Geschichte der Arktis

Urbevölkerung
Möglicherweise haben schon vor 30.000 Jahren Menschen in der Arktis gelebt. Gegen Ende der letzten Eiszeit, vor 10.000 Jahren, folgten Jägergemeinschaften Herden von Karibus, Wollhaarmammuts und Wollnashörnern durch den Norden Sibiriens. Sie waren die ersten Menschen, die die Beringstraße Richtung Nordamerika überquerten. Einige tausend Jahre später hatten sich ihre Nachkommen entlang der arktischen Küste niedergelassen und auf die Jagd von Walen, Walrössern und Robben spezialisiert.

Beginn der Landnahme
Den Namen erhielt die Region von den alten Griechen - "Arktos", der Bär, nach dem Sternbild des Großen Bären am Nordhimmel. Die Wikinger waren die ersten, die sich mit ihren Booten nördlich des Polarkreises wagten. Sie kolonisierten im 10. Jahrhundert unter Erik dem Roten das südliche Grönland. Ab dem 12. Jahrhundert wurde das nördliche Sibirien von russischen Fürstentümern aus erforscht und besiedelt. Ende des 17. Jahrhunderts gehörte die gesamte Region zum Russischen Reich. Ab dem 16. Jahrhundert gelangten europäische Forschungsreisende immer weiter nach Norden und erhoben Ansprüche auf die von ihnen "entdeckten" Gebiete. Oft verschleppten sie UreinwohnerInnen in ihre Heimat, um diese Ansprüche zu untermauern.

Suche nach Handelswegen
Die Erforschung der Arktis begann im 16. Jahrhundert mit der Suche nach einem Seeweg durch die Arktis nach Asien. Britische, niederländische, norwegische, russische und dänische Abenteurer bemühten sich vier Jahrhunderte lang, einen Weg Richtung Westen oder Osten durch das scheinbar undurchdringliche Eis zu finden. Alle scheiterten. Im Rahmen dieser Expeditionen wurden aber große Teile der Arktis erforscht. Im 17. Jahrhundert begann die kommerzielle Jagd nach Walen (Tran und Walbein) und Walrössern (Stoßzähne). Wer dabei nicht ums Leben kam, konnte sich ein Vermögen verdienen. Um 1900 waren die Populationen zahlreicher arktischer Meeressäuger stark dezimiert, der Grönlandwal war beinahe ausgerottet.

Amerikanische Arktis
Zwischen 1818 und 1845 versuchte die britische Marine, einen Seeweg zwischen Atlantik und Pazifik nördlich des amerikanischen Kontinents zu finden ("Nordwestpassage"). Höhepunkt war die Expedition unter Sir John Franklin, die unter einem schlechten Stern stand. Schiffe und Mannschaften blieben verschollen; 15 Rettungsexpeditionen in den folgenden Jahren endeten ergebnislos. Die Suche nach Franklin brachte auch die USA erstmals in die Arktis. Im Zuge der Intensivierung des Walfangs erwarben die USA 1867 Alaska um 7,2 Mio. US-Dollar vom Zarenreich. Die indigene Bevölkerung des Gebiets wurde weder zu Rate gezogen noch informiert. Kanada erhielt seinen Teil der Arktis, ein Archipel mit über 36.000 Inseln, 1880 von den Briten. Die Nordwestpassage wurde schließlich zwischen 1903 und 1906 erstmals durchquert, und zwar vom norwegischen Polarforscher Roald Amundsen. Bereits 1878 gelang dem finnisch-schwedischen Wissenschaftler Adolf Erik Nordenskjöld die erste Durchquerung der Nordostpassage (nördlich des eurasischen Festlands).

Wettlauf um Ressourcen
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war bekannt, dass es in Teilen der Arktis bedeutende mineralische Bodenschätze gab. In den 1890er Jahren brachte der Goldrausch am Klondike in Alaska tausende Abenteurer an den Rand der Arktis. In der Folge gingen auch die USA und Kanada erstmals daran, im hohen Norden für Recht und Ordnung zu sorgen. Das zaristische Russland entdeckte in der Arktis große Vorkommen von Kohle, Diamanten, Nickel und Kupfer. Der Kohleabbau in Spitzbergen begann 1899; bis in die 1970er Jahre wurden dort insgesamt 450.000 Tonnen gefördert. Am lukrativsten waren die Öl- und Gasvorkommen, die im 20. Jahrhundert im nördlichen Alaska gefunden wurden. Nordamerikas größtes Ölfeld in der Prudhoe Bay wurde erst 1968 entdeckt. Seit den 1970ern wird auch in Sibirien in industriellem Maßstab Öl und Gas gefördert, in Kanada und Norwegen begann die Erschließung etwas später.

Krieg in der Kälte
Im Zweiten Weltkrieg gewann die Arktis als Gebiet für den Transport von Waffen und Nachschub und als Standort für Wetterstationen strategische Bedeutung. Es kam zu Gefechten mit deutschen Truppen, die Sabotageaktionen gegen die Alliierten durchführten. Mit der Errichtung von Stützpunkten, Landebahnen und Funkstationen wurde die gesamte Region erschlossen und die bisherige Abgeschiedenheit der indigenen Gemeinschaften beendet. In den 1950er Jahren verwandelte der Kalte Krieg die Arktis in einen wichtigen Schauplatz des Ost-West-Konflikts. Radaranlagen wurden überall in der Region errichtet, an vielen Orten Truppen auf permanenter Basis stationiert. Mit Luftvermessungen wurden Karten in bisher unerreichter Genauigkeit erstellt, was die Streitigkeiten über Souveränitätsrechte in der Region anheizte.

Auswirkungen auf die indigene Bevölkerung
Seit dem 19. Jahrhundert haben Handel, Jagd, die Förderung von Bodenschätzen und die starke Zuwanderung aus dem Süden die Lebensumstände der indigenen Bevölkerung tiefgreifend verändert. Mit dem kommerziellen Walfang und der Ölförderung im nördlichen Alaska wurden indigene Gemeinschaften in die Marktwirtschaft integriert; Alkoholismus und zuvor unbekannte Krankheiten breiteten sich aus. In Kanada wurden viele Inuit in den 1950er Jahren gezwungen, ihre nomadische Lebensweise aufzugeben und sich in permanenten Siedlungen niederzulassen (auch ganz im Norden, um kanadische Souveränitätsansprüche zu untermauern), wo sie von Regierungszuwendungen abhängig wurden. In Grönland wurde die ursprüngliche Bevölkerung zwangsweise "zivilisiert", in Sowjetrussland einer Russifizierung unterworfen.

In den letzten Jahrzehnten sind die indigenen Gemeinschaften wieder erstarkt. Die indigene Bevölkerung wächst, ihre Sprachen und traditionelle Lebensweisen erfahren eine Wiederbelebung. Seit den 1960er Jahren, zum Teil im Rahmen des Widerstands gegen die industrielle Erschließung ihres Lebensraumes, haben die Völker der Arktis begonnen, für Landrechte und politische Autonomie zu kämpfen. Mit unterschiedlichem Erfolg: Während sie in Grönland eine an Unabhängigkeit heranreichende politische Autonomie genießen, sind in Russland nicht einmal ihre Grundrechte gewährleistet.

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Quellen
Barry Lopez, Arctic Dreams: Imagination and Desire in a Northern Landscape, Harvill Press 1999; Robert McGhee, The Last Imaginary Place: a human history of the Arctic world, Oxford University Press 2005; Richard Vaughan, The Arctic: a history, The History Press 2008; Enyclopedia Britannica - www.britannica.com

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