Gestohlenes Fünf-Sterne-Leben

Indien ist stolz auf seine ökonomische Entwicklung. Sie hat einen gewaltigen Schönheitsfehler: Millionen Menschen sind in Sklaverei und Zwangsarbeit gefangen. Die Arbeit engagierter AktivistInnen gestaltet sich schwierig, weil offizielle Stellen häufig die Missstände bestreiten und unkooperativ sind.

Von Brigitte Voykowitsch
Ich habe nur Reste zu essen bekommen … Sie haben mich oft geschlagen … Nachts haben sie mich in ein Zimmer gesperrt … Ich durfte meine Familie nie anrufen … Geld habe ich keines bekommen.“ Zögernd erzählt Sunita über die Jahre, in denen sie in Neu-Delhi für die Familie eines Arztes alle Hausarbeit erledigen musste. Ein Vertrauensmann des Arztes war in ihr Dorf im nordindischen Bundesstaat Uttaranchal gekommen und hatte ihren Eltern angeboten, die Tochter mit nach Delhi zu nehmen. Dort würde sie in einem wohlhabenden Haus Teilzeit arbeiten, zugleich würde ihr der Arbeitgeber eine gute Ausbildung ermöglichen. Sunitas Eltern willigten ein. Doch ihr Traum von einer guten Zukunft führte die älteste Tochter in eine der gängigsten Formen moderner Sklaverei – als so genannte Hausangestellte, ohne Rechte und ohne jeglichen Schutz ihrem Arbeitgeber ausgeliefert.
Einmal war Sunita kurz alleine zuhause gewesen, die Frau des Arztes hatte den Schlüssel stecken lassen, und Sunita nutzte den Augenblick zur Flucht. Sie lief die Straßen entlang. „Die Tränen liefen mir übers Gesicht, ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Irgendwann sprach mich eine Frau an und fragte, ob ich Hilfe bräuchte.“ Dank dieser Frau kam Sunita, die zwischen 14 und 16 Jahre alt sein dürfte – sie selbst weiß ihr Geburtsdatum nicht – zu Bachpan Bachao Andolan (Rettet die Kinder-Bewegung), wo sie nun psychologisch betreut wird und eine Berufsausbildung erhält.

Wie viele minderjährige Mädchen und Burschen respektive erwachsene Frauen und Männer als Hausangestellte in Indien arbeiten, ist unbekannt. Fest steht: Die Lebensqualität der 200-300 Millionen Menschen zählenden Mittel- und Oberschicht beruht zu einem wesentlichen Teil auf der Verfügbarkeit billiger Arbeitskräfte, die putzen, kochen, waschen und Kinder hüten – und oft wie SklavInnen gehalten werden. „Jeder weiß, dass es sie gibt. Aber sie arbeiten hinter verschlossenen Türen“, sagt Debi Prasad Mondal vom Indien-Büro der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Viele werden – wie Sunita – von Mittelsmännern angeheuert. Manche bezahlen den Familien der neu engagierten Arbeitskraft einige tausend Rupien (55 Rupien sind umgerechnet 1 Euro) als, wie sie behaupten, „Vorschuss“ auf künftige Geldüberweisungen – die dann nie eintreffen.
Immer mehr Hausangestellte werden über Agenturen vermittelt, deren strikte Regulierung und Kontrolle die in Neu Delhi ansässige Nationale Frauenkommission (NCW) nun fordert. Derzeit benötigen diese Agenturen lediglich eine Lizenz von der jeweiligen Gemeinde, die aber keinerlei Überprüfungen durchführt, sagt Malini Bhattacharya von der NCW. Sie hat bereits zahlreiche Klagen erhalten, wonach manche dieser Agenturen in einen blühenden Mädchen- und Frauenhandel verwickelt sein sollen. Frauen werden mit falschen Versprechungen oder mit Gewalt in die Rotlichtbezirke der Großstädte gebracht.
In den letzten Jahren mehren sich auch Meldungen, denen zufolge junge Frauen aus ärmeren nördlichen und nordöstlichen Bundesstaaten wie Bihar, Uttaranchal, Uttar Pradesh oder Assam als Bräute in die westlichen Bundesstaaten Haryana und Punjab verkauft werden, wo die massive Abtreibung weiblicher Föten bereits zu einem Mangel an potenziellen Ehefrauen führt.
Zuverlässige Zahlen über das Ausmaß dieses Frauenhandels liegen ebenso wenig vor wie über viele andere Formen zeitgenössischer Sklaverei. Die Fälle, die publik werden, sind laut Malini Bhattacharya lediglich die Spitze des Eisbergs.

