Heilende Rituale der Schamanen

Die Nutzung von Heilkunst aus anderen Regionen der Welt wird bei uns immer populärer. Unter dem Begriff Ethnotherapie werden Behandlungsmethoden abseits der westlichen Schulmedizin subsumiert, die ganzheitlich bei seelischer, sozialer und körperlicher Disharmonie ansetzen.

Von Andrea Hiller und Jürgen Plank
Nyima Donduk rasselt und singt. Der tibetische Schamane fällt in Trance und wird zum Medium für die Gottheit Tangla. Er saugt seinem krebskranken Patienten den feinstofflichen Anteil der Krankheit aus dem Körper und spuckt das Übel auf einen Teller. Diese therapeutische schamanische Handlung ist nicht etwa am Fuße des Himalaya, sondern vor zwei Jahren auf der Baumgartner Höhe in Wien passiert: im Rahmen des Kongresses „Gesundheit und Spiritualität“. Drei Wochen nach der Behandlung ist der Gehirntumor bei einer Kernspin-Tomographie nicht mehr nachweisbar. „Im Prinzip fühle ich mich völlig geheilt“, sagt Walter Dolzer, ein weit gereister Manager im Ruhestand. Hat hier ein Schamane mittels Therapie aus einer anderen Kultur ein medizinisches Wunder vollbracht?
„Unser Wunsch ist, alte Traditionen möglichst authentisch mit der Philosophie, die dahinter steht, zu präsentieren“, sagt Maresa Pirker vom Verein Pacha Mama (in der Sprache Quechua Ausdruck für „Mutter Erde“), der zum Kongress „Gesundheit und Spiritualität“ alljährlich Heiler und Schamanen aus verschiedenen Kulturen nach Wien einlädt und so einen aktuellen Trend in den westlichen Industrieländern mitgestaltet: sich nach Ethnomusik, -küche und -kleidung mit Ethnomedizin und -therapie auseinander zu setzen.
„Ein Phänomen haben wir überall: Das ist die Bikausalität von Krankheit“, sagt Armin Prinz von der Universität Wien. Er ist Völkerkundler und Arzt und arbeitet interdisziplinär. Bikausalität bedeutet: Eine Krankheit wird akut, wenn zu natürlichen Ursachen wie Infektionen oder schlechtem Essen ein Unbehagen mit der sozialen oder transzendentalen Umwelt hinzukommt. Krankheit wird je nach Kultur anders konzipiert, verweist aber bei indigenen Gruppen weltweit auf eine gestörte Ordnung: Für die Kuna in Panama besteht Gesundheit nur dann, wenn Mensch und Kosmos im Einklang sind. Auch auf Samoa wird man krank, wenn die spirituelle, die soziale oder die natürliche Welt außer Balance ist. In den Anden macht die gestörte Harmonie innerhalb einer Gemeinschaft krank – Vertrauen und Mäßigung im täglichen Leben beugen dieser Disharmonie vor.

Die Adaption von Ayurveda, Tibetischer Medizin & Co ist freilich nichts Neues. Akupunktur ist etwa seit 1750 in unseren Breiten bekannt, und traditionelle Heilmittel der indigenen Gruppe der Tupinambá gelangten schon im 17. Jahrhundert von Brasilien nach Europa, um die Amöbenruhr zu behandeln. „Die Schlüsselsubstanzen unserer gesamten modernen Pharmakologie sind durchwegs ethnomedizinischen Ursprungs“, sagt Prinz. Er stellt klar: „Es gibt keine ‚Ethnotherapie’, denn das hieße eigentlich, dass man Ethnien therapiert. Der Begriff ist Anfang der 1990er Jahre modern geworden und meint die therapeutische Performance von anderen Heilkunden, die exportiert und anderswo angewandt werden.“
Während die westliche Schulmedizin oft Symptombekämpfung betreibt, setzen Schamanen, Kräuterdoktoren und Heiler – Frauen und Männer – in aller Welt insbesondere beim sozial-psychologischen Aspekt von Krankheit an. Diese SpezialistInnen sind gesellschaftlich anerkannt: Sie kennen das soziale Gefüge ihrer Gruppe, wissen um die Wirkung von Heilkräutern und sind die Mittler zur spirituellen Welt der Geister und Ahnen. Mittels Ritualen heilen sie – oder sie aktivieren Selbstheilungskräfte. Ethnomedizinische Forschungen auf den Philippinen belegen, dass dortige Schamanen die Aufgabe haben, das Krankheitserleben erträglicher zu machen. Wichtig ist in jedem Fall das Vertrauen zum Heiler: Dann kann – wie im Beispiel von Walter Dolzer oben – die an sich kulturgebundene Heilkunde durchaus in einem anderen kulturellen Kontext greifen. Durch das schamanische Ritual erhält der Kranke seinen Platz in der Gemeinschaft und im Kosmos wieder zurück.

Schon Carl Gustav Jung knüpfte mit der aktiven Imagination an altes magisches und schamanisches Wissen an. „Die Schamanen haben in Trance die Fähigkeit, zu sehen, dass da etwas aus dem Gleichgewicht ist und entsprechend einzugreifen“, erklärt der Psychotherapeut und Neurologe Andreas Reimers, der seit Jahren mit nepalesischen Schamanen zusammenarbeitet. Denn auch bei uns sind Menschen in ungelöste Konflikte mit Ahnen verstrickt: Bei diesen spirituellen Krisen und Traumatisierungen – ausgelöst etwa durch Missbrauch oder Kriegserlebnisse – ist die schamanische Diagnostik oft sehr präzise, entsprechende Rituale werden als heilsam erlebt.
„Jeder individuelle Kranke wird dazu benutzt, die Gemeinschaft zu therapieren“, berichtet Prinz über die Azande in Zentralafrika. „Denn die Azande sagen: Wenn einer von uns krank ist, dann stimmt etwas mit uns nicht.“ Deshalb behandeln auch die Candomblé-Priester Brasiliens die Familie eines Kranken gleich mit. Für die Unterschicht Brasiliens ist die traditionelle Volksheilkunde oft die einzige verfügbare Medizin. Inzwischen interessieren sich auch die reichen Schichten und der Westen dafür, der Kontakt zu den TrägerInnen dieses Wissens wird gesucht. So bekommt Ethnomedizin eine soziale, interkulturelle und historische Dimension, die Wissen bewahren und den Horizont aller erweitern kann.

Andrea Hiller ist Ethnologin und Kulturvermittlerin. Jürgen Plank ist Ethnologe, Autor und Musiker.

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