Geschenke „zum Drüberstreuen“

Charakteristisch für die Wirkung von Würze ist, dass oft auch ein kleines Volumen reicht. Das gilt für Gewürze genauso wie für manche Bücher, meint der Buchhändler unseres Vertrauens Rudi Lindorfer.

Von Rudi Lindorfer
Weihnachten: Das sind auch die durch die Wohnung ziehenden Wohlgerüche der Gewürze und Kräuter, die Speisen zur Nasen- und Gaumenfreude und gute Gerichte zu außergewöhnlichen machen. Beim Würzen bedarf es einer lockeren, doch kontrollierten Hand, dazu Erfahrung und Fingerspitzen (-gefühl), um die richtige Dosis zu greifen. Da helfen die besten Kochbücher wenig, blockiert Unsicherheit (oder gar Angst vor dem Nichtkennen – dazu gibt es ja ein gängiges Sprichwort vom Bauern) das Beigeben.
Das wunderbar gemachte „große Buch der hundert Gewürze und Kräuter“ hilft, die Scheu vor dem Unbekannten zu überwinden. Es stellt die in der Regel leicht erhältlichen Produkte auf je einer Seite vor (Botanik, Herkunft/Anbau, Inhaltstoffe, Geruch/Geschmack, Verwendung, Heilkunde). Damit steht dem Experimentieren nichts mehr im Wege. (An die köstlichen Gerichte aus aller Welt im anschließenden Rezeptteil sollten sich jedoch nur am Herd Geübte wagen.)

Die unvergleichliche Wirkung der Würze, die mengenmäßig bei einer Speise kaum ins Gewicht fällt, entfalten auch folgende Bücher – dann, wenn sie verwendet, also gelesen werden. Sie sind nicht umfangreich, verhältnismäßig günstig und passen „zum Drüberstreuen“ unter jeden Christbaum.
So etwa „Der Christbaum von Hami“ von Fritz Mühlenweg, der 1927 tatsächlich in der Wüste Gobi stand. Um ihn entstand eine wunderbare Weihnachtsgeschichte über das Heimisch-Sein in der Fremde. Fritz Mühlenweg schreibt, um Freude zu bereiten: über Verständigung ohne Worte, über „Großes Glück“.
Unvorstellbares Glück, wenigstens für uns realistische Menschen, hat die Möwe Afortunada, dass ihre ölverschmierte Mutter am Balkon von Zorbas gelandet war. Der gutmütige Kater gab der Sterbenden das Versprechen, ihr Ei auszubrüten, das Möwenküken großzuziehen und ihm das Fliegen beizubringen – und mit Hilfe seiner Freunde, den Hafenkatzen (namentlich: Colonello, Secretario und Schlaumeier, Besitzer eines enzyklopädischen Lexikons) und einem Dichter kann er sein Versprechen halten. Sabine Wilharm hat diese Erzählung (für Kinder ab 7, 8 Jahren gedacht, aber auch für Erwachsene: unbedingt lesenswert) kongenial illustriert.

Ebenso liebevoll schreibt Eric-Emmanuel Schmitt über den jüdischen Buben Moses und Monsieur Ibrahim, der für alle „der Araber an der Ecke“ ist, und dem Moses manchmal Konserven klaut. Aber Monsieur Ibrahim sieht mehr und weiter. Er ist ein verschmitzter Weiser, der viele Geheimnisse kennt – auch die des Glücks und des Lächelns.
Wer nun denkt, das „Drüberstreuen“ sollte pfeffriger sein, greife zu „Aphorismen und Sarkasmen“ von Noam Chomsky, die Michael Haupt aus dem Gesamtwerk gewählt hat, aber wie dieser Untertitel sagt: nur für Leute mit, im übertragenen Sinn, gutem Magen geeignet.
Schließlich bietet sich ein Bouquet garni an, das Hartmut Fähndrich aus 16 Erzählungen von AutorInnen aus Ägypten, Libyen, Marokko, Palästina, Syrien, dem Irak und dem Sudan gebunden hat. Sie alle spiegeln ein Stück Realität wider, handeln von alltäglichen Tragödien, vom Leiden an der Armut, von Liebe, Sehnsucht und Tod, von Träumen und Hoffnungen. Allein schon wegen der grünen Farbe passt es unter jeden Christbaum – und auch wegen des Friedensgrußes.


Judith Meyer/Philipp Notter/Lucas Rosenblatt/Armin Zogbaum: Das große Buch der Hundert Gewürze und Kräuter
Fona, Lenzburg 2004. 224 Seiten mit zahlr. Farbfotos. EUR 49,90
Fritz Mühlenweg; Der Christbaum von Hami. Libelle, Konstanz 2004. 40 Seiten. EUR 5,10
Eric-Emmanuel Schmitt:
Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran
Fischer, Frankfurt/M. 2004. 101 Seiten. EUR 7,20
Luis Sepúlveda:
Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte
Fischer, Frankfurt/M. 2004. 141 Seiten. EUR 6,20 (Gebunden EUR 13,30)
Noam Chomsky: Von Staaten und anderen Schurken
Europa Vlg., Leipzig 2004. 95 Seiten. EUR 5,20
Hg. Hartmut Fähndrich: Auf Besuch
Lenos, Basel 2004. 159 Seiten. EUR 7,10

Rudi Lindorfer ist Buchhändler von Südwind/Buchwelt in Wien.

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