Post-Development: Gegen die Verwestlichung der Welt

Die radikale Entwicklungskritik des Post-Development gipfelt in einer grundsätzlichen Ablehnung des Entwicklungsparadigmas. Zwischen den VertreterInnen dieser Denkschule und ihren GegnerInnen entwickelte sich eine Debatte, die zu den spannendsten in der Geschichte der Entwicklungstheorie zählt.

Von Sarah Funk
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Die letzten vierzig Jahre kann man als Zeitalter der Entwicklungspolitik bezeichnen. Aber diese Epoche geht zu Ende, und es wird Zeit, einen Nachruf zu formulieren.“ Bereits die ersten Zeilen des 1992 erschienenen „Development Dictionary“ enthielten eine Provokation. Sie forderten Entwicklungsinstitutionen und ihre AkteurInnen selbstbewusst heraus, indem sie das Ende einer Ära ausriefen, die gerade erst in ihre vierte Dekade gegangen war. Es sollte eine Idee zu Grabe getragen werden, die im Lauf ihrer Geschichte mehr Schaden angerichtet als Gutes bewirkt hatte. „Entwicklung“, so die Argumentation, war stets von „Irrtümern, Enttäuschungen, Fehlschlägen und Verbrechen“ begleitet. Nun sei sie endgültig gescheitert.

Der Verfasser dieses „Nachrufs“ ist Wolfgang Sachs. Sein „polemisches Handbuch zur Entwicklungspolitik“ ist eine Abrechnung mit einem der wirkmächtigsten Konzepte des 20. Jahrhunderts: „Entwicklung.“ Mit seiner Fundamentalkritik am Entwicklungsparadigma der Nachkriegszeit bleibt Sachs nicht alleine. Der in mehrere Sprachen übersetzte Sammelband enthält Beiträge von TheoretikerInnen wie dem Kolumbianer Arturo Escobar, Gustavo Esteva aus Mexiko und dem Iraner Majid Rahnema und zählt zu den Schlüsselwerken des Post-Development-Ansatzes, der ab den späten 1980er Jahren die entwicklungspolitische Debatte aufrüttelte.

Post-Development unterscheidet sich von anderen entwicklungskritischen Ansätzen durch die Radikalität der Analyse. „Entwicklung“ wird nicht nur kritisch hinterfragt, sondern gänzlich abgelehnt. Folglich ist Post-Development auch an alternativer Entwicklung nicht interessiert. Auf der Suche nach Alternativen zur Entwicklung werden lokale Kulturen, traditionelles Wissen und soziale Bewegungen in den Blick genommen.

Die Geschichte der Entwicklung beginnt mit der „Erfindung der Unterentwicklung“. Im Post-Development wird dies an einem ganz konkreten Datum festgemacht: dem 20. Jänner 1949. An diesem Tag hielt US-Präsident Harry Truman seine programmatische Antrittsrede, die den Beginn der Entwicklungsära einläutete. Er versprach den „unterentwickelten Weltregionen“ ein kühnes neues Programm, das sie aus ihrer Armut und ihrem Elend befreien würde. Die technische Hilfe, die er zusicherte, sollte den Ländern der „Dritten Welt“ die Teilhabe an den Segnungen des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts ermöglichen und diese in ihrer Entwicklung und ihrem Wachstum unterstützen.

„An jenem Tag“, schreibt Gustavo Esteva, „wurden zwei Milliarden Menschen ‚unterentwickelt‘. Das hieß, sie hörten von jenem Tag an auf, das zu sein, was sie waren, in all ihrer Vielfalt, und wurden auf magische Weise zur Spiegelung der Realität von jemand anderem.“ Was Esteva hier kritisiert, ist die dem Programm zugrunde liegende Idee einer Teilung der Welt in entwickelte und unterentwickelte Länder, die mit einer klaren Wertung verbunden ist. Auf der einen Seite stehen die entwickelten (sprich: modernen, dynamischen und überlegenen) Länder des Westens, auf der anderen die unterentwickelten (sprich: traditionellen, statischen und defizitären) Länder der Dritten Welt. Entwicklung wird als unilinearer Prozess konzipiert, der überall auf der Welt nach einem vergleichbaren Schema abläuft, wobei am Ende dieses Prozesses die hochentwickelte Industriegesellschaft nach US-amerikanischem Vorbild steht.

