Genug gewachsen

Von Monika Austaller, Ruth Fulterer und Leonie Sontheimer · · 2018/Jul-Aug

Wieso dringend ein wirtschaftliches Umdenken gefragt ist und jetzt der richtige Moment dafür ist, führen Monika Austaller, Ruth Fulterer und Leonie Sontheimer aus.

Lucia Steinwender beweist riesigen Mut. Während ihr Herz wie wild schlagen muss, tritt die 19-jährige Aktivistin neben Bundeskanzler Sebastian Kurz ins Scheinwerferlicht: „Wir kämpfen um unsere Zukunft und für ein gutes Leben für alle. Unser Protest richtet sich gegen jene, die von Klimaschutz reden, aber das Gegenteil machen.“

Es ist der 15. Mai. In der Wiener Hofburg treffen sich MinisterInnen, PräsidentInnen und UN-BotschafterInnen zum Klimagipfel „R20 Austrian World Summit“. Neben Arnold Schwarzenegger, der die Veranstaltung initiiert hat, sitzt Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Vorne auf der Bühne setzt Kurz gerade zur Eröffnungsrede an, als Steinwender ihn aus dem Publikum unterbricht.

Entschlossen steigt sie auf die Bühne, stellt sich neben den Bundeskanzler ans Pult und beginnt eine dreiminütige Rede, mit der niemand im Publikum gerechnet hat. „Wir messen Sie daran, dass das Wirtschaftswachstum als Staatsziel in unsere Verfassung geschrieben werden soll. Doch auf einem endlichen Planeten kann es kein unendliches Wachstum geben. Herr Bundeskanzler, wenn Sie diese Politik weiter verfolgen, dann bleiben auch die schönsten Worte nicht mehr als grüne Lügen.“

Was Steinwender dazu gebracht hat, sich zu überwinden und ins Scheinwerferlicht zu treten, ist die Erkenntnis, dass unsere Gesellschaft dringend handeln muss. Vor neun Monaten hat sie sich daher der Bewegung „System Change not Climate Change“ angeschlossen. AktivistInnen und Initiativen aus ganz Österreich treiben unter diesem Motto Lösungen für die globale Klimakrise voran. Auf ihre Fahne haben sie Klimagerechtigkeit geschrieben. Um diese zu erreichen, brauche es ein anderes System, so Steinwender.

Zusammenarbeit. Für einen Systemwandel setzen sich immer mehr Menschen in ganz Europa ein. Sie kommen  aus dem Umweltschutz, der Entwicklung oder der Arbeit mit Geflüchteten. Was sie eint ist die Einsicht, dass wir im globalen Norden über unsere Verhältnisse leben. Auf Kosten der Menschen im globalen Süden. Und auf Kosten des Planeten.

2014 hat das Südwind-Magazin dem Thema Wachstum ein Dossier gewidmet.Dabei wurden alternative Ansätze aufgezeigt. Es blieb die Frage, warum deren Umsetzung auf breiter Basis noch auf sich warten lässt. Eine Frage, die immer noch aktuell ist.

Die Bewegung „System Change not Climate Change“ gibt es seit Frühjahr 2015. In den vergangenen Jahren haben die AktivistInnen intensiv gegen den Bau einer dritten Piste am Wiener Flughafen protestiert. Die Infrastruktur für die emissionsintensivste Art der Fortbewegung weiter auszubauen sei nicht zeitgemäß. Seit 2016 veranstaltet die Bewegung jeden Sommer ein großes Klimacamp, auf dem sich KlimaschützerInnen inhaltlich vertiefen und vernetzen. Ähnliche Camps gibt es auch in Deutschland, den Niederlanden und Polen. Die systemkritische Klimabewegung ist europäisch.

Aber ihr Einfluss ist nicht groß genug, um das Ruder herumzureißen. Im März genehmigte das österreichische Bundesverwaltungsgericht den Bau der dritten Piste in Wien. Im selben Monat überlegte die Bundesregierung gar, Wirtschaftswachstum als Staatsziel in die Verfassung aufzunehmen.

Wirtschaftswachstum und Klimaschutz würden sich nicht gegenseitig ausschließen, kommentierte Kurz am 15. Mai die Aktion von Steinwender. Es gehe nicht um Wachstum oder Nachhaltigkeit, sondern um „nachhaltiges Wachstum“.

