Gegen Ebola und für die Frauen

In Sierra Leone hat der Ebola-Virus besonders schlimm gewütet. Trotz großer Ansteckungsgefahr brachte die Hebamme Magdalena Barka in dieser Zeit hunderte Kinder auf die Welt, berichtet Katrin Gänsler.

© Katrin Gänsler

Magdalena Barka lässt sich auf einen weißen Plastikstuhl sinken und lehnt sich zurück. Es ist ein ruhiger Morgen in der Krankenstation „St. Anthony‘s Clinic for the Poor“, die im Zentrum von Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, liegt. Kein Schreien eines frisch geborenen Säuglings ist zu hören, es liegt keine Hochschwangere in den Wehen. Nur von der angrenzenden Grundschule dringen Kinderstimmen in die schlichten Räume der Krankenstation. In der Schule ist im Moment große Pause. Ab und zu ist der Handwerker zu hören, der gerade das neue Badezimmer fliest. Es wird die kleine Krankenstation, die für knapp 40.000 Menschen zuständig ist, aufwerten – wie schon die Toilette, die vor einiger Zeit eingebaut worden ist. Bald können sich Frauen nach der Entbindung zum ersten Mal richtig waschen.

Magdalena Barka arbeitet gerne hier als Hebamme. Und das schon seit Dezember 2001. „Ich bin in die Kirche zur Messe gegangen und gefragt worden, ob ich in der Klinik arbeiten will. Das hat mich gefreut“, erinnert sie sich. Dass viele Krankenhäuser und Gesundheitsstationen – sie funktionieren ähnlich wie die Praxis eines Allgemeinmediziners – zu Kirchen gehören, ist in vielen afrikanischen Ländern Normalität. In Sierra Leone übernehmen sie gerade in entlegenen Regionen oft sogar die Grundversorgung, weil es zu wenige staatliche Anlaufstellen gibt.

Trotzdem erhalten diese Einrichtungen keine Unterstützung von Regierungsseite und sind auf sich allein gestellt. Krankenstationen wie die, in der Magdalena Barka arbeitet, leben zwar teils von Spenden aus dem Ausland, aber der Großteil des Geldes muss erwirtschaftet werden. Das hat gerade in der Hochphase der Ebola-Ausbreitung dazu geführt, dass viele Einrichtungen schließen mussten. Manche hatten nicht einmal fließendes Wasser. Benutztes Material konnte nicht fachgerecht entsorgt werden. Auch Schutzkleidung fehlte häufig.

Verlässlich. Hebamme Magdalena Barka atmet tief durch, wenn sie an die langen Monate denkt, in denen der Virus das Land mit den rund 5,8 Millionen EinwohnerInnen bedrohte. Sie beharrte darauf, die Krankenstation nicht dicht zu machen, um den Menschen zu helfen. „Unsere Patienten haben doch darum gefleht!“ Keine einzige Schwangere wurde weggeschickt. Wer in den Wehen lag, der konnte mithilfe von Magdalena Barka sein Kind sicher auf die Welt bringen, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. „Ich lebe auf dem Gelände der Krankenstation. Wenn kein Kind kommt, kann ich mich ausruhen. Ansonsten arbeite ich.“ Es gibt Tage, an denen sie fünf Säuglingen ins Leben hilft. Sie beschwert sich nicht darüber, sondern empfindet ihre Einstellung als Selbstverständlichkeit. Jene Momente, in denen niemand auf der harten Wartebank sitzt oder keine Frau schweißgebadet auf der schmalen, grünen Pritsche liegt, genießt sie dafür umso mehr.

Warum ihr selbst ihr Einsatz so wichtig ist: „Frauen spielen in unserem Land eine große Rolle und sie nehmen viel auf sich, ob bei der Erziehung der Kinder oder in der Ehe. Sie brauchen Unterstützung!“ Sierra Leone gehört seit Jahren zu den Spitzenreitern in Sachen Kindersterblichkeit. 2012 legte eine Cholera-Epidemie den westafrikanischen Staat über Wochen lahm. Auch aus solchen Gründen ist der Hebamme der Einsatz für Frauen ein besonderes Anliegen. Viel Lärm macht sie darum trotzdem nicht. Sie ist niemand, der für Frauenrechte auf die Straßen ziehen würde. Ihre Unterstützung ist leise und praktisch.

Immer weiter. In der Zeit von Ebola hatte die Mutter und Großmutter auch mit der eigenen Angst gekämpft. Die Nachrichten berichteten von der verheerenden Ausbreitung des Virus. Manchmal wurden Häuser mit zehn Leichen darin entdeckt. Das ohnehin schon völlig überlastete Gesundheitssystem brach komplett zusammen. Internationale Hilfe kam viel zu spät. „Am meisten sorgte ich mich, wenn wieder Krankenschwestern oder Ärzte gestorben waren. Ich war sehr angespannt, wollte aber weiter arbeiten.“

Um selbst so gut es geht geschützt zu sein, wurde in der „St. Anthony‘s Clinic for the Poor“ von Anfang an bei jeder Patientin sofort Fieber gemessen und sie engmaschig überwacht. Sobald nur leise Zweifel aufkamen, wurde die Betroffene in ein Spezialkrankenhaus überstellt. Obwohl die Situation so schwierig war, huscht Magdalena Barka ein Lächeln über das runde Gesicht, wenn sie zurückdenkt: „In all den Monaten hat sich keine Frau übergeben, niemand hatte Fieber.“ Ebola hat die Krankenstation verschont. Gleichzeitig hat Magdalena Barka den PatientInnen im Viertel gezeigt, dass sie auch in der Krise für sie da ist.

Katrin Gänsler ist Korrespondentin mehrerer deutschsprachiger Medien in Westafrika.

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