Globalisierung und Peripherie

Die Globalisierung schafft nicht nur im weltweiten Maßstab Ausgrenzung und Fragmentierung, sie gestaltet auch im nationalen Raum die Verteilungsebenen neu: eine gar nicht so widersprüchliche Folge der "uralten" Funktionsweise des Kapitalismus, meint

Von Andreas Novy
Es scheint paradox: Zum einen reden alle von Globalisierung, vom Zusammenwachsen der Welt aufgrund einer Vielzahl technologischer, kultureller und ökonomischer Faktoren. Zum anderen ist seit den Krisen in Südostasien, Rußland und Brasilien offensichtlich, daß das alte Konzept von Peripherie keineswegs überholt ist. Ausgrenzung und Fragmentierung sind daher nicht als Gegenteil, sondern als Bestandteil von Globalisierung zu sehen.

Welche gesellschaftliche Dynamik ist dafür verantwortlich, daß sich gleichzeitig Globalisierungs- und Peripherisierungsprozesse verstärken? Die Antwort darauf muß in der "uralten" Funktionsweise des Kapitalismus gesucht werden, dem gleichzeitig eine expansive und eine fragmentierende Dynamik innewohnt.

Die europäische, den ganzen Globus umspannende Expansion schuf erst eine Zentrum-Peripherie- Beziehung. Ohne Zentrum keine Peripherie und umgekehrt. Im Zuge des Kolonialismus wurde den eroberten Ländern der Platz als Rohstofflieferenten zugewiesen, ausgerichtet auf die Erfordernisse der Zentren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schien sich die Abhängigkeitsstruktur zu verändern. Zum einen waren die Industriestaaten mit sich selbst beschäftigt, zum anderen erweiterte die politische Unabhängigkeit die Handlungsspielräume der Peripheriestaaten. Doch die in den siebziger Jahren einsetzende Krise der Nachkriegsordnung in den Zentren zeigte, daß die Zentrum-Peripherie-Struktur noch nicht überwunden war. Danach verschärfte sich der Druck der Industriestaaten auf die peripheren Länder.

Einerseits wurde mit der Bedienung der Schulden Kapital in die Zentren exportiert, andererseits fand Kapital aus den Zentren an der Peripherie großzügigste Investitionsbedingungen vor.

Die "Globalisierung", verstanden als eine hierarchisierte Weltwirtschaft, ist somit keineswegs neu. Jedoch erlaubten neue Kommunikationstechnologien und liberale politische Regulierungen die Konsolidierung multinationaler Großunternehmen und die Dominanz privaten, global handelbaren Geldes. Kern der neuen Rahmenbedingungen ist die Liberalisierung des Kapitalverkehrs. Nun können das Finanzkapital und die zunehmend verflochtenen Multis des Nordens global vorgeben, was als rentable Investition angesehen wird.

Deswegen geraten immer mehr Unternehmen und Nationen unter Druck, sich in ihrem Handeln an diesen hohen Renditen zu orientieren.

Nach innen geben die Nationen diesen Druck an die Menschen weiter: Alle sollen sich unternehmerisch an dieser kollektiven Anstrengung in Richtung Wettbewerbsfähigkeit beteiligen. Aus diesem Grund schafft die Globalisierung nicht nur weltweit Zentren und Peripherien, sondern sie gestaltet alle räumlichen Ebenen um:

Selbst innerhalb des "nationalen Wettbewerbsstaats" herrscht ein Standortwettbewerb von Städten und Regionen. "Vater Staat", der fürsorgende und gleichzeitig bevormundende Nationalstaat, förderte auf nationaler Ebene einen Vereinheitlichungsprozeß. Soziale und räumliche Unterschiede verringerten sich. Mit der Krise des Nationalstaats gewinnt die fragmentierende Dynamik des Kapitalismus wieder an Kraft.

Weltstädte wie London weisen nach innen eine sich verschärfende Zentrum-Peripherie-Struktur auf: neben den Finanzplätzen die Obdachlosen, in der U-Bahn Bettler, neben den Einkaufspalästen das Flair der Dritten Welt.

Eine Politik, die sich der Globalisierung unterwirft und damit die Polarisierung fördert, besteht aus einer Kombination von einem Mehr und Weniger an Staatsintervention. Zum einen zieht sich der Staat aus der Obsorge für die Bevölkerung zurück: die Menschen seien reif, sich selbst um ihre Gesundheit, Bildung und Altersversorgung zu kümmern; obrigkeitsstaatliche Interventionen seien auf die Fürsorge für die Schwachen zu beschränken.

Zum anderen versuchen die Regierungen mit allen Mitteln, Ansiedlungen multinationaler Unternehmungen zu fördern. Die Notenbanken gewinnen an Bedeutung, denn sie übernehmen die Aufgabe, allen Vermögensbesitzern, die im Land investierten, sichere Renditen zu gewährleisten.

In den letzten zwanzig Jahren diskreditierte der Neoliberalismus erfolgreich den Sozialstaat im Norden und den Entwicklungsstaat im Süden. Damit beraubt sich das System seiner KonsumentInnen.

Damit sich langfristige Investitionen wieder lohnen, darf sich Einkommen und Vermögen nicht immer weiter bei immer weniger Personen und Staaten konzentrieren. Setzen sich jedoch das Lohndrücken und der Sozialabbau global fort, sind die gegenwärtigen Krisen an der Peripherie nur Vorboten einer globalen Krise. Der großangelegte neoliberale Bereicherungs- und Ausgrenzungsprozeß ist daher widersprüchlich und ruft deshalb auf allen Ebenen Gegenbewegungen auf den Plan: als globale Gegenöffentlichkeit (wie in Chiapas oder beim Gegengipfel in Davos), als nationale Vernetzungen von Sozialinitiativen und Gewerkschaften (wie die Landlosenbewegung in Brasilien oder das Armutsnetzwerk in Österreich) und als lokale Bewegung gegen Ausgrenzung.

Peripherisierung erfaßt den ganzen Globus, es müssen ihr daher auch globusumspannend Alternativen entgegengesetzt werden.

Der Autor ist Universitätsassistent am Institut für Raumplanung und Regionalentwicklung der Wirtschaftsuniversität Wien.

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