Post-Development-Ansätze sind nicht die ersten in der Geschichte der Entwicklungstheorie, die diese eurozentrische Fortschritts- und Entwicklungsvorstellung kritisieren. Neu ist jedoch der besondere theoretische Fokus auf die gedankliche Struktur, die dem Entwicklungsdenken zugrunde liegt. Post-Development-Ansätze richten den Blick auf den Entwicklungsdiskurs, der als Herrschaftsinstrument gegenüber den Ländern des Südens verstanden wird. In Anlehnung an die Diskurs- und Machtanalytik des französischen Philosophen Michel Foucault wird dem Sprechen über Entwicklung besondere Bedeutung beigemessen. Demnach produziert die Art und Weise, wie ein gesellschaftlich relevantes Thema in der Öffentlichkeit verhandelt wird, zeitweilig gültige Wahrheiten, die nicht bloßer Ausdruck gesellschaftlicher Realitäten sind, sondern entscheidend dazu beitragen, diese hervorzubringen.

„Aus dieser kritischen Perspektive“, schreibt Arturo Escobar aus Kolumbien, „kann Entwicklung als Apparat beschrieben werden, der das Wissen über die Dritte Welt mit Machtausübung und Intervention verbindet und damit die Gesellschaften der Dritten Welt erst kartiert und produziert. Mit anderen Worten: Entwicklung schafft die gegenwärtige Dritte Welt, stillschweigend und ohne dass wir dies bemerken.“ Wirkmacht entfaltet der Entwicklungsdiskurs über Professionalisierung und Institutionalisierung. Entwicklungsinstitutionen generieren Wissen über die Dritte Welt und leiten auf der Basis dieses Wissens normalisierende Eingriffe und Korrekturen ein – auch gegen den Willen der davon Betroffenen.

Am Anfang des Entwicklungsprojekts, kritisiert Escobar, wurde das „Abnormale“ erfunden, um es dann behandeln und korrigieren zu können. Die „Unterentwickelten“, die „Armen“, die „Hungernden“ und die „AnalphabetInnen“ sind das Resultat eines Diskurses, der das Eigene als Norm und das Andere als Abweichung festschreibt. Er legitimiert den Westen, seine Herrschaft über die Dritte Welt auszudehnen und in das Leben der „Unterentwickelten“ einzugreifen. Diese begannen, sich selbst als „unterentwickelt“ wahrzunehmen und fremde Bedürfnisse als ihre eigenen zu akzeptieren.

Das Ende des Entwicklungsprojekts: Während der Entwicklungsdiskurs erfolgreich die Formung und Lenkung der Dritten Welt nach westlichen Vorstellungen ermöglichte, wird im Post-Development das politische Projekt der Entwicklung als gescheitert betrachtet. Wolfgang Sachs nennt dafür vier zentrale Gründe: Erstens zeugen die ökologischen Grenzen des Wachstums von der Unmöglichkeit, das westliche Gesellschaftsmodell in globalem Maßstab zu reproduzieren. „Wenn alle Länder dem Beispiel der Industrienationen ‚erfolgreich’ nacheiferten, dann würden wir für unsere Bergwerke und Müllhalden fünf oder sechs Planeten benötigen. Die ‚hochentwickelten’ Gesellschaften taugen ganz offensichtlich nicht als Vorbild – zuletzt wird man sie wohl als Irrweg der Geschichte begreifen.“ Zweitens bedingte das Ende des Kalten Krieges den Verlust einer der wichtigsten Antriebskräfte von Entwicklungspolitik. Während des Ost-West-Konflikts galt es, die Bindung peripherer Staaten an das kapitalistische Weltsystem ideologisch abzusichern und ein attraktives Gegenkonzept zum sowjetischen Modell der nachholenden Industrialisierung zu schaffen. Nun war diese Waffe im „Kampf gegen den Kommunismus“ überflüssig geworden. Drittens vergrößerte sich die Kluft zwischen den entwickelten und unterentwickelten Nationen trotz Entwicklungshilfe. Somit sei die Idee der nachholenden Entwicklung eine Illusion.

