Heimkehr in die Fremde

Eine Familie kehrt nach zwölf Jahren Flucht wieder in die Hauptstadt Mogadischu zurück. Wie sie dort lebt, hat Bettina Rühl erfahren.

Mohamed (links), Abdi und zwei Kinder: Rückkehr voller Sorge und ohne Vorfreude.© Bettina Rühl

Wie sie zu Hause am besten zurechtkommen, das haben sie auf der Flucht gelernt: Wie sie ihre wenigen Habseligkeiten auf Nägeln an die Wellblechwand hängen können, um das zweite Hemd, die zweite Hose wenigstens von dem sandigen Boden wegzubekommen. Wie sie nachts die Matten organisieren können, so dass alle fünf Kinder und sie selbst genug Platz haben, um ausgestreckt liegen zu können.

„In Dadaab haben wir nicht anders gelebt“, sagt der Somalier Mohamed Shiekuna. Zwölf Jahre lang hat er in dem Lager jenseits der kenianischen Grenze gewohnt, seine Frau Sahra Ulow Abdi etwas kürzer: Sie hatte es länger in der somalischen Hauptstadt Mogadischu ausgehalten, ehe auch sie 2006 in Panik alles hinter sich ließ und losrannte, bloß weg von zu Hause.

Kurz bevor auch Abdi die Flucht ergriff, hatten Soldaten einer äthiopischen Invasionsarmee ganz in ihrer Nähe gegen Einheiten der damaligen islamistischen Regierung gekämpft. „Ich wurde durch Teile eines Schrapnells verletzt“, erzählt Abdi. „Danach hielt mich nichts mehr.“

Seit dem Vorjahr sind sie also wieder hier, in ihrer alten Heimatstadt, die dort, wo sie wohnen, fast noch armseliger aussieht als ihre Nachbarschaft im Flüchtlingslager Dadaab. Shiekuna hockt neben seiner Frau auf dem staubigen Boden vor der Wellblechhütte, die er Anfang Oktober gebaut hat, zwei Wochen nach ihrer Ankunft in Mogadischu. Die Unterkünfte ihrer NachbarInnen sehen ähnlich aus, zusammengeschustert aus Wellblech, Pappe oder Holz.

Das wilde Vertriebenenlager liegt im Universitätsviertel von Mogadischu, benannt nach der früheren staatlichen Universität gleich nebenan. Das Gebäude liegt seit vielen Jahren in Trümmern, eine von vielen Ruinen des langjährigen Bürgerkriegs. Auf und neben dem Campus leben tausende Vertriebene des Krieges. Einige sind ebenfalls aus Kenia zurückgekommen, aber die meisten fliehen in Somalia von Ort zu Ort, sind vor den immer wieder irgendwo neu ausbrechenden Kämpfen auf der Flucht.

Als Shiekuna auf dem LKW saß, der ihn und seine Familie aus Dadaab nach Hause zurückbringen würde, empfand er keinerlei Vorfreude. „Ich war voller Sorge“, erzählt der 50-jährige Vater von sechs Kindern, fast alle in Dadaab geboren. Seine alte Mutter war krank und brauchte Hilfe, deshalb hatte er sich entschlossen, das Flüchtlingslager Dadaab im sicheren Kenia nach zwölf Jahren zu verlassen. Zudem trieb ihn die trügerische Hoffnung, in Mogadischu seinen ältesten Sohn zu finden, der kurz zuvor aus dem Lager verschwunden war.

Freiwillig zurück. Auf ihn und seine Familie sei kein Druck ausgeübt worden, damit sie nach Somalia gehen, sagt Shiekuna. Er habe das auch in seinem Umfeld nicht beobachtet. Wie er sagt, kam er nicht nur aus eigenem Antrieb, sondern auch aus eigener Kraft. Dabei bringt das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) freiwillige RückkehrerInnen nach Somalia, betont aber immer wieder, dass es die kenianische Regierung bei der Abschiebung von Flüchtlingen nicht unterstützt.

