Handwerk des Schmerzes

Karl-Heinz Böhms Organisation "Menschen für Menschen" bekämpft in Äthiopien die brutale weibliche Genitalbeschneidung.

Von Sabine Olschner
Als ich 16 Jahre alt war, zeigten mir meine Nachbarinnen das Handwerk des Beschneidens. Es war so einfach - also verdiente ich mir mein Geld damit." Halima Yonis ist die älteste Beschneiderin in einem kleinen Dorf in der Region Harar im Westen Äthiopiens. 25 Jahre lang führte sie bei zahlreichen Mädchen die schmerzhafte Operation durch. Die Hilfsorganisation "Menschen für Menschen" (MfM) versucht nun, unter anderem mit Halimas Hilfe gegen diese grausame, aber noch immer weit verbreitete Tradition vorzugehen.

90 Prozent aller Äthiopierinnen sind beschnitten. Noch immer ist dieses Ritual tief in den Köpfen der Bevölkerung verwurzelt (siehe Info-Kasten). Eine ganze Zahl von MfM-MitarbeiterInnen ist bereits seit Jahren damit beschäftigt, die Bevölkerung ihrer Projektgebiete davon zu überzeugen, diese Tradition aufzugeben. Erste Erfolge sind mittlerweile deutlich zu erkennen, unter anderem bei Halima Yonis, die sich heute gänzlich gegen die Beschneidungspraxis ausspricht.

"In unserem Dorf arbeiteten drei Beschneiderinnen. Wir haben aber alle unsere Tätigkeit aufgegeben, nachdem wir verstanden hatten, dass die Beschneidung mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt", berichtet die 45-jährige. "Die Leute suchen allerdings andere Wege, um die Operation weiter durchführen zu lassen. Ich weiß nicht, wie viele andere Frauen jetzt selbst beschneiden oder in entfernte Dörfer gehen, damit wir nichts davon bemerken."

Halima versucht im Auftrag von und nach einer Schulung durch MfM, so viele Familien wie möglich über die schädlichen Konsequenzen der Beschneidung aufzuklären. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ist sie weiterhin als Hebamme tätig. Darüber hinaus nimmt sie einen Kleinkredit von MfM in Anspruch und hat damit einen Kleintierhandel aufgebaut - denn die Durchführung von Beschneidungen war ein einträgliches Geschäft für die Mutter von 16 Kindern.

Was sich wie ein schneller Sinneswandel der Beschneiderin anhört, war ein schwieriger und langer Prozess. Zunächst nahmen MfM-MitarbeiterInnen Kontakt zu den 70 einflussreichsten Personen in den Dörfern der Region auf: Mit Priestern, LehrerInnen, Dorfältesten und aktiven Beschneiderinnen diskutierten sie über die Begründungen für eine Beschneidung. Diese trugen die Diskussionen weiter in ihre Dörfer.

In vielen Sitzungen versuchte MfM, die Gründe, die angeblich für eine Beschneidung sprechen, zu widerlegen. Traditionelle und religiöse Gründe wurden von der Befürworterschaft angeführt: ästhetische Gründe - eine unbeschnittene Frau gilt als hässlicher und ist damit weniger begehrt als eine beschnittene; medizinische Gründe - angeblich verhindert die Beschneidung Infektionen und macht die Frau gebärfähiger sowie ökonomische - eine beschnittene Frau bringt einen höheren Brautpreis für die Familie. Doch die Hilfsorganisation führte gegen jedes Argument ein Gegenargument an.

"Erst als wir beweisen konnten, dass in der Bibel nichts über die Notwendigkeit der weiblichen Beschneidung zu finden ist, konnten wir die Leute langsam überzeugen", erinnert sich Berhanu Eshete, ein Projektleiter bei MfM, an den langwierigen Prozess. Doch auch dann, als sie schon glaubten, einen Durchbruch erreicht zu haben, stießen MfM-MitarbeiterInnen immer wieder auf Widerstand - auch und vor allem von Halima Yonis - und erlebten Rückschläge.

So etwa auf einer großen Versammlung, auf der einer der anwesenden Priester sagte: "In der Bibel steht geschrieben, dass die kleine Beschneidung zulässig ist." Dazu Berhanu Eshete: "Diese Behauptung reichte aus, unsere Bemühungen wieder um Wochen zurückzuwerfen."

Nach eigenen Angaben hat MfM es mittlerweile geschafft, einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung in ihren Projektgebieten von der Tradition abzubringen oder zumindest ein Bewusstsein für dieses Thema zu schaffen. Besonderen Erfolg verspricht sich MfM von Aufklärungsaktionen an den Schulen. So ist vor zwei Jahren an der Yesokay Grundschule in den Bergen vor Harar ein Anti-Beschneidungs-Club ins Leben gerufen worden.

Eine Hand voll Schüler und Schülerinnen zwischen sieben und zwölf Jahren - genau das Alter, in dem die meisten Mädchen sich dem Ritual unterziehen müssen - erfahren eine Stunde in der Woche über die Hintergründe der Beschneidung. "Wir treffen uns jeden Donnerstag und reden über die Schmerzen, die die Mädchen erleiden müssen und dass das eine schlechte Tradition ist", erzählt der 14-jährige Ahamad. "Seitdem wir das Thema aktiv behandeln, ist schon eine Verbesserung in den Familien spürbar", so der Eindruck von Yebirgual Mariyam, Lehrerin an der Yesokay Schule und Leiterin des Clubs.

Wichtig für die Aufklärungsarbeit ist die Einbeziehung der Familien. Auch sie werden in die Schule geladen, sehen Videos über eine Beschneidung und diskutieren über die Vor- und Nachteile. Darüber hinaus werden in den Dörfern Theaterstücke aufgeführt, Gedichte und Geschichten vorgelesen - denn nur auf diesem Weg kann man den einfachen Bauernfamilien auf dem Lande das Problem näher bringen.

Bei der zehnjährigen Kasima hat MFM Erfolg gehabt: "Ich habe mit meinen Eltern über das Thema gesprochen, und sie haben mir versprochen, dass ich mich nicht beschneiden lassen muss, wenn ich nicht will."

Doch nicht alle Familien sind gegenüber den Bemühungen Yebirgual Mariyams offen: "Bei einer der Eltern-Sprechstunden haben wir den Vätern ein Video gezeigt, wie eine Beschneidung überhaupt abläuft", erzählt die Lehrerin. "Viele von ihnen waren schockiert. Sie hatten überhaupt nicht gewußt, was bei dieser Prozedur passiert. Denn Beschneidung ist nach wie vor eine reine Frauensache." Die Männer forderten daraufhin, dass solch eine Grausamkeit unbedingt abgeschafft werden müsse. Widerstand erlebten sie jedoch von denjenigen, von denen man es am wenigsten erwartet hätte - von ihren eigenen Ehefrauen, die sich weiterhin rigoros für die Beschneidung ihrer Töchter einsetzen.

Über das Thema "Beschneidung" berichtete SÜDWIND in seinen Ausgaben Nr. 7-8/1998 und Nr. 5/1999.

Sabine Olschner ist freie Journalistin und lebt in Köln.

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