„Jeder möchte reich werden und das möglichst rasch. Jeder möchte ein Fünf-Sterne-Leben führen. Und sei es auf Kosten der anderen. Ausbeutung, Menschenhandel und Sklaverei sind gang und gäbe in diesem Land“, sagt Swami Agnivesh, Gründer und Leiter der Bandhua Mukti Morcha (BMM, Bewegung zur Befreiung aus der Schuldknechtschaft). Nach den Recherchen und Berechnungen von BMM leben derzeit mindestens 20 Millionen InderInnen, davon 35 Prozent Kinder, in Schuldknechtschaft. Ein kleiner Kredit, den eine arme Familie aufnehmen muss, um ein Arzthonorar oder Medizin zu bezahlen, um der Tochter eine Mitgift geben oder ein Familienmitglied bestatten zu können, führt häufig zu lebenslanger Schuldknechtschaft. Wucherer, wohlhabende Bauern und Unternehmer, die für die Armen oft die einzig verfügbaren Kreditgeber sind, fordern die Arbeitskraft des Kreditnehmers, seiner Kinder oder häufig auch seiner gesamten Familie als Gegenleistung. Doch weder Kreditkonditionen noch Abrechnungsmodus sind transparent. Die miserablen Löhne und exorbitanten Zinsen machen die Rückzahlung von selbst winzigen Krediten nahezu unmöglich. Ob in der Landwirtschaft oder am Bau, in der Leder- oder Textilindustrie, in der Zigaretten- oder Salzproduktion, in Ziegelwerken oder in der Glasbläserei – der Kreditnehmer und seine Angehörigen verbringen oft ihr gesamtes Leben in Schuldknechtschaft.
Daran hat sich auch drei Jahrzehnte nach der Verabschiedung des Gesetzes zur Abschaffung der Schuldknechtschaft 1976 kaum etwas verändert. Es sieht auch umfassende Programme zur Rehabilitation der befreiten Menschen vor. Weitere Gesetze verbieten die Arbeit von Kindern unter 14 Jahren in gefährlichen und gesundheitsschädigenden Industrien sowie jede Form von Menschen- oder Frauenhandel. Dazu gibt es gesetzlich geregelte Mindestlöhne.
Als größtes Hindernis betrachten Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie Bandhua Mukti Morcha oder Bachpan Bachao Andolan die Haltung der diversen Landesregierungen. Mitte der 1990er Jahre legten 13 Bundesstaaten dem Obersten Gerichtshof Berichte vor, denen zufolge es auf ihrem Gebiet keine Schuldknechtschaft mehr gäbe. Untersuchungen des Obersten Gerichtshofes belegten dagegen die Existenz von Millionen Menschen in Schuldknechtschaft. Die Mehrheit gehört den so genannten Scheduled Castes (ehemaligen Unberührbaren) und Scheduled Tribes (Stammesangehörigen) an.
Entsprechend schwierig gestaltet sich die Arbeit der zahlreichen NGOs, die sich mit rechtlichen Mitteln, Aufklärungskampagnen, Lobbying und eigenen Rehabilitationszentren für die Beendigung jeglicher Form von Sklaverei und sklavenartiger Arbeitsverhältnisse engagieren. Sobald ihren MitarbeiterInnen oder InformantInnen Fälle von Schuldknechtschaft oder Zwangsarbeit bekannt werden, versuchen diese NGOs mittels Einschaltung der Polizei und gerichtlichen Klagen die Befreiung der ArbeiterInnen zu erwirken. Danach werden sie nach Möglichkeit in speziellen Projekten mit dem Ziel betreut, eine neue Existenzgrundlage aufzubauen. Wenn staatliche Organe abblocken, führen Organisationen wie Bachpan Bachao Andolan immer wieder auch selbst Aktionen zur Befreiung von KinderarbeiterInnen durch. So weit wie möglich verfolgen sie die Gerichtsverfahren gegen angeklagte ArbeitgeberInnen. Doch solche Verfahren können sich über viele Jahre hinziehen, und nur in seltenen Fällen kommt es zu einer Verurteilung.

Bandhua Mukti Morcha hat seit seiner Gründung 1981 die Befreiung von mehr als 172.000 Menschen – darunter 26.000 Kinder – erreicht. Swami Agnivesh, der wegen seines Engagements häufig bedroht und auch mehrfach in Haft genommen wurde, erhielt 2004 den Alternativen Nobelpreis. Dennoch bleibt er realistisch: Der Kampf werde noch lange dauern angesichts der enormen Armut und (semi)feudalen Verhältnisse in vielen Landesteilen sowie der häufigen Lethargie oder Feindseligkeit staatlicher Organe und der Dimensionen der Ausbeutung und Sklaverei. „Indien ist stolz auf seine ökonomische Entwicklung der vergangenen zehn Jahre. Indien will Großmacht sein“, sagt Swami Agnivesh. „Doch wir werden uns erst dann ein zivilisiertes und entwickeltes Land nennen dürfen, wenn wir die Sklaverei wirklich abgeschafft haben.“

Brigitte Voykowitsch ist Indienspezialistin und freie Journalistin in Wien.

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