Handbuch gegen Vorurteile. Von Auschwitzlüge bis Zuwanderungstsunami

Nina Horaczek/Sebastian Wiese

Sachbuch. Czernin Verlag, Wien 2011, 304 Seiten, EUR 24,90

Österreich droht von Bauernkindern überschwemmt zu werden. Diese Furcht einflößende Schlagzeile malte man sich aus, wenn die Redaktionen von Boulevardzeitungen die Geburtenstatistiken studieren würden. Denn es sind keineswegs Ausländerinnen, die in Österreich die höchste Geburtenrate aufweisen, sondern heimische Bäuerinnen mit 2,5 Kindern pro Frau gegenüber 2,02 Kindern pro Ausländerin. Von „Überflutung“ durch deren Nachkommen kann also keine Rede sein: Ohne sie würde die Bevölkerungszahl schrumpfen – mit allen desaströsen Konsequenzen für das Sozialsystem.

Das Handbuch der Vorurteile versucht den liebsten Stammtischweisheiten der ÖsterreicherInnen mit Fakten zu begegnen. Viele davon kreisen um ZuwandererInnen, „Asylanten“ und „Sozialschmarotzerinnen“ ausländischer Provenienz und nähren den Zulauf, den rechte Parteien genießen. Dabei zeigt sich, dass die meisten der stetig wiedergekäuten Bedrohungsszenarien entweder auf aufgebauschten Einzelfällen beruhen oder frei erfunden sind.

Wer weiß schon, dass rund 30 Prozent der in Österreich lebenden ausländischen StaatsbürgerInnen auf den österreichischen Pass verzichten, obwohl sie längst einen Rechtsanspruch auf Einbürgerung haben? Entgegen anders lautenden Befürchtungen sinkt die Zahl der Einbürgerungen fast kontinuierlich. In der diesbezüglich äußerst restriktiven Schweiz hingegen stieg sie in den vergangenen Jahren um ein Vielfaches.

Der Band beschäftigt sich mit modernem Aberglauben, der sich in immer wieder kehrenden Phrasen wie Devisenraub durch Ausländer, soziale Hängematte, Kopftuch, Ausländerkriminalität, Minarettverbot, Islamismusdebatte, Scharia in Österreich, Wirtschaftsflüchtlinge und „Zuwanderertsunami“ niederschlägt. In nüchterner Form stellt das Autorenduo gängigen Vorurteilen, für die auch Quellen aus der Presse zitiert werden, Statistiken, Gesetze und Tatsachen gegenüber. Das Buch ist äußerst hilfreich für alle, die sich den Stammtischen stellen und ihre Position mit handfestem Material untermauern wollen. Jene, die ihre Vorurteile gerne pflegen oder daraus politischen Profit schlagen, werden es leider kaum zur Hand nehmen.
Ralf Leonhard

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