„Gewalt macht Männer nicht glücklich“

Eine ganze Generation junger Männer will aus dem Kreislauf der Gewalt ausbrechen und Frauen solidarisch unterstützen, meint der Gender-Aktivist Gary Barker. Mit ihm sprach Nikki van der Gaag.

Jugendliche in Brasilien: Zeigen, dass es auch anders geht.

Wie kamen Sie zu dieser Arbeit?
Gary Barker:
Mein Vater war Sozialarbeiter, und Sozialarbeit ist ja weitgehend ein Frauenberuf. Dass Männer Betreuungsarbeit leisten, war für mich daher kein Problem. Als ich ein Kind war, gehörte Gewalt zum Leben eines Jungen dazu, in der Schule und im eigenen Viertel. Einmal, in der Cafeteria der High School, wurde ein junger Mann praktisch unmittelbar vor meinen Augen erschossen. In der Schule wurde sehr schlecht damit umgegangen; kaum dass überhaupt darüber gesprochen wurde. Und ich erinnere mich, dass ich damals dachte: „Moment mal, irgendwas ist da nicht in Ordnung. Wie kann es sein, dass wir nicht einmal fähig sind, darüber zu reden?“

Dann, zu Beginn meiner Berufstätigkeit, arbeitete ich mit Jugendlichen zu den Themen reproduktive Gesundheit und reproduktive Rechte, größtenteils auch ein weibliches Arbeitsfeld. Dabei ging es oft um die üblen Dinge, die Männer jungen Frauen antun, wie sie sie in eine prekäre Situation bringen, Schema „Männer sind doch echt schrecklich“. Also begann ich mir zu sagen, „He, ich bin auch ein Mann! Es muss auch andere Männer geben, die etwas Grips im Kopf haben, vielleicht können wir gemeinsam etwas tun, um diese männlichen Rollenbilder zu verändern.“ So fing es an.

Welche Methoden haben sich am effektivsten erwiesen, um Männer – und Frauen – für Ihre Arbeit zu gewinnen?
Die internationale Frauenbewegung und die UN-Konventionen waren zwar wichtig, um dieser Arbeit Impulse zu geben, aber die wertvollsten und nützlichsten Erkenntnisse gewinnt man aus dem täglichen Leben von Paaren, daraus, wie sie selbst mit Fragen der Gleichberechtigung umgehen. Selbst dort, wo die Geschlechterrollen praktisch einzementiert sind, gibt es Männer, die bereit sind, etwas in Frage zu stellen und offen zu sagen, was sich ändern sollte. Persönliche Beispiele bewirken mehr als irgendwelche Handbücher oder Kampagnen.

Ich denke da besonders an einen jungen Mann, ich nenne ihn João. Die meisten seiner Familienangehörigen hatten etwas mit dem Drogenhandel zu tun. Er verdiente sich sein Geld mit Autowaschen und dem Aufpassen auf Autos in dem Mittelschichtviertel, wo ich wohnte, und ging dann abends nach Hause. Es war ihm klar, dass Leute, die nachts einem jungen Schwarzen mit ziemlich zerschlissenen Arbeitskleidern begegnen, davon ausgehen, es mit einem Dieb zu tun zu haben. Daher rief er in der Regel: „Keine Angst, ich bin ein Guter!“ Er war ausgesprochen humorvoll. Er hatte auch eine fantastische Großmutter, sie war der Anker der ganzen Familie.

Wie auch immer, seine Freundin wurde schwanger. Ihre Familie hielt nicht gerade große Stücke von ihm und war dagegen, dass er mit ihr lebte oder viel Kontakt mit dem Kind hatte. Aber er kämpfte darum, gab sich echt Mühe, ihren Standpunkt zu verstehen, ihnen zu erklären, dass er bleiben würde, dass er ihre Tochter und ihr Enkelkind liebte. Ich war beeindruckt. Sein Cousin wurde von Drogenhändlern umgebracht, seine Brüder sind alle in den Drogenhandel verwickelt, sein Vater starb früh, weil er zu viel trank, und doch war er imstande, zu sagen: „Ich werde mich nicht in dieses Eck drängen lassen. Ich werde nicht dieser gewalttätige, halbkriminelle Trinker sein, der ich in den Augen der Gesellschaft eigentlich sein sollte.“

Junge Männer wie João, die ihren eigenen Weg gehen wollen, gibt es haufenweise. Wir haben vielen geholfen, aus den Banden herauszukommen. Sie sind alle sehr engagierte Väter. Viele kommen heute auf Empfehlung der jungen Leute zu uns, mit denen wir ganz am Anfang gearbeitet haben. Das ist schon ein Erfolg.

