„Großes soziales Unrecht“

Jährlich sterben weltweit zehntausende Frauen bei und nach unsicheren Schwangerschaftsabbrüchen. Die Ärztin Rebecca Gomperts erklärt im Interview, warum sie sich mittels Schiffen und Drohnen für das Recht auf Abtreibung engagiert.

Rebecca Gomperts© WoW / Willem Velthoven

Abtreibung ist ein heikles Thema. Warum setzen Sie sich gerade dafür ein?

Dass das Recht auf Abtreibung zu meinem Thema geworden ist, war nicht meine ursprüngliche Intention. Für mich ist der Kampf gegen soziales Unrecht und für Menschenrechte von großer Bedeutung. Dort, wo Abtreibung kriminalisiert wird, wird großes soziales Unrecht erzeugt. Die, die Geld haben, finden immer eine Möglichkeit. Die anderen riskieren ihre Gesundheit.

Sie sorgen regelmäßig mit den Schiffskampagnen Ihrer NGO „Women on Waves“ für Aufregung, bei denen Sie Länder, die Abtreibung verbieten, ansteuern und die Abtreibungspille in internationalen Gewässern verabreichen. Wie ist diese Idee entstanden?

Ich war als Ärztin mit dem Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior II in Lateinamerika unterwegs. Da ich davor als Abtreibungsärztin in den Niederlanden aktiv war, habe ich mich für das Thema interessiert. In Mexiko erfuhr ich, dass Abtreibung dort illegal ist und man nicht darüber spricht. Aber ich habe auf dieser Reise nicht aufgehört nachzufragen und viele unterschiedliche tragische Geschichten gehört. Da wurde mir klar, dass ich dagegen etwas unternehmen möchte. Die Geschichten der Frauen in Latein- und Südamerika waren meine Inspiration.

Früher waren es Stricknadeln und Kleiderbügel. Welche Methoden für unsichere Abtreibungen werden heute noch angewendet?

Kräuter, Pflanzen, starke Unterbauch-Massagen, die Verabreichung von Seifen-Inhaltsstoffen – aber das funktioniert alles nicht. Wirklich gefährlich sind dann die invasiven Eingriffe mit spitzen Gegenständen wie Nadeln oder Zweigen.

Ihre Schiffskampagnen haben vorwiegend in europäischen Ländern stattgefunden und einen breiten öffentlichen Diskurs angestoßen. Wie ist die Situation von Frauen außerhalb von Europa?

Die Länder sind nicht vergleichbar: In manchen Staaten wie Kolumbien, Bolivien oder Tansania ist das offiziell für andere Behandlungen deklarierte Medikament Misoprostol beziehungsweise Cytotec, das auch Abtreibungen sicher ermöglicht, sehr einfach in Apotheken erhältlich. In Niger ist das zum Beispiel unvorstellbar und lokale Hilfe sehr schwierig zu finden. In anderen Ländern wie in El Salvador werden Frauen, die abtreiben, aktiv verfolgt und inhaftiert. Besonders dramatisch ist die Situation in Brasilien, wo das Medikament mit 2.000 US-Dollar de facto unerschwinglich ist und alle auf dem Postweg geschickten Pillen konfisziert werden. Aber massive Probleme haben auch Frauen in den USA, wo es in vielen Staaten keine Abtreibungskliniken gibt. Das bedeutet, dass es für Frauen in den USA durchaus schwieriger sein kann abzutreiben als für Frauen in Tansania.

Verfolgt „Women on Waves“ je nach Weltgegend unterschiedliche Strate­gien?

Ja. Unser großes Ziel ist, Frauen darüber zu informieren, dass es Medikamente für einen sicheren Abbruch gibt. Mit dem Schiff können wir einzelnen Frauen helfen, aber vor allem bringen wir das Thema ins öffentliche Bewusstsein. Dafür brauchen wir die Presse und darum machen wir diese und andere medienwirksamen Aktionen wie etwa den Flug einer Drohne mit Abtreibungsmedikamenten von Frankfurt nach Slubice in Polen.

Aber die Gegebenheiten im Land müssen passen, deshalb planen wir unsere Aktionen immer mit lokalen Frauengruppen. In Ländern, die wir etwa mit dem Schiff nicht ansteuern können oder in denen ein öffentlicher Diskurs nicht möglich ist, trainieren wir Frauengruppen, die das Wissen weitergeben. Darüber hinaus richten wir Safe-Abortion-Hotlines ein. Solche gibt es mittlerweile in vielen Ländern, etwa in Kenia, Bangladesch oder Ecuador. Diese Strategie funktioniert natürlich nur dort, wo die Medizin einfach erhältlich ist. Und wir haben ein Netzwerk von Ärztinnen und Ärzten, die illegale Abbrüche vornehmen.

Wenn es keine andere Möglichkeit gibt, verschicken Sie die Abtreibungspille?

Ob Abtreibung illegal ist oder nicht, ist für „Women on Waves“ letztlich nicht mehr wesentlich. Mit der Abtreibungspille können Frauen sie selbst und unabhängig von Ärztinnen und Ärzten vornehmen – und das ist eine Revolution. Aber wir verschicken die Medikamente nicht selbst. Wir arbeiten mit einem Apotheker in Indien zusammen, der das macht. Ein großartiger Mensch und ein wahrer Philanthrop.

Ist Internetzensur ein Thema?

Wir wissen nicht genau, in welchen Ländern unsere Website gesperrt ist. Zuletzt im Iran, habe ich erfahren. Allerdings sind in betroffenen Ländern immer viele Websites gesperrt und die Menschen haben Wege gefunden, diese Zensur zu umgehen. Was für uns die größten Probleme sind, ist, dass zum Beispiel Google-Anzeigen für uns nicht möglich sind, oder dass iTunes unsere App mit länderspezifischen Infos zu Abtreibung nicht akzeptiert hat. Das haben wir aber jetzt angefochten.

Sie bekommen es mit Abtreibungsgegnerinnen und -gegnern auf der ganzen Welt zu tun. Sind sich deren Motive ähnlich?

Alle Anti-Abtreibungs-Organisationen weltweit verwenden größtenteils dasselbe Material. Das ist eine globale Bewegung ausgehend vom Vatikan und den USA, die sehr aktiv ist und viel Geld hat.

Sind Sie generell vielen Anfeindungen ausgesetzt?

Ach, nein. Die sind nicht so schlimm – nicht im Vergleich mit den vielen positiven Reaktionen von Frauen, die dankbar für unsere Hilfe sind.

Interview: Cornelia Grobner. Sie ist freie Journalistin in Wien.

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