Was Sachs hier jedoch völlig außer Acht lässt, sind die Erfolgsgeschichten der südostasiatischen Tigerstaaten. Diese passen nicht ins Bild – und werden einfach ausgespart. Der vierte Grund, den Sachs anführt, bezieht sich auf das Verschwinden kultureller Vielfalt und Heterogenität als Resultat der Entwicklung. Es sei grundsätzlich fragwürdig, unterschiedliche Lebensweisen auf einer universellen Skala der Entwicklung einzuordnen, da es verschiedene Vorstellungen einer „guten“ Gesellschaft gebe. Die Ausbreitung einer globalen Einheitskultur sei nicht wünschenswert. Das Fazit: Es ist nicht das Scheitern der Entwicklung, vor dem wir uns fürchten sollten, sondern ihr Erfolg.

Was kommt nach dem radikalen Bruch mit Theorie und Praxis der Entwicklung? In postmoderner Tradition setzen sich Post-Development-Ansätze für kulturelle Diversität und Vielfalt ein. Sie suchen nach Alternativen zur Entwicklung und finden sie in innovativen Graswurzelbewegungen, lokalen Gemeinschaften und Wissenstraditionen sowie radikaldemokratischen Projekten. „Wir verlassen uns jetzt auf unsere eigenen Augen und Nasen, nicht auf jene der Experten.“ Dieser Ausspruch stammt von Gustavo Esteva, der selbst jahrelang als Entwicklungsexperte für die mexikanische Regierung tätig war. Ende der 1970er Jahre gab er seine Tätigkeit auf, um als „deprofessionalisierter Intellektueller“ zu alternativen Lebens- und Wissensformen jenseits des Entwicklungsprinzips zu forschen. Dabei zeigte er sich besonders von den Schriften Ivan Illichs inspiriert, der schon in den 1960er Jahren nach „Alternativen zu den abgepackten Lösungen“ der Entwicklungsindustrie suchte.

Konkrete Vorschläge, wie die Alternativen zur Entwicklung aussehen könnten, sucht man im Post-Development meist vergeblich, was zynische Kommentare seitens der KritikerInnen dieses Denkansatzes zur Folge hatte. Die Weigerung, positive Gesellschaftsentwürfe zu formulieren, ist jedoch angesichts der Ablehnung universell gültiger Entwicklungsmodelle im Post-Development nur konsequent. Neue Gesellschaftsmodelle können nur in demokratischen Aushandlungsprozessen unter Beteiligung aller Mitglieder einer Gemeinschaft entworfen werden. EntwicklungsexpertInnen, die von oben herab Zielvorstellungen formulieren und autoritär Maßnahmen einleiten, haben dabei keinen Platz.

Beispiele für alternative Gesellschaftsentwürfe jenseits gängiger Entwicklungsvorstellungen finden Post-Development TheoretikerInnen in Lateinamerika und Asien. Erst kürzlich stellte der ecuadorianische Ökonom Alberto Acosta in Wien das indigene Konzept des Buen Vivir vor, das sich nicht als Entwicklungsprogramm versteht, sondern Alternativen zum materiellen Fortschrittsdenken anbieten möchte. (Vgl. dazu den Themenschwerpunkt in SWM 1-2/10.) Es soll eine neue Lebensweise gestaltet werden, die auf einem sozialen, solidarischen und ökologisch nachhaltigen Wirtschaftssystem basiert. Wie das Konzept des Buen Vivir faktisch umgesetzt wird, hängt maßgeblich von der Partizipation der BürgerInnen eines Landes ab. Einen Katalog mit konkreten Maßnahmen oder Empfehlungen, die abgearbeitet werden können, gibt es daher auch hier nicht.