Gary Barker

Ist Gewalt hier das Hauptproblem?
In der Regel produziert die Gesellschaft keine Männer, für die Gleichberechtigung selbstverständlich ist. Sie scheint es eher darauf anzulegen, zornige, verantwortungslose und gewalttätige Männer zu erzeugen. Aber Gewalt auszuüben macht Männer nicht glücklich. Es macht eher deutlich, wie schlecht es ihnen eigentlich geht und dass sie selbst als Heranwachsende Gewalt erlebt haben. Wir müssen einerseits sagen, „Das darfst du nicht tun!“ und dafür sorgen, dass Gewalt nicht straflos bleibt, aber den Männern andererseits auch sagen: „Wir verstehen, dass deine Gewalttätigkeit von der Gewalt herrührt, die du als Kind erlebt oder miterlebt hast, und wir würden dir gerne zeigen, wie es anders geht.“ Wenn wir sozusagen beide Hände ausstrecken, die eine als Mittel der sozialen Kontrolle und die andere, um Hilfe anzubieten, dann werden wir am ehesten Erfolg haben.

Haben Sie den Eindruck, dass das Interesse an Genderarbeit mit Männern zunimmt?
Wir erleben einen Generationswechsel. Es gibt eine Generation junger Männer, für die Frauenrechte von Anfang an etwas Normales waren, und eine Generation junger Frauen, die erwarten, von Männern dementsprechend respektiert zu werden. Ich glaube, dass unsere Arbeit in vielen Teilen der Welt von der Wirklichkeit vorangetrieben wird. Es gibt immer mehr Frauen, die Gleichberechtigung wollen und sagen: „Natürlich solltet ihr (als Männer) hier sein. Ihr braucht euch nicht vorne hinzustellen und uns zuerst einmal erklären, warum Männer in die Genderarbeit einbezogen werden sollten. Wir kapieren das.“ Aber es besteht nach wie vor – und in einigen Fällen ist das auch gut so – einiges Misstrauen: „Wir wollen uns davon überzeugen, dass ihr tatsächlich für Gleichberechtigung einsteht und dass ihr nicht zu den antifeministischen Backlash-Gruppen gehört.“ Diese Männergruppen sind in den meisten Ländern nicht so bedeutend, aber sie sind schon ein echtes Brechmittel.

Was muss der nächste Schritt sein?
Wir können uns zwar auf Männer – und Frauen – berufen, die versichern, unsere Arbeit hätte ihr Leben verändert, aber wie gelingt der Sprung von den Veränderungen auf persönlicher Ebene hin zu einem Wandel auf politischer Ebene? Wir müssen uns darüber klar sein, dass diese Arbeit noch nicht Teil des Mainstreams ist. Natürlich werden Männer auf Privilegien verzichten müssen, wenn sie wirklich Gleichberechtigung wollen. Das Schwierigste ist vielleicht, auf die Arbeit zu verzichten, die viele Frauen und Mädchen so oft für Männer leisten.

Etwas haben wir aber bisher noch nicht wirklich geschafft, nämlich herauszufinden, wie man „die Medizin versüßen“ kann: Wie wir den Männern helfen können, zu begreifen, dass die Gleichberechtigung ihre positiven Seiten hat – besseren Sex, glücklichere Partnerinnen, glücklichere Kinder, ein glücklicheres Leben für die Männer selbst, weil ihre Kinder und Partnerinnen glücklicher sind. Es gibt Win-Wins dabei, und wir müssen dafür sorgen, dass diese beiderseitigen Vorteile besser bekannt werden.

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