Wie Shiekuna erklärt, hatte er in Dadaab seinen Flüchtlingsausweis verloren und konnte seinen Anspruch auf Hilfe deshalb nicht nachweisen. Vermutlich hätte seine Familie dennoch Anspruch gehabt. Shiekuna scheint sich aber über ihre Möglichkeiten kaum informiert zu haben. Stattdessen verkaufte er ihren Besitz: zwei Matratzen, Matten, Kochgeschirr. Davon bezahlte er die Plätze auf dem überfüllten LKW, mit dem noch andere Passagiere nach Somalia fuhren: RückkehrerInnen und Menschen, die sich erst einmal ein Bild von ihrer alten Heimat machen wollten, ehe sie über Gehen oder Bleiben entschieden.

„Bevor ich die Hütte hier bauen konnte, musste ich zwei Wochen lang auf Baustellen arbeiten“, erzählt Shiekuna. Jetzt stößt der Familienvater die Wellblechtür zu der kleinen, fensterlosen Unterkunft auf, in der er mit seiner Frau und fünf ihrer sechs Kinder lebt.

Sehnsucht nach Sicherheit. Während Shiekuna sagt, er habe sich in Dadaab sowieso nie zu Hause gefühlt, sehnt sich seine Frau Abdi nach der Sicherheit des Lages zurück. Nachdem sie Mogadischu verletzt und in Panik verlassen hatte, habe sie in Dadaab so etwas wie Frieden gefunden. „Es gab da keine Gefechte, keinen Krieg, keine Kugeln“, erzählt Abdi. „Ich bin dahin geflohen, um zur Ruhe zu kommen, und das konnte ich in Dadaab.“ Mit dem Umzug nach Mogadischu kehrte ihre Angst zurück. Immer wieder verübt die islamistische Shabaab-Miliz schwere Attentate, bei denen dutzende Menschen sterben.

Auch ihr Mann ist inzwischen von Mogadischu enttäuscht. Er war erst zwei Wochen zurück, da ging schon jemand mit dem Messer auf ihn los. „Wir warteten mit anderen Männern auf Arbeit. Jemand kam und bot einigen Leuten einen Job an, aber er konnte nicht alle von uns gebrauchen“, erinnert er sich. „So entstand Streit, und jemand stach auf mich ein, um mich aus dem Weg zu schaffen.“ Fast drei Monate lang schmerzte seine Schulter, Shiekuna konnte nicht arbeiten. Die Familie lebte von dem, was seine Frau gelegentlich als Wäscherin verdient. Ihr mageres Einkommen reichte nur für eine Mahlzeit täglich.

In Dadaab hatten sie zwar nicht viel, aber wenigstens drei Mal täglich etwas zu essen. Immerhin können die Kinder auch in Mogadischu weiter lernen, dank einer Hilfsorganisation, die nahe der zerstörten Universität eine Schule betreibt. Inzwischen geht es Shiekuna wieder besser, aber weil es zu viele ungelernte Arbeiter wie ihn gibt, kann er sich genauso wie seine Frau nur von Job zu Job hangeln.

Unsichere Existenz. „Ich bedaure, dass ich zurückgekommen bin“, sagt der Familienvater. „Ich habe keine feste Arbeit, wir haben nicht genug zu essen. In Dadaab ging es uns besser.“

Dass Anfang Februar nach vielen Verzögerungen ein neuer Präsident gewählt wurde, Mohamed Abdullahi Mohamed „Farmajo“, interessiert das zurückgekehrte Ehepaar kaum. Dabei schöpfen viele SomalierInnen Hoffnung, seit Farmajo das höchste Staatsamt übernahm: In seiner kurzen Zeit als Premierminister von Oktober 2010 bis Juni 2011 verschaffte sich der studierte Historiker und Politologe Respekt. Der neue somalische Präsident gilt als jemand, der sich ernsthaft für das Wohl der Bevölkerung interessiert und Veränderung bringen könnte.

„Für uns wird sich gar nichts ändern“, meint dagegen Shiekuna. „Politik ist etwas für die reichen Leute. Menschen wie wir sind sowieso nur damit beschäftigt, das Geld für die nächste Mahlzeit zu verdienen.“

Außerdem fühlen sich Shiekuna und seine Frau weiter bedroht, weil die schweren Anschläge der Shabaab-Miliz weitergehen. Beide haben das Gefühl, dass sich in ihrem Leben wieder alles ändern kann. „Sobald es neue Gewalt gibt, werden wir sofort wieder losrennen“, sagt Shiekuna. Auch wenn er keine Ahnung hat, wohin.

Bettina Rühl hat die Familie von Abdi und Shiekuna im November 2016 in Mogadischu getroffen.

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