Handel(n) auf Augenhöhe

Faire Handelsbeziehungen zwischen globalem Süden und Norden werden auch im Bereich des Handwerks verfolgt. Die größte einschlägige Importorganisation in Österreich ist die EZA Fairer Handel GmbH. Brigitte Pilz hat sich in ihrer Zentrale in Köstendorf bei Salzburg umgehört.

Glashütte von COPAVIC in Guatemala: Kooperative statt Ausbeutung.© EZA Fairer Handel / mawi

Der Klassiker einer Produzentengruppe des Fairen Handels ist COPAVIC: Eine Handvoll junger Männer hat sich in der Gemeinde Cantel in Guatemala vor 40 Jahren von einem ausbeuterischen Arbeitgeber getrennt und als Kooperative eine eigene Glashütte aufgebaut. Bis heute entsteht dort mundgeblasenes Glas in vielen Formen. Ausgangsmaterial ist ausschließlich Altglas. Der kleinere Teil der Produktion wird im Land verkauft. Der Export läuft über Organisationen des Fairen Handels.

Gläser aus Guatemala, handgewebte Stofftiere aus Sri Lanka, einzeln signierte bemalte Keramikschalen aus Südafrika, farbenfrohe Bastkörbe aus Bangla​​desch, grazile Specksteinfiguren aus Kenia – die Vielfalt des Angebotes ist groß. Die EZA Fairer Handel GmbH importiert seit Mitte der 1970er Jahre neben Lebensmitteln auch Handwerk direkt von ProduzentInnen aus Afrika, Asien und Lateinamerika.

Strenge Kriterien. Insgesamt unterliegt der Faire Handel strengen Kriterien, die von der World Fair Trade Organization, WFTO, formuliert wurden. Die WFTO ist ein Zusammenschluss von 400 Mitgliedern, mehrheitlich Produzenten- und Vermarktungsorganisationen aus dem globalen Süden, Importfirmen und Weltladendachverbänden aus dem Norden. Die EZA ist Gründungsmitglied. Der Faire Handel soll vor allem marginalisierten KleinproduzentInnen zugute kommen. Zwischen Lieferanten und Käufern werden im Dialog Preise ausgehandelt, die eine sozialverträgliche Entlohnung aller MitarbeiterInnen ermöglichen. Bei Bedarf gibt es mindestens 50 Prozent Vorauszahlungen von Seiten des Käufers. Detaillierte Prinzipien betreffen ferner umweltschonende Produktion, Fortbildung, soziales Engagement, Frauenförderung und vieles mehr. Diese Prinzipien beziehen sich nicht auf einzelne Produkte, sondern auf die Arbeitsweise gesamter Organisationen und betreffen alle Mitglieder der WFTO.

Früher eher Beiwerk. In den Anfängen waren Handwerksprodukte eher Beiwerk zu Kaffee, Tee, Kakao oder Gewürzen. Etwas verstaubt lagerten sie in den dunklen Ecken der Läden: Mützen aus wertvollem Alpakagarn, die mitunter auf keinen Kopf passten, jahrelang gestapelte immer gleiche Fußabstreifer. Seit Mitte der 1990er Jahre haben sich schrittweise sowohl Präsentation als auch die Produkte selbst verändert. Heute können die inzwischen 90 österreichischen Fachgeschäfte des Fairen Handels durchwegs mit jedem modern gestalteten Kunsthandwerksshop mithalten. Mehrheitlich werden sie von Vereinen betrieben, drei von der EZA direkt. Alle sind im Dachverband ARGE Weltläden Mitglied.

Organisationen des Fairen Handels unterstützen die Handwerksbetriebe mit Designberatung. „Dabei ist wichtig“, sagt Andrea Reitinger, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit in der EZA, „dass das Authentische eines Produkts nicht verloren geht.“ Positiv ist, dass inzwischen junge Menschen im jeweiligen Land des Südens über Knowhow bei Design, aber auch bei Management und Vermarktung verfügen. Die Ausbildung der Kinder wird häufig durch die mühevolle Handarbeit der Eltern finanziert. „Das gibt eine gute Perspektive für die Zukunft“, sagt Andrea Schlehuber, Geschäftsführerin der EZA. „Für uns ist der Erhalt traditionellen Handwerks ja kein Selbstzweck“, ergänzt Reitinger. „Es geht um die Menschen und ihre Wahlmöglichkeiten.“

