Gemeinsam Scheidung feiern

Von der Rückgabe des Brautpreises in Karamoja in Uganda bis zur Übergabe des -Scheidungsbriefes vom Rabbiner an das Brautpaar im Judentum: Weltweit werden auf unterschiedlichste Art und Weise Ehescheidungen von traditionellen Ritualen begleitet. In Europa ist es ein junges Phänomen.

Von Patricia Otuka-Karner
In Japan werden Scheidungen durch das gemeinsame Plattschlagen des Eheringes begangen.

Einige Männer haben sich im Kraal versammelt; dort, wo normalerweise die Rinder stehen, wenn sie nicht auf der Weide sind, sitzen die Verwandten von Nakiru Lomakol* und warten auf die Ankunft ihres Ehemannes und seiner Leute, um die Rückgabe des Brautpreises zu verhandeln. Auf der anderen Seite des Dornengestrüpps, das den Kraal von den Lehmhütten trennt, haben es sich die Frauen gemütlich gemacht. Die Stimmung an jenem Dezembertag vor ein paar Jahren ist ruhig, und gefasster als es bei einer Hochzeit der Fall wäre. Ein Widerspruch scheint es, doch bei der Eheschließung knapp ein Jahr zuvor weinte und lamentierte Nakiru Lomakol wie für eine Frau in Karamoja im Nordosten Ugandas üblich lautstark, um ihrer Familie zu zeigen, dass es ihr nicht leicht fällt, sie zu verlassen und in jene des Mannes überzuwechseln. Es ist für die Karimojong nie nur die Verbindung einer Frau und eines Mannes, sondern beide Sippen sind eingebunden und tragen die Entscheidung mit. Gilt dies für die Eheschließung, so auch für das Scheidungsritual, für das die beiden Familien an diesem Tag zusammengekommen sind.

Scheidungsrituale sind ein globales Phänomen. In manchen Kulturen in Afrika und Asien gibt es seit langer Zeit die unterschiedlichsten Formen, den Bund der Ehe wieder zu lösen. Auch im Judentum ist das rituelle Vorgehen bei einer Scheidung klar geregelt: Der Rabbiner übergibt den Scheidungsbrief an das Paar. In Japan gibt es seit einigen Jahren das gemeinsame Plattschlagen der Eheringe durch die ehemaligen Eheleute.

„Ein Scheidungsritual kann helfen, die Scheidung emotional differenzierter zu verarbeiten und spirituell bewusster zu bewältigen“, betont Andrea Marco Bianca. Der Schweizer Theologe kennt viele der Rituale. In seiner Dissertation hat er rund 160 Praxisbeispiele und 140 Modelle von Scheidungsritualen aus verschiedenen Zeit- und Kulturräumen untersucht. Dabei handelt es sich um religiöse, aber auch säkulare Rituale. Auch im Rahmen von Therapie und Mediation kommen sie vor.

„Beeindruckend ist vor allem“, so Bianca, „die große Bandbreite an Scheidungsritualen, vom einfachen wortlosen Zerschneiden des Ehebandes durch den Priester bis zu einem differenzierten Ablauf mit verschiedenen verbalen und nonverbalen Symbolhandlungen durch die Scheidenden selbst.“ Oft steht ein bedeutsames Ehesymbol, wie die Ringe oder der Trauschein, im Zentrum.

Die Rituale haben das Ziel, heilsam zu sein. In der Folge fällt es den Scheidenden leichter, sich mit positiven Gefühlen dem nachfolgenden Alltag zu stellen. Oft sind sie psychologisch, mediatorisch oder seelsorglich begleitet.

Ein Scheidungsritual sei, so Bianca, ein Übergangsritual von einem in den anderen Lebensabschnitt.

Aus dem Eheversprechen könne etwa ein Elternversprechen werden. Wobei, seiner Meinung nach, ein Scheidungsritual in der Praxis vor allem dann wirkungsvoll ist, wenn es individuell auf die Scheidenden zugeschnitten ist. Ideal wäre zudem, so Bianca, „wenn es den Scheidenden gelingt, das Ritual feierlich abzuschließen“, etwa bei Essen und Trinken mit Familie und Freunden.

