Heimat von Hahnenkampf und Voodoo

In Haiti haben Ideen wie Konsens und Kompromiss keine Tradition, meint der deutsche Schriftsteller und Haiti-Kenner Hans Christoph Buch.

Von Bert Rebhandl
Als der befreiungstheologisch inspirierte Priester Jean-Bertrand Aristide 1994 in das Amt des Präsidenten von Haiti zurückkehrte, war das „eine Revolution und zugleich deren Gegenteil, die Herstellung der alten Ordnung, sofern man darunter ein durch freie Wahlen legitimiertes Regime versteht“.
Der Schriftsteller Hans Christoph Buch, von dem diese Einschätzung stammt, war Zeuge der „Inthronisierung“ von Aristide, auf dem - nach vielen Jahren der Duvalier-Despotie und nach legitimen Wahlen im Jahr 1990 - große Hoffnungen der einheimischen armen Bevölkerung, aber auch der internationalen Gemeinschaft ruhten. Bill Clinton machte sich persönlich zum Schirmherren der Demokratie in Haiti.
Buch erinnert sich aber auch an einen Moment, der sich als folgenreich erweisen sollte: „Später am Tag fand sich B., nass geschwitzt und erschöpft, auf der Ehrentribüne wieder, nur einen Steinwurf entfernt vom Generalstab der Armee, dessen Mitgliedern der Staatschef in diesem Moment ihre Versetzung in den Ruhestand verkündete Beim Anblick der von Wut und Hass verdunkelten Gesichter der Offiziere schwante B. nichts Gutes für die Zukunft des demokratisch gewählten Präsidenten, der zwar den Willen des Volkes, aber keine bewaffnete Macht hinter sich hatte.“

Aristide gründete zwar eine zivile Polizei, verließ sich in der Folge aber immer stärker auf paramilitärische Einheiten, die so genannten „Chimères“. Als er 2000, nach einer vierjährigen, der Verfassung konformen Unterbrechung wieder gewählt wurde, geschah dies in einem Klima der Kontroverse und der gewaltsamen Auseinandersetzung.
Im vergangenen Jahr feierte Haiti den 200. Jahrestag seiner Staatsgründung, die aus einem erfolgreichen Aufstand gegen die französische Kolonialmacht, aber auch aus blutigen Rassenkriegen hervorging. Die Feierlichkeiten wurden zu einer starken Manifestation gegen den autokratisch gewordenen Aristide. Er musste schließlich ins Exil gehen. Seither wird das Land von Premierminister Gérard Latortue regiert, der davor zehn Jahre lang in Miami gelebt hatte, wo er eine Radio-Show hatte und als Wirtschaftsberater sein Geld verdiente.
Latortue, der in Frankreich Wirtschaft studiert und für die Vereinten Nationen in Wien gearbeitet hat, gilt als Pragmatiker und keinem Lager in Haiti zugehörig.

Hans Christoph Buch ist im deutschsprachigen Raum der wichtigste Experte für dieses Land, das sich mit der touristisch erschlossenen Dominikanischen Republik eine Insel in der Karibik teilt.
Warum erscheint Haiti als ein nahezu aussichtsloser „failed state“? Buch: „Seit ich 1968 erstmals Haiti besuchte, hat sich nicht nur die materielle Infrastruktur, sondern auch der Seelenzustand der Bevölkerung katastrophal verschlechtert. In der Folge sind alle heroischen und unheroischen Ausbruchsversuche gescheitert, die Politik der kleinen Schritte ebenso wie der große Sprung nach vorn: Die von der Weltbank verordnete Rosskur zur Sanierung der bankrotten Staatsfinanzen hatte ebenso wenig Erfolg wie die von Entwicklungshelfern empfohlene Hilfe zur Selbsthilfe. Die Arbeitslosigkeit ist genauso hoch wie die Analphabetenrate - geschätzte 60 Prozent –, und die Mehrheit der Bevölkerung muss mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen.“
Und doch muss es ein tägliches Fortkommen geben. „Was das Land am Leben erhält, ist der informelle Austausch von Waren und Dienstleistungen, eine Schattenwirtschaft, die sich, wie der Verkauf einzelner Zigaretten und einzelner Streichhölzer, jeder Statistik entzieht.“ Das größte Problem sei. dass sich die staatlichen Strukturen nie von ihren jeweiligen Vertretern emanzipieren konnten. Es gibt keine Institutionen, die ohne das Regime existieren, das gerade an der Macht ist. „Haiti ist ein état marron“, stellt Hans Christoph Buch fest, „will sagen: ein Staat, der sich wie ein entlaufener Sträfling vor seinen Bürgern versteckt, von Diebstahl und Raubzügen lebt und sich der Verantwortung für seine Taten mit großem Geschick entzieht“.

Der neue Premierminister Latortue gilt in linken Kreisen als Vasall der USA, aber diese Logik ist für Buch zu einfach: „Die internationale Gemeinschaft versteht Haiti nicht. Ideen wie Konsens und Kompromiss haben keine Tradition in einem Land, in dem das Recht des Stärkeren herrscht. Nicht umsonst ist Haiti die Heimat des Hahnenkampfs.“ Und des Voodoo. „Blutiger Karneval ist keine bloße Metapher in Haiti, wo der Voodoo-Totengott Baron Samedi das närrische Treiben dirigiert - nichts ist vitaler als der Tod! –, bis ein tropischer Regenguss Konfetti und Blut von den Straßen spült.“


Kürzlich ist von Hans Christoph Buch ein Romanessay über Haiti erschienen: „Tanzende Schatten oder der Zombie bin ich“ (siehe Rezensionen).

Zu Haiti siehe auch Besprechung von M. Zeuske: „Schwarze Karibik“ (SWM 11/04).

Bert Rebhandl lebt als freier Journalist und Autor in Berlin.

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