Geraubte Kultur

Mit dem illegalen Handel mit Kulturgütern werden jährlich Milliarden umgesetzt. Wie antike Objekte aus  Krisengebieten zu uns nach Europa geschmuggelt werden können, dazu recherchierte Richard Solder.

© Thomas Kussin

Andreas Schmidt-Colinet kann einiges erzählen: von organisierter Kriminalität im Handel mit Kulturgütern; von der Verflechtung von elitären Kreisen und Gaunerbanden; von wertvollen historischen Marmorköpfen aus Syrien, die im Kofferraum eines Autos auf einem verlassenen Parkplatz in Linz auftauchen.

Schmidt-Colinet ist Archäologe. Bis 2010 war er Professor am Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien. Seine Berufung ist es, Bewusstsein für den illegalen Handel mit Kulturgütern aus antiken Stätten zu schaffen.

Im Juli 2015 fiel die antike Oasenstadt Palmyra in Syrien in die Hände des „Islamischen Staates“. Der IS begann, Teile der historischen Anlage zu zerstören. Zugleich finanziert sich auch die Terrororganisation teils durch den Verkauf antiker Objekte.

Ob Syrien, Irak oder Ägypten während der Staatskrise 2013/2014 – in Konfliktregionen wird mit antiker Kunst Geschäft gemacht. Die internationale Polizei-Organisation Interpol und die UN-Kulturorganisation UNESCO schätzen, dass zwischen sechs bis acht Milliarden Euro pro Jahr mit illegalen Kulturgütern umgesetzt werden. Nur mit Waffen und Drogen wird am Schwarzmarkt mehr Geld verdient.

Die geraubten Kunstschätze landen dabei mitunter vor unserer Haustür. „Wien und München sind zu wichtigen Drehscheiben geworden“, erklärt Schmidt-Colinet, der selbst lange in Palmyra gearbeitet hat. Der Archäologe führt das auf gute (Handels-)Beziehungen und Verkehrsverbindungen in den Nahen Osten zurück. Wer hierzulande an antiken Statuen, Mosaiken, Figuren o.ä. aus Konfliktregionen interessiert ist, wird laut Schmidt-Colinet schnell fündig. Als Start genüge eine Suche im Internet. Wie ist das möglich?

Im Dunkeln. Der deutsche Journalist Günther Wessel hat für sein 2015 erschienenes Buch „Das schmutzige Geschäft mit der Antike“ in Europa und im Nahen Osten recherchiert. Darin betont er, dass der Handel seit 20 Jahren boomt, besonders aber in den vergangenen Jahren. Die Behörden würden oft im Dunkeln tappen.

Was man weiß: Gerade in Kriegsregionen versuchen Menschen auch aus Mangel an Einkommensmöglichkeiten heraus, aus Funden Geld zu machen. Daneben wird aber auch in großem Maßstab professionell ausgegraben, mit Lastwagen, Baggern und Vorwissen, inklusive Benutzung archäologischer Fachliteratur. Bei Diebstählen in Museen, etwa in Ägypten, wurde immer wieder gezielt nur Wertvolleres mitgenommen.

In Nacht und Nebel-Aktionen und über Umschlagplätze wie Beirut, Kairo, Jerusalem, Tel Aviv oder Dubai kommt das begehrte Gut in den Westen. Der Handel läuft häufig über das Netzwerk von organisierten Schmugglern, die neben Kunst auch anderes transportieren. Doch laut Wessel hat auch Kunstschmuggel durch DiplomatInnen Tradition. Am Schluss der Kette würden PrivatsammlerInnen, Auktionshäuser oder Galerien stehen. „Das Geschäft mit illegalen Fundstücken verbindet die honorigen Spitzen der Gesellschaft mit der Unterwelt“, so Wessel.

Schwierige Mission. Selbst wenn die österreichische Polizei ein geraubtes Objekt in die Finger bekommt, kann sie den Fall nur selten aufklären. „Der Staat muss nachweisen können, dass es gestohlen bzw. illegal ausgegraben wurde. Und dieser Beweis ist meist schwer zu erbringen“, erläutert Anita Gach vom Bundeskriminalamt (BK), Referat Kulturgutfahndung, gegenüber dem Südwind-Magazin.

