Ghana: Wo Elektroschrott landet

Von Christina Schröder ·
Müllberg aus Elektroschrott
So schaut´s aus: Das schmutzige Ende von Tonnen von elektrischen und elektronischen Geräten in Accra, Ghana. © Christina Schröder

Dreimal schneller als die Menge an normalem Müll wächst die des Elektro- und Elektronikschrotts weltweit. Vieles davon landet immer noch auf illegalen Wegen in den Ländern des Südens.

Rund zwölf Millionen Tonnen wiegt der Berg an Elektro- und Elektronikaltgeräten, die jährlich in der EU ausrangiert werden. Das entspricht mehr als dem Gewicht von 1.000 Eiffeltürmen. Weniger als die Hälfte davon, nur rund 42 Prozent, werden EU-weit einem sachgemäßen Recycling zugeführt. In Österreich sind im Jahr 2019 ganze 168.000 Tonnen E-Müll entstanden, etwas mehr als die Hälfte davon wurde über die Abgabe bei öffentlichen Sammelstellen wiederverwertet.

Unzählige ausgediente Fernseher, Kühlschränke, Computer, Laptops und andere Geräte landen aber in tausenden Containern verstaut in den großen europäischen Häfen, vor allem Hamburg und Rotterdam. Laut der internationalen kriminalpolizeilichen Organisation Interpol enthält fast jeder dritte Container, der die EU verlässt und dabei kontrolliert wird, als Gebrauchtware deklarierte, aber nicht mehr funktionierende Elektrogeräte. So wird das Exportverbot von gefährlichem E-Müll aus der EU, das seit 1989 im internationalen Umweltabkommen, der Basler Konvention, geregelt wird, umschifft.

Das illegale Geschäft mit dem Schrott prosperiert. Laut einem Bericht des Europäischen Rechnungshofes erzielen kriminelle Banden mit der Verbringung von E-Müll „Erlöse, die mit denen aus dem Drogenhandel vergleichbar sein können“.

Informelle Müllwirtschaft. Eine der Zieldestinationen ist das westafrikanische Ghana. Schon vor ihrer Ankunft im Hafen der Hauptstadt Accra werden die Container voller Altgeräte von Kleinhandelsunternehmen angekauft. Ob die Ware funktionstüchtig ist, können sie dabei nicht überprüfen. Sie geben das Risiko an ihre Kund*innen weiter, die erst nach dem Kauf feststellen können, ob die Geräte noch gehen oder nicht. Früher oder später werden sie auf jeden Fall zu Schrott.

Ghana 

Hauptstadt: Accra   

Fläche: 238.537 km2 (fast drei Mal so groß wie Österreich) 

Einwohner*innen: rund 31 Millionen 

Human Development Index (HDI): Rang 138 von 189 (Österreich 18) 

BIP pro Kopf: 2.328 US-Dollar (2020, Österreich: 48.105,4 US-Dollar, 2020) 

Gini-Koeffizient (Einkommensungleichheit): 43,5 (2016), Österreich: 30,8 (2018)

Regierungssystem: Präsidentielle Republik mit Staatsoberhaupt und Regierungschef Nana Addo Dankwa Akufo-Addo seit Jänner 2017.

Da es vor Ort weder flächendeckende Müllsammlungen noch Trennungs-oder Recyclinganlagen gibt, hat sich in den vergangenen 20 Jahren eine stets anwachsende informelle Müllwirtschaft auf Deponien im ganzen Land entwickelt.

Schätzungen zufolge leben in Ghana mittlerweise bis zu 10.000 Menschen –vorwiegend junge Männer, aber auch Kinder – von diesem Wirtschaftszweig. Mit bloßen Händen zerlegen sie die Gehäuse und verbrennen ohne Schutzkleidung die Kabel von kaputten Geräten, um so an auslösbare Metalle, vor allem Kupfer, zu kommen. Das verkaufen sie billig an Zwischenhändler*innen vor Ort weiter. Manche Teile wie Leiterplatten, die wertvollere Materialen, z. B. Gold, beinhalten, werden ins Ausland verkauft. Dort werden sie von den verhältnismäßig wenigen großen und technisch gut ausgerüsteten Recycling-Unternehmen weiter zerlegt.

Wertvoller Schrott. Laut dem Elektroschrott-Monitor, einem gemeinsamen Bericht von UN-Institutionen, der Internationalen Abfallvereinigung und Gewerkschaften fielen im Jahr 2019 weltweit 53,6 Millionen Tonnen Elektroschrott an. Der Wert der darin enthaltenen Rohstoffe (hauptsächlich Eisen, Kupfer und Gold) betrug über 50 Milliarden Euro. Dennoch werden bei der durchschnittlichen Recyclingquote von nur 17,4 Prozent lediglich Rohstoffe im Wert von rund 8,4 Mrd. Euro umweltschonend zurückgewonnen.

Der Umkehrschluss: 82,6 Prozent des Schrotts landete mit all seinen wertvollen und giftigen Materialien unbehandelt irgendwo anders.

