Her mit dem Stoff!

Fieberhaft wird in aller Welt nach einem Impfstoff gegen Corona gesucht. Doch statt globaler Kooperation dominieren in der gegenwärtigen Pandemie nationale Alleingänge.

Von Thomas Seifert

Die Forschung im Blick: Derzeit warten viele auf Testergebnisse – und die Menschheit wartet auf einen Impfstoff.© Christoph Hardt / dpa Picture Alliance / picturedesk.com

Nur wenige Menschen sind derzeit gefragter als der weltweit größte Impfstoffhersteller: Adar Poonawalla führt das Familienunternehmen Serum Institute of India (SII) in Pune im Westen Indiens. Die vor mehr als einem halben Jahrhundert von Poonawallas Vater gegründete Firma stellt Impfstoffe für globale Pharmakonzerne her. Und sie spielt eine zentrale Rolle bei der Produktion exorbitanter Impfstoff-Mengen, wie sie jetzt im Kampf gegen das Coronavirus benötigt werden.

Seit dem Ausbruch der Pandemie ist Poonawalla Dauergast in den indischen Nachrichtensendungen. In den vergangenen Monaten versprühte er Optimismus: Bald werde ein Vakzin verfügbar sein; bald würden riesige Kühl-Container auf Lastwägen des Serum-Instituts das Firmengelände verlassen und den ersehnten Stoff in die Apotheken Indiens und zum Flughafen für den Export bringen, so seine Hoffnung.

Die Menschheit befindet sich in einer monatelangen Wartehaltung, bis mit einer Impfung ein großer Schritt aus dem Ausnahmezustand heraus getan werden kann. Unzählige Male wurden VirologInnen und andere ExpertInnen schon gefragt: Wie lange wird es dauern, bis ein Impfstoff gegen Corona entwickelt wird?

Pune ist ein Schauplatz des Wettlaufs darum. Vor der Pandemie war noch ein Besuch des SII möglich: Poonawalla empfängt einen in einem großzügigen Sitzungszimmer im Verwaltungsgebäude des immunologischen Instituts. Ein wuchtiger Edelholzsitzungstisch, auf dem ein schweres Kristallpferd steht, Bilder des Firmengründers mit Bill Clinton, ein Rubens-Gemälde, ein Kunstwerk des britischen Künstlers Damien Hirst. An der Decke ein schwerer Kronleuchter und ein Fake-Fresko Marke Versailles.

Globaler Player. Die barocke Atmosphäre steht im Gegensatz zur sprichwörtlichen Sterilität des Produktionstrakts. Das riesige Werksgelände liegt eine halbe Stunde vom Zentrum von Pune entfernt, in einem der zahlreichen Industriecluster der wuseligen Millionenstadt, geprägt von Überland-Hochspannungsmasten, Umspannwerken, Industriegebäuden, Lagerhallen, Gewerbeparks.

Pune liegt rund zweieinhalb Eisenbahnstunden von Mumbai (früher Bombay) entfernt und rühmt sich – aufgrund der Vielzahl exzellenter Universitäten und Forschungseinrichtungen –, das Oxford des Ostens zu sein.

Das Universum des SII umfasst vor allem einen weitläufigen Campus mit modernen Gebäuden, darin Sterilräume. Darin werden, in Bio-Reaktoren, abgeschwächte Erreger für Impfseren gezüchtet, deaktiviert oder getötet, gereinigt, sterilisiert und abgefüllt. In übergroßen, gekühlten Lagerhallen warten dann die Vakzine auf den Versand.

Besucherinnen und Besucher der Anlage haben keinen Zugang zu den hermetisch abgeschlossenen Reinräumen. Man kann nur beobachten, wie die ArbeiterInnen mit Mundschutz und Sterilkleidung an Inkubatoren hantieren, die Anzeigen von Rohserum-Alutanks kontrollieren und Impfstoff-Phiolen verpacken.

Die Firma investierte kräftig, um die Produktionskapazitäten massiv auszubauen. Wenn man den Umsatz betrachtet, stehen Pharma-Unternehmen wie die britische GlaxoSmithKline, der US-amerikanische Riese Merck & Co. oder der französische Konzern Sanofi vor SII auf der Weltrangliste der bedeutendsten Hersteller.

Aber: Das SII hat sich darauf spezialisiert, riesige Mengen von Impfstoff möglichst kostengünstig bereitzustellen.

Blick in das Serum Institute of India, Impfstoffhersteller aus Pune im Westen Indiens.© Thomas Seifert

Gigantischer Markt. Der Heimmarkt des Serum Institute ist gigantisch: Die Bevölkerungszahl von Indien beträgt derzeit 1,3 Milliarden Menschen. Bald wird Indien China, das 1,4 Milliarden EinwohnerInnen zählt, überholen und zum bevölkerungsreichsten Land der Erde aufsteigen.

