Gequält für ein Lächeln

Barbie & Co. werden in China unter oftmals menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt. Bestehen Chancen auf Änderung? AktivistInnen in Hong Kong und in den Exportländern sowie eine erstarkende chinesische Zivilgesellschaft wollen Hersteller und Fabriksbesitzer zum Umdenken bewegen.

Von Thomas Seifert
Sponge Bob aus dem Perlflussdelta: Nur die Musterschüler der Branche öffnen ihre Fabriken für BesucherInnen.

Im Showroom der Firma „Jetta Company Ltd.“ in Lanhezhen, rund 30 Kilometer südlich der Stadt Guangzhou, ist das ganze Jahr Weihnachten. Ein sprechender Pandabär, Lego, Barbie – es ist alles da, was Kinderherzen höher schlagen lässt. Hier im Perlflussdelta, zwischen Zhongshan und Guangzhou, und zwischen Dongguan und Shenzhen weden 90 Prozent des weltweit produzierten Spielzeugs hergestellt. Es ist nicht alltäglich, dass eine der hier produzierenden Firmen ihre Türen für JournalistInnen öffnet, aber Vincent Tam, Director of Systems and Compliance der Firma Jetta Ltd. – die für Markenfirmen wie etwa LEGO arbeitet – ist davon überzeugt, dass die Fabrik höchsten Ansprüchen genügt, was die Arbeitsbedingungen betrifft.

Man muss sich die Fabrik vorstellen wie eine kleine Stadt. Immerhin arbeiten 8.000 Menschen auf 50.000 Quadratmetern, von denen rund 3.000 auf dem Firmengelände in ArbeiterInnenwohnheimen leben. Die Jetta-Mitarbeiter, die durchs Firmengelände führen, zeigen eine Bücherei, einen Sportplatz, die Kantine (das Essen kostet ein paar Cent). Es gibt Abendkurse, sagen sie, Wand-Zeitungen aus all jenen chinesischen Provinzen, aus denen die ArbeiterInnen kommen, sowie Internet-Kurse.

Es gibt eine Arbeitnehmervertretung in der Fabrik. Doch der „Gesamt-Chinesischen Förderation der Gewerkschaften“ scheinen die ArbeiterInnen nicht sonderlich zu vertrauen. Die gezeigten Schlafsäle des ArbeiterInnenwohnheims sind leer – alle sind in der Fabrik.

Dort herrscht auf mehreren Stockwerken geschäftiges Treiben. Mehrere hundert ArbeiterInnen (die meisten sind Frauen) stecken Spielzeug zusammen und bemalen Figuren. Es ist sehr sauber in der Fabrik, alles wirkt ordentlich. Man hört kaum einen Ton. Dürfen die Anwesenden nicht sprechen?

Die ArbeiterInnen, die mit Sprühfarben kleine Figurteile besprühen, tragen – vorbildlich – Schutzmasken; alle tragen Arbeitskleidung. Der Verdienst liegt zwischen 1.600 und 2.500 Renminbi (175,50 bis 275 Euro) im Monat. Freilich, es müssen eine Menge Überstunden geleistet werden. Doch das würden die Leute gerne machen. „Sie wollen möglichst viel Geld verdienen, wenn sie hier arbeiten“, heißt es von Seiten des Managements. Ob das auch so wäre, wenn das Grundgehalt etwas höher wäre? Die Einkommen bei Jetta Ltd. würden ohnehin über den sonst hier üblichen Gehältern liegen, lautet die Antwort. Was der in Hong Kong lebende Vertreter von LEGO bestätigt. LEGO produziert vielleicht zehn Prozent seiner Produkte in China und arbeitet nur mit Firmen wie Jetta Ltd. zusammen, die gute Produktqualität und die absolute Einhaltung aller Standards garantieren, heißt es.

Man will es ihm glauben – LEGO ist so etwas wie ein Musterschüler der Branche: Die Hochpreis-Marke riskierte ihren guten Namen, würde ruchbar, dass junge Männer und Frauen in China leiden müssen, nur weil EuropäerInnen und AmerikanerInnen zu Weihnachten ein Lächeln in die Gesichter ihrer Kinder zaubern wollen – das aber möglichst billig. LEGO sei daher recht offen für Vorschläge, der Branche strengere Standards zu verpassen, meint Claudia Bonk von Südwind, Projektleiterin der Kampagne „Spielsachen fair machen!“ (siehe auch Kasten auf Seite 36). Denn bis heute können Fabriken beim „International Council of Toy Industries – ICTI“ (Internationaler Spielzeugherstellerverband) eine Zertifizierung bekommen, auch wenn sie nicht einmal die gesetzlichen Mindeststandards Chinas bezüglich Maximal-Arbeitszeiten einhalten, erzählt sie.

Man könne davon ausgehen, dass es eine Menge Hersteller gibt, deren Standards weiter unter jenen der Jetta Group Ltd. liegen, berichtet Bonk.

