Hamakom – der Ort am Nestroyplatz

Von Werner Hörtner ·

Wien hat endlich wieder eine Bühne, die sich mit zeitgeschichtlichen und interkulturellen Themen auseinandersetzt. Begonnen wurde mit dem Nahen Osten.

Die Leopoldstadt, der zweite Wiener Gemeindebezirk, beherbergte um die Wende zum 20. Jahrhundert eine lebendige Vergnügungs- und Theaterszene. In dieser Zeit entstand auch das Jugendstilgebäude am Nestroyplatz Nr. 1, wo in der Folge verschiedene künstlerische Etablissements und Theatergruppen ihr Domizil fanden. Der „Anschluss“ bedeutete für das gesamte jüdische Theaterleben in Wien das Ende, das Haus am Nestroyplatz wurde arisiert.

Bis 1997 wurde das ehemalige Theater an mehrere Supermarktketten vermietet, ab 2004 erfolgte eine teilweise Nutzung für kulturelle Zwecke. Bis im Mai 2008 eine neue Initiative entstand, die „Gruppe Theater Nestroyhof Hamakom“ unter der Leitung von Frederic Lion und Amira Bibawy. Diese reichten bei der Stadt Wien ein Projekt um eine Konzeptförderung ein und erhielten nicht nur diese, sondern auch einen Baukostenzuschuss zur Renovierung der Theaterräumlichkeiten. „Diese Konzeptförderung für vier Jahre ist die langfristigste Förderung, die es im so genannten Off-Theaterbereich gibt. Da muss man nicht einzeln für Projekte ansuchen, sondern es wird das Gesamtkonzept subventioniert“, zeigt sich Frederic Lion im Gespräch mit Werner Hörtner zufrieden. Der Beiname des Theaters Nestroyhof, „Hamakom“ (auf Hebräisch: der Ort), ist für den Schweizer Theatermacher, der durch sein Studium am Reinhardt-Seminar und eine spätere Tätigkeit als Regisseur am Volkstheater eng mit Wien verbunden ist, auch Programm. „Der Ort“ mit seinen zeitgeschichtlichen Spuren inspiriert zur Beschäftigung mit Zeitgeschichte – „etwas, was mich in meiner Theaterarbeit immer interessiert hat“.

Die erste Saison des alten neuen Theaters startete im vergangenen November mit dem israelischen Familiendrama „Rückkehr nach Haifa“, eine humorvolle Auseinandersetzung mit der Diskrepanz zwischen Weltanschauung und Lebensrealität und auch „eine dialektische Spiegelung mit diesem Ort, der ja arisiert wurde“. Ein Palästinenser kehrt in sein nunmehr von einer israelischen Familie bewohntes Haus in Haifa zurück, was die liberale Weltanschauung der neuen BewohnerInnen auf eine schwere Probe stellt.

Im Anschluss an diese österreichische Erstaufführung der „Rückkehr nach Haifa“ von Ilan Hatsor brachte der Nestroyhof die „Palästinensischen Monologe“ ins Haus, ein Festival mit Theaterstücken, Lesungen, Konzerten und Filmvorführungen als Form subjektiver Geschichtsverarbeitung.

Dieses Festival gliederte sich ein in die zweite Schiene des Hamakom-Theaters, den von Amira Bibawy kuratierten interdisziplinären Bereich. Allein ihr Lebenslauf macht sie für diese Tätigkeit prädestiniert: geboren in Stuttgart, ägyptische Österreicherin, akademische Ausbildung in Wien, Berlin und Berkeley, Kalifornien. „Dieser Bereich richtet sich am Gesamtkonzept aus, an den gleichen Thematiken. Es geht darum, Geschichte in die Gegenwart zu holen, Probleme oder auch positive Entwicklungen, die sich in verschiedenen Kulturen, in verschiedenen Identitäten ereignet haben, zu reflektieren. Transkulturell heißt für uns nicht nur, das Fremde einzuladen und zu präsentieren, sondern auch innerhalb der Gesellschaft, in der wir hier leben, zu beobachten, wie die Menschen mit ihrer Identitätssuche, mit ihrem Heimatbegriff umgehen“, umreißt Amira Bibawy ihr Konzept.

Der Start im Spätherbst war sehr intensiv und dicht. Als nächstes Stück steht das „Café Treblinka“ von Werner Kofler auf dem Programm, das ebenfalls einen zeitgeschichtlichen Bezug aufweist: diesmal zu Kärnten, zur Vergangenheit Kärntens, zur Nazizeit.

„Im Februar werden wir diese Anfangsdynamik etwas entkrampfen, weil wir von unserer Struktur her das gar nicht durchhalten können, so mit Volldampf zu produzieren. Für die zweite Jahreshälfte haben wir schon Ideen – doch darüber spricht man noch nicht …“, blickt Frederic Lion voraus.

Das genaue Programm und weitere Informationen auf www.hamakom.at

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