Geburtenkontrolle: Zwang versus Freiwilligkeit

In vielen Ländern wird darüber diskutiert, ob das Bevölkerungswachstum kontrolliert werden sollte. China und Iran etwa ist es gelungen, die Geburtsraten rasch zu senken.

China

Mit der radikalsten Bevölkerungspolitik weltweit gelang es, die Fruchtbarkeitsrate von 5-6 Kindern pro Frau in den 1970ern auf heute 1,5 zu verringern.

Die Familienplanung bzw. Geburtenkontrolle in China begann tatsächlich erst 1971 mit der Einführung der „wan, xi, shao“-Politik (wörtlich „spät, verstreut, wenig“) – propagiert wurden spätere Eheschließungen, längere Zeiträume zwischen Geburten und weniger Kinder. Die „Ein-Kind-Politik“ wurde 1979 initiiert. Mitte der 1980er Jahre wurde diese Politik etwas gelockert: Familien auf dem Land, deren erstes Kind ein Mädchen war, durften ein zweites Kind bekommen. 1988 und in den 1990er Jahren wurden die Vorgaben aber wieder verschärft.

Heute dürfen zwei Drittel aller chinesischen Eltern nur ein Kind bekommen, obwohl die Fruchtbarkeitsrate mittlerweile bereits zehn Jahre unter der Reproduktionsgrenze liegt. Wer sich nicht daran hält, wird bestraft, genauso wie lokale Beamte, die es nicht schaffen, die vorgegebenen Fruchtbarkeitsraten in ihrem Verantwortungsbereich zu erreichen – letztere haben mit Lohnabzügen oder sogar der Entlassung zu rechnen. Aus diesem Grund – und auch weil es schwierig ist, die interne Migration zu überwachen – werden wahrscheinlich nicht alle Geburten gemeldet. Bei der aktuellen Fruchtbarkeitsrate von 1,5, eine Schätzung, ist dies aber bereits berücksichtigt.

Der Ein-Kind-Politik wurde vorgeworfen, das Geschlechterverhältnis verzerrt zu haben. 1963 kamen auf 100 weibliche Geburten 104 männliche; 2007 waren es 120. „Wir müssen geschlechtsspezifische Abtreibungen verbieten“, meint Yuhua Yang von der Renmin University of China. Sie ist aber nicht überzeugt davon, dass die Ein-Kind-Politik tatsächlich für das Ungleichgewicht der Geschlechter verantwortlich ist – sie verstärke eher eine kulturelle Präferenz für Söhne, mit der man sich befassen müsste.

Hätte China seine Geburtenrate auch mit einer weniger auf Zwang beruhenden Politik wie etwa im Iran senken können? Wahrscheinlich schon, meinen viele ExpertInnen, auch chinesische: Mit dem wachsenden Wohlstand und zunehmenden Bildungsniveau der Mädchen würden die Menschen freiwillig weniger Kinder bekommen haben, genauso wie etwa in Japan und Südkorea. Und wird China seine Ein-Kind-Politik aufgeben? Viele chinesische DemographInnen sprechen sich dafür aus. Kürzlich wurde die Vorschrift in Schanghai gelockert.

Iran

Die Fruchtbarkeitsrate sank von 6,6 Kindern pro Frau 1970 auf heute 1,9 – ein Weltrekord: So schnell ging das bisher noch nirgendwo.

Nach der Revolution von 1979 schafften die religiösen Führer des Landes die ersten Ansätze einer nationalen Familienplanung ab – man brauchte Soldaten für den Krieg mit dem Irak. 1989 aber, nach dem Ende des Kriegs, konnten iranische BevölkerungsexpertInnen die religiöse Führung davon überzeugen, dass hohe Fruchtbarkeitsraten nicht mehr im Interesse des Landes waren.

Die Regierung startete eine umfassende „Lebensqualitäts“-Kampagne, die Familienplanungskurse für alle sowie Gratis-Verhütungsmittel inkludierte. Sowohl Frauen als auch Männer erhielten Kondome. Parallel dazu kam es auch zu einer drastischen Erhöhung des Bildungsniveaus junger Frauen, insbesondere in den ländlichen Gebieten. 1976 konnten nur zehn Prozent aller 20-24-jährigen Frauen am Land lesen und schreiben. 1986 waren es 37 Prozent, 1996 78 Prozent und 2006 schließlich 91 Prozent.

„Menschen, die nicht im Iran leben, glauben, dass das Familienplanungsprogramm mit Zwangsmaßnahmen verbunden gewesen sein muss“, kommentiert Farzaneh Roudi vom Population Reference Bureau*) in den USA. „Das war aber nicht der Fall. Es gab eine umfassende öffentliche Aufklärung über Familienplanung; alle redeten darüber. Frauen hatten mehr Kontrolle über ihre Fruchtbarkeit als unter dem Schah. Und es kam auch nicht dazu, dass viel mehr Buben als Mädchen geboren wurden wie in einigen anderen Ländern.“

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*) Gemeinnützige Organisation mit den Schwerpunktthemen Bevölkerung, Gesundheit und Umwelt, u.a. 30 Jahre Erfahrung in Entwicklungsländern (www.prb.org).

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