Das Fehlen konstruktiver Alternativen ist nicht der einzige Aspekt, der von KritikerInnen des Post-Development bemängelt wird, wie dem niederländischen Globalisierungsexperten Jan Nederveen Pieterse oder dem britischen Entwicklungssoziologen Ray Kiely, um nur zwei zu nennen. Auch die grundsätzliche Ablehnung des Entwicklungsparadigmas als radikale Konsequenz der Analyse wird stark in Frage gestellt. Der völlige Verzicht auf Instrumente wie Entwicklungspolitik und Entwicklungshilfe komme einer Erhaltung des Status Quo gleich und ermögliche es den Industrienationen, sich aus ihrer historischen Verantwortung gegenüber den Ländern des Südens zu ziehen. Darüber hinaus zeuge, so der Vorwurf, die „Zurück-zu-den-Wurzeln“-Ideologie des Post-Development von einem antimodernen Weltbild, das lokale Kulturen und vormoderne Gemeinschaften romantisiert, während alles Westliche, alles Moderne dämonisiert wird.

Konflikte und Gewaltstrukturen innerhalb von lokalen Gemeinschaften werden ausgeblendet oder als das Resultat westlicher Einmischung interpretiert. So entsteht das Bild des „guten Indigenen“, dessen Stimme vor allem deswegen „authentisch“ ist, weil sie „nicht-westlich“ ist. Die unbedingte Parteinahme des Post-Development für soziale Bewegung wird dementsprechend kritisch betrachtet. Werden Graswurzelbewegungen unabhängig von ihren politischen Forderungen und Ansichten unterstützt, führe dies unweigerlich zu einer „Pontius-Pilatus-Politik“.

Viele der hier angeführten Kritikpunkte am Post-Development sind berechtigt. Vor allem treffen sie auf eine Strömung innerhalb des Post-Development zu, die man mit Aram Ziai als „reaktionär-populistisch“ bezeichnen kann. Die skeptischere Variante des Post-Development argumentiert vorsichtiger, erkennt die positiven Elemente der Moderne zumindest an und warnt vor einer undifferenzierten Überhöhung lokaler Kulturen.

Ein Verdienst der Post-Development-Ansätze ist die Integration diskursiver Dimensionen in die Entwicklungsdiskussion. Die Anwendung der Foucault’schen Macht- und Diskursanalytik auf das Feld der Entwicklungstheorie bleibt jedoch oft lückenhaft. Während sich Foucault stets für die Widersprüche, Diskontinuitäten und Brüche innerhalb von Diskursen interessierte, reduzieren Post-Development-Ansätze mehr als 40 Jahre Entwicklungspolitik und -praxis mit ihren unterschiedlichen Dekaden, Schwerpunkten und AkteurInnen auf ein homogenes Projekt, das es abzulehnen gilt.

In der deutschsprachigen Entwicklungsdiskussion erfährt die Entwicklungskritik des Post-Development erst seit kurzem genauere Beachtung. Dies ist nicht zuletzt den Beiträgen des deutschen Entwicklungsforschers Aram Ziai zu verdanken, der sich in mehreren Publikationen intensiv mit der Thematik beschäftigt hat. Die Auseinandersetzung mit Post-Development lohnt sich, egal wie man den Thesen letztlich gegenübersteht. Die kontroversen Diskussionen, die Post-Development auslöst, regen zum Nachdenken an – nicht zuletzt über die eigene Verortung im Entwicklungsdiskurs.

Sarah Funk ist freie Südwind-Mitarbeiterin und Lektorin am Institut für Internationale Entwicklung an der Universität Wien.

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