Haare als Ware

Die Sehnsucht der Menschen, sich mit fremden Haaren zu schmücken, reicht weit zurück in die Vergangenheit. In der Gegenwart ist sie zu einem immer weiter wachsenden Industriezweig mit globalen Verflechtungen geworden.

Von Christina Schröder

Indisches Haar: in Tempeln gespendet, in Haarfabriken sortiert und am Weltmarkt verkauft.© Anette Nantell / TT News Agency / picturedesk.com

Schon in der Antike – von Ägypten bis Rom – waren Echthaar-Perücken beliebt und thronten auf den Köpfen derjenigen, die es sich leisten konnten. Dann stieg der Einfluss der christlichen Kirche, die dies als Zeichen der Eitelkeit verpönte. So mussten die Menschen in unseren Breiten lange mit ihren eigenen Haaren Vorlieb nehmen.

Ab dem 17. Jahrhundert verhalfen die französischen Könige Ludwig XIII. und Ludwig XIV. der Perücke aber zu einem Revival. Haarsammler streiften in der Folge durch weite Teile Europas und sollen vor allem Bauersfrauen „wie Schafen“ die Haare geschoren haben. Mit diesen Worten beschrieb der englische Schriftsteller Thomas Trollope (1810-1892) seine Beobachtungen in der französischen Bretagne der 1840er Jahre.

Echthaar für alle. Die Perücke hält sich bis heute, und sie ist nicht mehr den Reichen und Mächtigen vorbehalten. Dazugekommen sind Haarverlängerungen – in wachsendem Ausmaß. Dabei werden lange, glatte, Haarsträhnen an den eigenen – kurzen – Haaren befestigt.

Der Absatz von Echthaar-Teilen steigt weltweit: Eine komplette Haarverlängerung kann sowohl in Indien als auch in den USA bis zu 5.000 US-Dollar kosten. Das Unternehmen Great Lengths mit Sitz in Italien und Produktion vorwiegend in Indien ist Weltmarktführer. Im Jahr 2017 wurde der globale Verbrauchermarkt auf 1,35 Milliarden Dollar geschätzt, die Hälfte davon entfiel auf den US-Markt, gefolgt von Europa und Asien/Pazifik.

Der Rohstoff Haar wird weltweit beschafft. In Indien liegen Echthaare auf Platz drei im Exportgut-Ranking. Geschätzte zehn Mio. gläubige Hindus lassen sich jährlich in indischen Tempeln freiwillig und kostenlos die Haare scheren, um die Götter gnädig zu stimmen. Die Tempelbetreiber verkaufen die Haare um gutes Geld weiter. 400 Kilo indisches Echthaar bringen am Markt über 100.000 Dollar.

Hornfäden mit Wert. In anderen Ländern – beispielsweise in Vietnam, in Staaten Osteuropas und sogar in Spanien – lässt ökonomischer Druck die Menschen ihre Haare um weit niedrigere Dollar-Beträge verkaufen.

In Pakistan sammeln auch Kinder Haarreste aus dem Müll und Frauen die Reste aus ihren Kämmen und Bürsten, um sie zu Geld zu machen. Laut der pakistanischen Tageszeitung Dawn sollen in den vergangenen fünf Jahren rund 100.000 Kilogramm Echthaar aus dem südasiatischen Land nach China exportiert worden sein.

Die Verarbeitung ist aufwendig, denn die Haare müssen gebündelt, gewaschen, behandelt und gefärbt werden. Deswegen geschieht der Großteil der zeitintensiven Arbeit dort, wo die Löhne niedrig sind, hauptsächlich in Südostasien und China.

China ist zudem auch der größte Exporteur von Echthaarprodukten. Der Hauptabnehmer für Perücken sind mit 40 Prozent die USA, auf dem zweiten Platz rangiert Afrika mit 37 Prozent.

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