2015 konnte ihre Abteilung einen Erfolg verbuchen. Nachdem in Innsbruck eine Uschebti, eine altägyptische Statuette, beschlagnahmt worden war, konnte sie an Ägypten zurückgegeben werden. Die zwei Händler, die das Stück im Internet angeboten hatten, wurden zwar wegen Hehlerei angeklagt, aber freigesprochen. Ihr Argument: Sie hätten die Uschebti auf einem Flohmarkt erworben und hätten nicht gewusst, dass es sich um ein antikes Objekt handelt.

Ein Vorsatz kann selten bewiesen werden. Zudem lässt sich in vielen Fällen die direkte Herkunft eines Kulturgutes, Provenienz genannt, nicht feststellen. Oft werden Papiere gefälscht. Antike Objekte werden „gewaschen“ – via ZwischenhändlerInnen bekommen sie eine vermeintlich legale Herkunft. Eine andere häufig angewendete Methode ist, auf eine Erbschaft zu verweisen, die eine Kunstsammlung offenbarte.

Hintergrund: Erst die UNESCO-Konvention von 1970 schützt Kulturgüter international. Da rückwirkend nichts geltend gemacht werden kann, ist der „alte Familienbesitz“ quasi ein Totschlagargument. Und in vielen Fällen gelogen. Kulturgutfahnderin Gach: „So viele private Sammlungen wie angegeben werden gab es früher auch wieder nicht.“

Europaweiter Kampf. Dem Bundeskriminalamt fehlen Druckmittel: „Wir brauchen Rechtsinstrumente, um Objekte sicherstellen zu können“, betont Gach. Dabei sollte die EU eine einheitlichere Linie verfolgen. „Oft ist in einen Fall halb Europa verwickelt. Jedes Land hat seine eigene Gesetzgebung“, wovon die Schmuggler profitieren würden.

In Österreich gibt es, im Unterschied zu anderen europäischen Ländern, keinen Straftatbestand der illegalen Ausgrabung, sondern nur den der Hehlerei und der Unterschlagung – beides eben schwer nachweisbar. Die UNESCO-Konvention aus 1970 hat Österreich bis heute nicht rechtlich umgesetzt. Dieses Frühjahr soll es endlich so weit sein.

Das geplante Gesetz, das Kulturgüterrückgabegesetz, setzt auch Standards in Hinblick auf die Pflichten der HändlerInnen. Für Gach ist es trotzdem eine vertane Chance. Die Kriminalistin kritisiert etwa, dass Aufzeichnungen zu Erwerbungen nur sieben Jahre lang aufbewahrt werden müssen. HändlerInnen illegaler Ware könnten ganz einfach darauf verweisen, dass der Erwerb länger als sieben Jahre zurückliegt. Das BK hatte gefordert, dass diese Aufbewahrungsfrist zumindest auf 30 Jahre ausgeweitet wird.

Appell an SammlerInnen. Internationale Verbände, etwa der internationale Museumsrat ICOM, legen immer häufiger ethische Richtlinien oder so genannte Red Lists an, also Listen über Kulturgüter, die gefährdet sind, illegal gehandelt zu werden. Aber gerade in Krisengebieten ist kein Verlass darauf, dass diese vollständig sind.

Kriminalistinnen und Archäologen sind sich einig – um den illegalen Kunsthandel einzudämmen, müsste man an zwei Stellen ansetzen: Nur noch Objekte mit Ausfuhrgenehmigungen der Herkunftsländer plus möglichst präzisem Herkunftszertifikat sollen gehandelt werden dürfen. Daneben müsse man bei jenen Menschen ansetzen, die Kunst aus Krisenregionen kaufen. „Ich hoffe, dass Käufer und Sammler sensibler werden. Auch Konsumenten im Supermarkt hinterfragen Produkte, wieso verlangen wir das nicht von Kunsthändlern?“, so Gach. Archäologe Schmidt-Colinet formuliert es so: „Wir müssen den Markt ausdünnen, den Leuten sagen: ‚Kauft so etwas nicht!‘“ Für ihn geht Kunstraub in antiken Stätten wie Palmyra dabei alle an: „Das ist unser aller Kulturgeschichte!“

Hinweise: Ö1 bringt ab dem 7. März (9:30 Uhr) in „Radiokolleg“ eine Sendereihe zum Thema. Der Internationale Museumsrat ICOM startete gemeinsam mit dem Kunsthistorischen Museum eine Veranstaltungsreihe, der nächste Termin – u.a. mit Irina Bokova, General-Direktorin der UNESCO – ist der 26. April.

Details: www.icom-oesterreich.at

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