In Karamoja spielt die Rückgabe des Brautpreises, der Kühe, Ziegen und Schafe, die bei der Hochzeit von der Familie des Bräutigams an jene der Braut überreicht wurden, eine zentrale Rolle beim Scheidungsritual. Durch diesen gemeinschaftlichen Vollzug bekommen solche Rituale einen einheitsstiftenden und verbindenden Charakter. Dadurch können sie den Gruppenzusammenhalt fördern.

Genau darin kann aber auch die Herausforderung bestehen, betont Wissenschaftler Ben Knighton: „Das Rückzahlen des Brautpreises ist eine sehr ernste Angelegenheit und schwer zu schaffen, es ist daher auch ein großes Hindernis für Scheidungen.“ Sich von den Tieren zu trennen, falle nicht leicht, da sie einen wesentlichen Beitrag zur Lebensversicherung darstellen, so Knighton. Der britische Forscher vom Oxford Centre for Mission Studies arbeitete nicht zuletzt auch konkret zu den Karimojong. Die Rückgabe des Brautpreises müsse von der ganzen Gemeinschaft unterstützt werden: „Die Ältesten treffen sich im Vorfeld einer Scheidung bereits mehrmals, um einen akiriket abzuhalten, ein Ritual, bei dem ein Ochse geschlachtet, für die spirituellen und sozialen Probleme gebetet und nach Lösungen für die Eheprobleme gesucht wird.“

Keine Scheidung unter Karimojong ist vollzogen, bevor der gesamte Brautpreis zurückgezahlt wurde. Aber es gibt auch andere Aspekte, die berücksichtigt werden. Zum Beispiel die bewusste Änderung des Kleidungsstils der Frau. So nahm Nakiru im Rahmen des Rituals inmitten ihrer weiblichen Verwandten auch einen Teil ihres Schmuckes ab, da dieser nur von verheirateten Frauen getragen wird. Die Metallketten, die der Braut in der Hochzeitszeremonie umgelegt werden, werden wieder entfernt.

Zum Tragen kommt das Scheidungsritual bei den Karimojong allerdings de facto selten, weil Scheidungen selten sind. Meist nur, wenn der Frau Unfruchtbarkeit nachgesagt wird, bei extremen Fällen häuslicher Gewalt oder wenn durch das Aufrechthalten der Ehe Schande über die Familie der Frau käme. Betrügt die Frau ihren Mann (Männer können mehr als eine Frau heiraten), wie es bei Nakiru der Fall war, wird zusätzlich zum normalen Scheidungsritual, also vor allem der Rückgabe des Brautpreises, auch noch ein Ochse geschlachtet. Die Frau verteilt den Mageninhalt des Ochsen, der als Segen gilt, im Dorf des Mannes, um es zu reinigen. Einen Teil des Fleisches grillen dann die Männer im Kraal, den anderen kochen die Frauen unter sich und er wird gemeinsam verspeist. Mit dem Abschluss dieses Rituals wird der Fall als erledigt erachtet. Die Frau zieht wieder ins Dorf der Eltern. Es steht ihr frei, wieder zu heiraten.

Wie ist das in unseren Breitengraden? Heutzutage wird in Europa mindestens jede dritte Ehe geschieden, und noch mehr Lebensgemeinschaften gehen wieder auseinander. Umso erstaunlicher scheint es, dass es für diesen wichtigen Prozess im Leben so vieler kein traditionelles Ritual gibt. Daher werden zunehmend „neue Riten“ eingeführt, etwa in der Esoterik, oder auch Scheidungsparties gefeiert. Aber auch in der Religion wird auf den Trend zu Scheidungsritualen reagiert, Scheidungsrituale entstehen. „Besondere Wünsche fordern Pfarrer heute heraus“, berichtet auch Theologe Bianca. Dass viele Menschen so ein Ritual wollen, ist für Bianca nur nachvollziehbar: „Was rituell begonnen wird, sollte auch rituell beendet werden.“

* Name der Redaktion bekannt.

Patricia Otuka-Karner schreibt freiberuflich als Journalistin für diverse Medien. Sie hat knapp sieben Jahre in Uganda gelebt und 2013 den Herta-Pammer-Preis der Katholischen Frauenbewegung Österreichs erhalten.

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