Doch in diesen Fabriken war noch nie ein Journalist. Chan Sze Wan von der Hong Konger Gruppe SACOM (Students and Scholars Against Corporate Misbehavior) berichtet von Arbeitsunfällen mit teils erheblichen Verletzungen in Fabriken, die für Disney produzieren. Oft ist Übermüdung wegen der vielen Überstunden Auslöser der Unfälle. NGO-Aktivisten haben sich zuletzt in zwei Fabriken eingeschlichen, Sunny Toys (Shenzhen) Co. Ltd. und Dongguan Crown-Ace Toys Company Ltd., die beide für Disney und den US-Billig-Supermarktgiganten Walmart produzieren. Was die Undercover-Aktivisten herausgefunden haben, füllt ein ganzes Sünderegister. Bis zu 160 Stunden die Woche, zum Teil mit durchgearbeiteten Nächten und ohne Überstundenzuschlag. Oftmals nur ein oder zwei Tage im Monat frei, oft wurde auch gleich ganz durchgearbeitet, Sicherheitsprobleme, hohe Strafen bei „Verfehlungen“ und so weiter. Die zwei „Arbeiter“, die in eine Fabrik eingeschleust wurden und ihren Namen lieber nicht gedruckt sehen möchten, berichten zudem von üblen Zuständen in den Wohnheimen, schlechtem Essen in der Kantine und schlechter Bezahlung. Die Arbeitgeber würden den ArbeiterInnen den Jobwechsel schwer machen, denn oft würden sie einen Monatsgehalt einbehalten, wenn jemand die Firma von sich aus verlassen will.

Mitte Oktober zogen SACOM und einige AktivistInnen aus Frankreich, Österreich, Polen und Tschechien vors Büro von Disney am Times Square im Hong Konger Stadtteil Wan Chai, um gegen die Zustände in den Fabriken, in denen Disney produzieren lässt, zu demonstrieren. Disney sei nach Auskunft von SACOM-Aktivistin Chan Sze Wan „zumindest mitschuldig“: Einem der Top-Manager wurde eine Protestnote übergeben, er versprach, den Dingen auf den Grund zu gehen. Doch Frau Chan von SACOM meinte später, dieses Versprechen habe es bereits mehrfach gegeben – geändert habe sich aber nur wenig.

Die Französisch-Schweizerische Aktivistin Marie-Claude Hessler von der Gruppe Réseau Solidarité hat eine andere Firma im Fadenkreuz: Mattel. Doch sie wählt einen alternativen Weg des Protests gegen die Zustände in der Spielzeugindustrie in China. 1997 wurde sie Aktionärin und hat seither keine einzige Aktionärsversammlung versäumt – auf fast jeder dieser Versammlungen bringt sie Vorschläge ein, über die dann in der Aktionärsversammlung gemäß den Statuten abzustimmen ist. Sie schreibt auch regelmäßig Briefe an die Firmenbosse – die ihr auch stets antworten. Ihr Argument: Fair produziertes Spielzeug liege im Interesse der Aktionäre, denen der gute Markenname ein Anliegen sein muss. Die Zustimmung zu den von ihr vorgelegten Petitionen steigt von Jahr zu Jahr.

Doch auch in China selbst versuchen Organisationen, die Situation der ArbeiterInnen zu verbessern. Eine der Organisationen von der Hong Konger Gruppe „Workers Empowerment“ hat in Shenzhen ein Büro, an das sich ArbeiterInnen mit Beschwerden wenden können. Man versucht auch, sie über ihre Rechte aufzuklären.

Sunny Lee betreibt in der Nähe von Shenzhen eine Schule für Wanderarbeiterkinder. Shenzhen ist die „Schwesterstadt“ von Hong Kong, unterliegt allerdings im Gegensatz zur Sonderverwaltungsregion Hong Kong chinesischem Recht. Lee versucht die Verantwortlichen in Partei und Stadtverwaltung von der Notwendigkeit zu überzeugen, mehr für die WanderarbeiterInnen zu tun. Die Schule seines „Ciwei Philanthropy Institute“ kümmert sich um Kinder, deren Eltern in den Spielzeug- und Textilfabriken oder im Atomkraftwerk in der Nähe arbeiten und wegen der langen Überstunden nicht wissen, wer sich nach der Schule um ihre Kinder kümmert. Seit einiger Zeit bekommt Sunny Lee Unterstützung von der Stadtregierung. Er meint: „Nachdem Shenzhen bei der ökonomischen Liberalisierung an vorderster Front stand, sollte es nun auch bei der politischen Liberalisierung an vorderster Front stehen. Die Regierung, die chinesische kommunistische Partei, sie brauchen die Zivilgesellschaft, der Staat kann nicht alle Probleme alleine lösen.“

Von den 14 Millionen EinwohnerInnen der Stadt sind 10 Millionen aus anderen Provinzen zugewandert. Hier hat Deng Xiaoping 1980 die erste „Sonderwirtschaftszone“ eingerichtet, um ausländische Investoren anzuziehen. Und es war auch hier, wo er 1992 mit seiner Tour durch Südchina wieder Signale zur wirtschaftlichen Öffnung setzte, nachdem die Partei-Konservativen nach dem Massaker von Tiananmen alle Wirtschaftsreformen gestoppt hatten.

Sunny Lee ist optimistisch, dass sich die Dinge im Land langsam ändern. Die Impulse könnten von Shenzhen ausgehen. Denn dort gibt es bereits 3.500 NGOs, das ist mehr als das Doppelte des Durchschnitts im Rest von China.

„Solange es keine unabhängigen Gewerkschaften gibt, bleibt das Problem bestehen“, meint Chan King Chi von der University of Hong Kong, der sich mit der Arbeitssituation in China beschäftigt: „Die von der Partei kontrollierten Gewerkschaften stehen oft nicht auf Seiten der Arbeiterschaft und genießen daher nicht das Vertrauen der Menschen, die sie eigentlich vertreten sollten. Solange das so ist, wird sich wenig ändern.“

Thomas Seifert ist Außenpolitik-Redakteur der „Presse“.

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