Wichtiges Bindeglied. Craft Link ist eine 1996 gegründete vietnamesische NGO in Hanoi, die sozial benachteiligten ProduzentInnen Märkte eröffnet. Die EZA bezieht von Craft Link Keramik aus dem Dorf Bat Trang. Über 1.000 Haushalte sind in die Produktion eingebunden. Lokale Vermarktungsorganisationen wie Craft Link stellen oft ein wichtiges Bindeglied dar. Sie sind dafür verantwortlich, dass die Kriterien des Fairen Handels nicht nur in der Vermarktung, sondern auch in der Produktion umgesetzt werden. Craft Link setzt weiters darauf, nicht nur von Exporten (und seien sie noch so fair) abhängig zu sein und betreibt Shops in Vietnam selbst.

Der Handwerksbereich im Fairen Handel ist komplex und kleinteilig. Zum Vergleich: Hinter den Produkten der EZA stehen insgesamt 150 Produzentengruppen (Lebensmittel, Bekleidung und Handwerk). Der Gesamtumsatz beträgt 16 Millionen Euro jährlich. Mit Handwerk, das auch Modeaccessoires wie Schmuck und Taschen umfasst, werden rund 20 Prozent des Umsatzes erzielt, es wird aber mit 60 Produzentengruppen gearbeitet. Trotz schwieriger Rahmenbedingungen zeigt sich ein positives Bild. In den letzten sechs Jahren konnten die Umsätze der EZA im Bereich Handwerk verdoppelt werden. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die EZA auch andere Organisationen des Fairen Handels in Europa beliefert.

Rein geschäftlich wäre es einfacher, sich auf Lebensmittel und Bekleidung zu konzentrieren. Schlehuber: „Die EZA wäre ohne Handwerk nicht die EZA. Und es gibt für viele Produzentinnen und Produzenten keine Alternative. Auch für die Attraktivität der Läden ist das Kunsthandwerk wichtig. Damit wird gezeigt, dass hier die Welt zu Gast ist.“

Die Intensität der Kontakte mit den einzelnen Produzentengruppen ist sehr unterschiedlich. Die Hälfte von ihnen ist schon länger im System des Fairen Handels verankert. Sie sind entweder selbst Mitglied der WFTO oder mit Mitgliedsorganisationen in Kontakt.

Aufbauarbeit. Manchmal ist intensive Aufbauarbeit mit ProduzentInnen nötig: Diskussion der Kriterien, Umsetzung, Evaluierung. Mit einem Workshop vor Ort ist es nicht getan. Schlehuber: „Auch wir müssen in diesem Prozess flexibel sein.“ Die Produktgestaltung und Stückelung von Bestellungen etwa spielen eine Rolle.

Dhaka Handicrafts aus Bangladesch vermarktet unter anderem Körbe aus Bambus, Rohr, Gras oder Jute. Sie werden von über 60 Frauengruppen in entlegenen Dörfern hergestellt. „Es macht natürlich einen Unterschied, ob von einer Gruppe zehn Korbgrößen in mehreren Mustern und Farben geflochten werden müssen oder ob drei Varianten je 1.000 Stück bestellt werden“, bemerkte die Geschäftsführerin von Dhaka Handicrafts, Tanu Dey, bei einem Besuch in Österreich. Vielfalt im Angebot und Fairness gegenüber den ProduzentInnen müssen gut gegeneinander abgewogen werden.

Gibt es eine Garantie dafür, dass ein Produkt fair erzeugt und gehandelt worden ist? Noch besteht kein Gütesiegel für „faires Handwerk“. Die WFTO arbeitet intensiv daran: Kriterien des Fairen Handels werden verfeinert, Evaluierung und Kontrolle sind institutionalisiert. Trotz allem: Der Kauf von fairem Handwerk basiert auf dem Vertrauen zu den Importeuren. Die Konkurrenz ist groß. Nicht nur auf Weihnachtsmärkten wird viel Direktimport angeboten. Und manches Handwerksprodukt eines Einrichtungshauses entpuppt sich als Industrieware. Schlehuber: „An unserem Namen hängt unsere Glaubwürdigkeit. Wir versuchen, so transparent wie möglich zu agieren. Auf unserer Website ist jedes Produkt bis hin zu den Produzentengruppen nachvollziehbar.“ Es bleibt also letztlich auch hier in der Verantwortung des Käufers und der Käuferin, genau hinzuschauen, abzuwägen und nachzufragen.

Brigitte Pilz ist freie Journalistin und Herausgebervertreterin des Südwind-Magazins.

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