Nachhaltiges Wachstum, grünes Wachstum. Das ist der Weg, den die großen internationalen Institutionen wie die UNO, die Weltbank, der IWF, die OECD und die EU seit einigen Jahren propagieren. Sie halten es für möglich, das Bruttoinlandsprodukt und dessen ökologische Auswirkung zu entkoppeln. Das BIP soll weiter steigen, während der Ressourcenverbrauch sinkt.

Eine gewaltige Herausforderung, an deren Machbarkeit selbst einige VertreterInnen der großen Institutionen zweifeln. In informellen Unterhaltungen äußern sie solche Zweifel, nach außen aber wird eine geschlossene Haltung gewahrt.

Hoffnung „grünes Wachstum“

Im Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ haben die ForscherInnen des Club of Rome schon 1972 vorausgesagt: bei exponentiellem Wachstum von Ressourcenverbrauch würden die Grenzen dessen, was die Erde verkraftet, bald überschritten sein. KritikerInnen meinten, der Report unterschätze technologische Fortschritte. Doch bisher entsprechen die tatsächlichen Entwicklungen der Prognose.

Grünes Wachstum ist die Hoffnung, dass Effizienzsteigerungen und der Umstieg auf die Dienstleistungsökonomie es ermöglichen, dass die Wirtschaft weiter wächst, ohne der Umwelt zu schaden. Bisher hat der globale Norden Umweltschäden lediglich exportiert. Was wir hier konsumieren, wird in anderen Teilen der Erde hergestellt und belastet dort die Umwelt.

Auch die Effizienzsteigerungen halten nicht, was sie versprechen. Geräte werden zwar effizienter. Gleichzeitig steigt jedoch deren Nutzung und der Konsum allgemein. Ein Beispiel für den sogenannten Rebound-Effekt: Haushaltsgeräte sind in der EU zwischen 2000 und 2015 um zwölf Prozent effizienter geworden – aber im selben Zeitraum ist der Energieverbrauch durch Haushaltsgeräte um 23 Prozent gestiegen, weil es jetzt mehr davon gibt.

Für die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und ökologischen Folgen müsste die Effizienz enorm steigen: Der ökologische Fußabdruck je Euro BIP, also die Fläche, die für die Produktion und Entsorgung verbraucht wird, müsste über 78 Jahre um 90 Prozent reduziert werden, um eine Wachstumsrate von drei Prozent aufrecht zu erhalten.

Die Ökonomin Kate Raworth berichtet in ihrem Buch „Die Donut-Ökonomie“ (vgl. Rubrik Lesestoff in Südwind-Magazin 3-4/2018), dass ein hochrangiger UN-Berater auf ihre Frage, ob grünes Wachstum in den reichsten Ländern der Welt möglich sei, antwortete: „Ich weiß es nicht, niemand weiß es, aber wir müssen es sagen.“

Ressourcenfrage. Clive Spash, Professor für ökologische Ökonomie an der WU Wien, äußert seine Skepsis in Bezug auf grünes Wachstum klar und deutlich: „Das Problem ist, dass bisher keine einzige moderne Wirtschaft existiert, die von materiellem und energetischem Ressourcenverbrauch entkoppelt ist.“

Eine grundlegende Entkopplung würde bedeuten, dass wir auf fossile Brennstoffe verzichten. „Dann gibt es keine billigen Güter und Dienstleistungen mehr“, so Spash. „Keine billigen Flüge, keine Autos, keine Lebensmittel, die mitten im Winter von südlichen in nördliche Staaten transportiert werden, auch kein Plastik!“

Wenn Clive Spash und andere ÖkonomInnen eine neue, transformierte Wirtschaft skizzieren, klingt es in den Ohren vieler vor allem nach einem: Verzicht. Und den kann und will sich unsere Gesellschaft des Überflusses kaum vorstellen. Aber Verzicht ist lediglich eine der Voraussetzungen für eine gerechte und enkeltaugliche Gesellschaft. Auf dem Weg dahin gibt es noch viele weitere Herausforderungen: die Gleichstellung der Geschlechter, die Reform des Finanzsystems, die Bildung von Gemeinschaften …

Mehr als Verzicht. Die Bewegung Degrowth – also „Entwachstum“ – setzt dem Dogma von Wachstum und Wettbewerb, das auf dem Markt aber auch in unseren Köpfen vorherrscht, Genügsamkeit und Gerechtigkeit entgegen. Degrowth möchte nicht weniger vom Gleichen. Es möchte auch nicht das Gleiche in Grün, sondern etwas ganz anderes:

Es gibt verschiedene Vorstellungen davon, wie dieses „Andere“ aussehen könnte. Alle zwei Jahre treffen sich WissenschaftlerInnen sowie AktivistInnen auf einer internationalen Konferenz und versuchen, ihre Visionen zu einen.

