angst.“

Fagundes kommt aus einer Familie der in den vergangenen Jahren stark gewachsenen Mittelklasse Brasiliens. Die Mittelschicht ist einer der Hauptträger der Protestwelle im Vorjahr. Wie viele ihrer Landsleute sieht Fagundes die hohen Ausgaben für die WM sehr kritisch. Allein die zwölf Stadien kosten rund 2,5 Milliarden Euro und damit mehr als die Arenen der beiden vergangenen Weltmeisterschaften in Deutschland und Südafrika zusammen. Inklusive Infrastrukturmaßnahmen gibt die brasilianische Regierung nach offiziellen Angaben rund zehn Milliarden Euro für das Großereignis aus. „Die WM bringt sicher wunderbaren Fußball, es wurden aber zu viele Fehler bei der Organisation gemacht“, so die Journalistin. Fagundes kritisiert vor allem die mangelnde Nachhaltigkeit der Investitionen. Die brasilianische Bevölkerung profitiere nach dem Mega-Event zu wenig davon.

Ein zentrales Problem ist die Korruption. Romário, ehemaliger Stürmerstar Brasiliens und nunmehr sozialistischer Parlamentsabgeordneter, hat in Zusammenhang mit den Ausgaben für die WM von „organisiertem Diebstahl“ gesprochen. Für Fagundes trifft er damit durchaus den Punkt: „Wir kennen die offiziellen Zahlen und sehen, dass die Ausgaben steigen und steigen. Aber niemand weiß, wie viel Geld wirklich investiert worden und was in anderen Kanälen verschwunden ist.“ Eine Beobachtung, die auch Ursula Prutsch teilt. Und gleich mit der nächsten Sportgroßveranstaltung in zwei Jahren in Kontext setzt: „Es sind vor allem die großen Konzerne wie Odebrecht, die von der WM und den Olympischen Spielen 2016 in Brasilien profitieren“, sagt die Brasilien-Kennerin.

Odebrecht ist ein großer familiengeführter Mischkonzern. Neben Bereichen wie Infrastruktur oder Energie ist das Unternehmen ein wichtiger Player im brasilianischen Bausektor. Seit Jahrzehnten hat Odebrecht enge Verbindungen zu Brasiliens Polit-Elite. Odebrecht erhielt den Zuschlag für den Bau der wichtigsten Stadien für die WM sowie für die großen Bauvorhaben im Vorfeld der Olympischen Spiele. Brasilien-Kennerin Prutsch zu den engen Beziehungen zwischen Wirtschaft und Politik in Verbindung mit WM 2014 und Rio 2016: „Die Geldflüsse sind völlig intransparent. Dieses Problem wird allerdings von brasilianischen Massenmedien wie dem Globo-Netzwerk nicht thematisiert.“

Werden das die Protestierenden auf der Straße übernehmen? Catia Fagundes hat ein Szenario für die am 12. Juni beginnende Fußball WM vor Augen: „Ich glaube, dass es im ganzen Land Proteste geben wird. Die Leute werden sich die Chance nicht entgehen lassen, ihre Unzufriedenheit der ganzen Welt zu zeigen.“ 

Reinhard Krennhuber ist Chefreporter beim Fußballmagazin ballesterer (www.ballesterer.at). Er wurde bei Union Eggendorf (OÖ) zum Innenverteidiger ausgebildet. Als Fan unterstützt er den FC Blau-Weiß Linz und den Wiener Sportklub.

Mitarbeit & Fotos: Alois Gstöttner. Der Autor von „Gooool do Brasil – Kartografie einer nationalen Leidenschaft“  (Club Bellevue, 2014) wurde am linken Flügel bei UVB Vöcklamarkt sozialisiert. Er entwickelte eine Liebe zu Fußball in Brasilien, und dabei vor allem für die brasilianischen Vereine Juventus und Corinthians aus São Paulo. www.alois-gstoettner.at

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