Doch wie sieht es mit der Entwicklung eines Vakzins tatsächlich aus? Neun Impfstoffkandidaten stehen gerade (Stand: Oktober) vor der letzten Hürde der Zulassung – der dritten klinischen Testphase.

Die im Rennen befindlichen Impfansätze sind unterschiedlich: Vektorvakzine, mRNA-Vakzine und Impfstoffe aus deaktivierten SARS-CoV-2-Viren. Die Impfinitiative Covax (an der Gavi, Cepi und WHO beteiligt sind, siehe Infokasten) versucht sicherzustellen, dass die Impfstoffe, die letztlich eine Zulassung erhalten, auch an 92 der am wenigsten finanzstarken Länder der Welt gehen.

Politisches Wettrennen. Die Suche nach einer Impfung ist längst zu einem Politikum geworden: Russland erteilte schon am 11. August der weltweit ersten Impfung gegen SARS-CoV-2 eine Zulassung.

Der Impfstoff „Sputnik V“ wurde vom Nationalen Gamaleya-Zentrum für Epidemiologie und Mikrobiologie entwickelt. Und obwohl zu diesem Zeitpunkt die klinischen Tests noch gar nicht abgeschlossen waren, gab der russische Präsident bekannt, dass seine Tochter die Impfung bereits erhalten habe.

Auch in den USA ist der Staat als Akteur in der Impfstoffentwicklung zurück (vgl. auch Interview dazu auf S. 13). Dort arbeitet die öffentliche Hand im Programm „Operation Warp Speed“ mit Pharma-Unternehmen zusammen, um die Entwicklung eines Vakzins zu beschleunigen.

Eine der Kernideen des Programms ist es, in die Forschung zu einer Anzahl von Vakzinen zu investieren – im Wissen, dass so mancher Entwicklungsstrang in der Sackgasse landen wird. Das bringt zwar höhere Kosten, soll aber die Wartedauer auf einen Impfstoff um viele Monate verkürzen – und nach der Vorstellung von US-Präsident Donald Trump Baustein für seine Wiederwahl sein.

Bereits am 27. März bewilligte der US-Kongress rund zehn Milliarden US-Dollar für die von der Trump-Administration initiierte öffentlich-private Partnerschaft. Bis Jänner 2021 sollen 300 Millionen Impfdosen bereitstehen.

Tempo mit Risiko. WissenschaftlerInnen befürchten derweilen, dass ein Kräftemessen der Supermächte das Vertrauen der Bevölkerung in die Impfung schwächt. Sollte eine hastig zugelassene Impfung sich als unwirksam oder wenig wirksam erweisen, dann würde dies möglicherweise die Pandemie verschlimmern. Im Glauben, sie wären durch die Impfung immun, würden die Menschen die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr beachten.

„Mitten in einer Pandemie ist nicht der richtige Zeitpunkt, um Abkürzungen zu nehmen“, betont Ashish Jha, Professor für globale Gesundheit und Direktor der Brown University School of Public Health in Providence (USA) in Bezug auf Sputnik V.

Und die Vorsitzende der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI), Jane Halton, warnte schon im Mai vor einem grassierenden „Impf-Nationalismus“: Also der Gefahr, dass ein Impfstoff, so gefunden, zum eigenen Vorteil eingesetzt wird, während vor allem ärmere Länder nichts mehr abbekommen.

Pandemie-Plan gesucht. Die Welt braucht zukünftig einen Plan. Man könnte die Covid-19-Pandemie als Kostümprobe für eine mögliche, viel schlimmere Grippe-Epidemie sehen: Denn die Coronavirus-Pandemie hat gezeigt, wie unvorbereitet die Menschheit auf Pandemien war – und noch immer ist. Nun werden entsprechende Test-Technologien und die nötigen Impfstoff-Produktionskapazitäten entwickelt und aufgebaut.

Gefährliche Zoonosen, ursprünglich von Tieren auf den Menschen übertragene Erkrankungen, könnten der Menschheit in Zukunft mit Regelmäßigkeit drohen.

Zoonosen, so warnen ExpertInnen, sind eine direkte Folge von nicht nachhaltigen Landwirtschaftspraktiken und der Zerstörung von Lebensraum.

Die Ausbreitung der Infektionskrankheit Ebola 1995 in der Demokratischen Republik Kongo (damals Zaire) gab einen Vorgeschmack auf die wachsende Gefahr, die im 21. Jahrhundert von Virusinfektionen ausgeht.