Zurück nach Ghana: Mit der mageren Ausbeute von ein paar Euro am Tag, die Menschen auf den E-Müllhalden für das ausgelöste Kupfer bekommen, können sie sich gerade so über Wasser halten. Viele sparen sich davon noch so viel wie möglich vom Mund ab, um Geld an die Familien, die meist weit entfernt in noch ärmeren ländlichen Regionen im Norden leben, schicken zu können.

Diejenigen, die auf den Müllhalden arbeiten, bezahlen mit ihrer Gesundheit: Schnitte oder Verbrennungen verletzen die Haut der Menschen, die Gifte und Schadstoffe, die beim Zerlegen der Geräten entweichen, gelangen in die Lungen und den Blutkreislauf, wo sie früher oder später schwere Erkrankungen, inklusive Krebs, auslösen können.

Menschen in Gefahr. Zuletzt hat die UN-Weltgesundheitsorganisation WHO im Juni 2021 in einem Bericht belegt, dass die schädlichen Chemikalien aus dem Elektroschrott weltweit eine besondere Gefahr für die Gesundheit von Millionen von Kindern und schwangeren Müttern, die in der Umgebung der Müllhalden wohnen oder dort mitarbeiten, darstellen.

WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus: „So wie die Weltgemeinschaft sich entschlossen hat, gemeinsam die Meere und ihre Ökosysteme vor der Verschmutzung durch Plastik und Mikroplastik zu schützen, müssen wir Wege finden, wie wir unsere wertvollste Ressource – die Gesundheit unserer Kinder – vor der wachsenden Bedrohung durch Elektroschrott schützen können.“

Dieses Ziel verfolgt auch Mike Anane, ein unabhängiger Umweltjournalist aus Ghana. Seit vor mehr als zwei Jahrzehnten die ersten Geräte aus dem Norden in Ghana landeten, dokumentiert er die schädlichen Auswirkungen im Land und macht auf UN-Ebene und gemeinsam mit NGOs weltweit darauf aufmerksam. Dabei zitiert er u. a. die Zahlen aus dem globalen Elektroschrott-Monitor 2020, wonach die Menschen in Afrika gerade einmal 2,5 kg Elektroschrott pro Person und Jahr produzieren. In Österreich sind es mit 18,8 kg noch mehr als im EU-Schnitt, der bei 16,2 kg liegt.

Adieu, Agbogbloshie 

In den vergangenen 20 Jahren erlangte die Müllhalde Agbogbloshie in Ghanas Hauptstadt Accra traurige Bekanntheit als die größte ihrer Art und einer der giftigsten Orte der Welt. Dort wo einst eine Lagune und ein artenreiches Feuchtgebiet die Stadt vom Meer trennte, verbrannten und zerschellten bis vor Kurzem ununterbrochen tonnenweise Altgeräte aus der ganzen Welt.

Im Juli ließ die Stadtregierung das Areal räumen. Wenig später verkündete sie, es zu dekontaminieren und darauf einen Krankenhauskomplex zu errichten.   An der Problematik der weiterhin ins Land kommenden Ströme an Altgeräten ändere das nichts, so Mike Anane, ein lokaler Umweltjournalist. Die meisten der rund 4.000 Menschen, die in Agbogbloshie gearbeitet hatten, seien bereits auf andere Müllhalden ausgewichen, versichert Anane dem Südwind-Magazin.   cs

Anane spricht sich vehement dagegen aus, dass E-Schrott aus dem Globalen Norden im Globalen Süden entsorgt wird: „Arme Länder wir Ghana haben überproportional mit den negativen Auswirkung des E-Schrotts aus Industrieländern zu kämpfen. Er vergiftet unsere Gewässer und den Boden und macht unsere Leute krank. Das ist globale Umweltungerechtigkeit, die gegen Abkommen und Gesetze verstößt!“

Handlungsbedarf. Anane und viele NGOs weltweit sehen Lösungsmöglichkeiten auf Ebene der Politik, der Wirtschaft und des Konsums: Sie setzen sich für die Einhaltung bestehender Abkommen wie der Basler Konvention ein und fordern lückenlose Kontrollen und internationale Strafverfolgung bei Umweltkriminalität.

Von Unternehmen verlangen sie langlebigere und reparaturfähige Produkte sowie die Rücknahme von kaputten Geräten und ihr sachgemäßes Recycling.

Für Konsument*innen wäre es dadurch zudem einfacher, ihren Konsum an elektronischen und elektrischen Produkten zu reduzieren. Was kaputt geht, sollen diese ausschließlich einem sachgemäßen Recycling zuführen, z. B. bei kommunalen Sammelstellen, raten Expert*innen.

Angesichts der Prognosen des „Global E-waste Monitor“ von jährlichen 74 Millionen Tonnen E-Schrott bis 2030 sollte das Problem im Sinne von Mensch und Umwelt wohl so bald als möglich und so gut wie möglich gelöst werden.

Südwind-Magazin-Redakteurin Christina Schröder war für Recherchen im Rahmen von Südwind-Projekten drei Mal in Ghana, wo sie mehrmals mit Umweltjournalist Mike Anane die Elektromüllhalde Agbogbloshie besucht hat.

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