Oft ist dabei die Rede von einem bedingungslosen Grundeinkommen und von einem maximalen Einkommen, welches höchstens 30 Mal so hoch sein sollte wie das Grundeinkommen. Ein wichtiger Schritt, um der immensen Einkommensungleichheit entgegenzuwirken.

Damit einher geht die Idee der Arbeitszeitverkürzung: Die Arbeitswoche soll auf maximal 32 Stunden reduziert werden, Unternehmen sollen ihren Angestellten anbieten, sich eine Stelle zu teilen. So könnte die Arbeitslosenquote verringert werden, ohne dass die Wirtschaft weiter wächst. Und die Menschen hätten mehr freie Zeit zur Verfügung.

Ein feministischer Ansatz ist die „Care-Revolution“. Sie strebt neue Modelle von Sorge-Arbeit, also Kinderbetreuung, Altenpflege etc. an, die nicht Profitmaximierung, sondern die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellen, und so verhindern, dass die Sorge-Arbeit nach geschlechtlichen, rassistischen oder klassenbezogenen Strukturierungen verteilt wird.

Zentral in der Degrowth-Bewegung ist die Forderung, das BIP nicht länger als Indikator für wirtschaftlichen Fortschritt zu nutzen, sondern Indizes, die das Allgemeinwohl von Menschen und Umwelt berücksichtigen.

Modell-Funktion. Nach solchen gesellschaftlichen Zielen könnten sich Politik, Unternehmen und Banken ausrichten – sie könnten auch eine Grundlage für verschiedene Arten der Besteuerung sein, ein Versuch, dem „wahren Preis“ von Produkten näher zu kommen.

Unternehmen, unter anderem Banken, bräuchten andere Organisationsformen, um vom Druck befreit zu werden, ständig die Rendite zu maximieren. Zum Beispiel als Genossenschaften mit demokratischer Mitbestimmung. Öffentliche Güter wie Transportmittel, aber auch Wohnraum und Gebrauchsgegenstände wären häufiger in gemeinschaftlichem Besitz statt in Privateigentum.

Es gibt viele Ideen auf allen Ebenen. Und langsam dringt der Diskurs in etablierte Politik-Arenen vor: Im September laden VertreterInnen von sechs Parteien des Europäischen Parlaments zu einer Post-Wachstums-Konferenz ein. „KlimawissenschaftlerInnen warnen, dass das Pariser Abkommen nicht ausreichen wird, um den Klimawandel zu bremsen – wir müssen anfangen, über eine Zukunft nach dem Wachstum nachzudenken“, heißt es dazu auf der Konferenz-Webseite.

Die Frage, wie diese Zukunft aussehen soll und wie wir dahin kommen, muss demokratisch beantwortet werden. Das passiert nicht von einem auf den anderen Tag. Es braucht PionierInnen, die ein anderes Wirtschaften, ein anderes Leben erproben. Einige davon werden in den nächsten Südwind-Magazin-Ausgaben vorgestellt. Sie alle vereint eine Überzeugung, die Lucia Steinwender in der Hofburg auf den Punkt gebracht hat: „Statt Wirtschaftswachstum in der Verfassung zu verankern, müssen wir Menschen und Klima vor Profite stellen.“

Monika Austaller studiert Ecological Economics an der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie schreibt über solidarische Lebensweisen und die sozial-ökologische Transformation. Derzeit arbeitet sie im Entwicklungsausschuss des Europäischen Parlaments in Brüssel.

Ruth Fulterer hat Volkswirtschaft und Philosophie studiert. Sie schreibt, um immer wieder einen neuen Blick auf die Welt zu bekommen und ihn mit anderen zu teilen. Vorzugsweise über Wirtschaft, Nachhaltigkeit und Feminismus.

Leonie Sontheimer erzählt am liebsten Geschichten, die Mut machen. Postwachstum und Digitalisierung sind ihre Themen. 2015 gründete sie das journalistische Kollektiv Collectext. Seit 2017 lernt sie an der Deutschen Journalistenschule.

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