Denn in den meisten Fällen „verstecken“ sich für den Menschen gefährliche Viren in Tieren. So sind die Zwischenwirte bei der Infektionskrankheit Ebola Fruchtfledermäuse, bei Grippe sind es Vögel und Schweine.

Ebola & Palmöl. Der Ausbruch von Ebola wurde auch mit der Palmölproduktion in Zusammenhang gebracht.

Palmölplantagen hatten primären Regenwald vernichtet, und die Menschen lebten in den Plantagen am Rande der Regenwaldreste. Die Fruchtfledermäuse waren plötzlich ihrer Lebensräume beraubt, Menschen lebten nun in unmittelbarer Nähe zu einer Spezies, zu der es zuvor nur sehr sporadischen Kontakt gegeben hatte.

Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass die Regenwaldzerstörung in Westafrika ein wichtiger Faktor bei der Übertragung von Ebola vom Tierreich auf den Menschen war. Bei zwölf der bekannten Ebola-Ausbrüche in Zentral- und Westafrika konnten die Indexfälle in Randlagen des Regenwaldes zurückverfolgt werden. Auch beim Coronavirus sind die Zwischenwirte Fruchtfledermäuse.

Universeller Impfstoff. Die Entwicklung von Impfstoffen ist ein langwieriges und kostspieliges Geschäft. Die erste Schutzimpfung überhaupt war die Pocken-Impfung. Entwickelt wurde sie vom englischen Landarzt Edward Jenner im 18. Jahrhundert.

Jenner hatte beobachtet, dass Menschen, die sich mit Kuhpocken infiziert hatten, nicht an Pocken erkrankten. Aus den Kuhpocken stellte er ein Serum her. So verlieh die Kuh, lateinisch „vacca“, dieser neuen Impfstoffmethode den Namen, Vakzin.

Das von den österreichischen Medizinern Karl Landsteiner und Erwin Popper 1908 entdeckte Poliovirus verbreitete nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA, Europa und der Sowjetunion Angst und Schrecken.

1948 gab es  einen ersten Durchbruch: John Enders, Thomas Weller und Frederick Robbins entdeckten einen Weg, das Virus für die Gewinnung eines Impfstoffs zu kultivieren – eine Leistung, für die sie später den Medizin-Nobelpreis erhielten. Der US-Arzt und Immunologe Jonas Salk konnte auf diesen Forschungen aufbauen, erste klinische Tests zeigten 1954 die Wirksamkeit von Jonas Salks Polio-Vakzin.

US-Sowjet-Kooperation. Der US-amerikanische Historiker Frank Snowden weist auf einen bemerkenswerten Umstand hin: Mitten im Kalten Krieg hat es in der Polio-Forschung eine gut funktionierende Kooperation zwischen WissenschaftlerInnen in den USA und der Sowjetunion gegeben.

MedizinerInnen auf beiden Seiten arbeiteten zwischen 1959 und 1960 eng bei der Entwicklung einer Schluckimpfung zusammen. Diese eröffnete ab der Zulassung 1962 den Weg zu einer weltweiten Ausrottungskampagne von Polio.

Der Impfstoff war leicht zu verabreichen und billig: ein paar Tropfen des gut lagerfähigen Impfserums auf ein Stück Würfelzucker geben.

Kuba war das erste Land, das Polio mit einer vorbildlichen Impfkampagne auf dem eigenen Territorium besiegte.

Wem gehört das Patent? 1955 fragte der US-Journalist Edward R. Murrow den Immunologen Salk, wer denn das Patent auf das Polio-Vakzin besitze. Seine Antwort: „Ich würde sagen, die Menschheit. Es gibt kein Patent. Kann man etwa die Sonne patentieren?“

Ähnlich sah das Virologe Albert Sabin. Er sagte, dass es unmoralisch sei, Medizin zu verkaufen, als sei es eine Ware.

Beide waren der Auffassung, dass der Kampf gegen Krankheitserreger eine Aufgabe von Staat und Gesellschaft und nicht vordringlich eine der privaten Pharmaindustrie sei.

Aktuell liegt die Situation nicht zuletzt in Händen von Menschen wie dem indischen Pharma-Tycoon Poonawalla: In einem Interview mit dem ORF vor dem Ausbruch der Coronapandemie beklagte er noch die Impfmüdigkeit vor allem in westlichen Ländern. Das dürfte sich nun geändert haben. Im Herbst wird eine Rekordnachfrage nach dem saisonalen Grippe-Impfstoff erwartet.

Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur und Auslandschef der Wiener Zeitung sowie studierter Biologe.

Die Pressereise nach Indien fand noch vor dem Ausbruch der Coronapandemie statt.

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