Hilfe fürs Image

Thailand stand wegen der vielen ausländischen Opfer im Mittelpunkt der internationalen Aufmerksamkeit; in Indonesien hingegen sind die Zerstörungen am größten - und hier sind auch die USA am aktivsten.

Von Nicola Glass
Mit der buddhistischen Beschaulichkeit ist es im Tempel Yan Yao seit Wochen vorbei: Lautsprecher dröhnen über den Platz, Hubschrauber kreisen über der Distriktstadt Takua Pa. Es ist heiß und stechend, ein beißender Geruch hängt in der Luft. Nach Tod und Verwesung, nach Chemikalien. Ein entstelltes Gesicht hier, ein aufgeblähter Körper dort. Tote die noch keine Namen haben. Und inmitten all der anonymen Opfer eine junge Thailänderin: Alia hebt einen Toten an, legt ihn mit Hilfe einiger Landsleute auf eine Tragbahre. Nach vier Stunden unterbricht Alia erschöpft. „Eigentlich bin ich hergekommen, um als Übersetzerin zu arbeiten“, sagt die 23-jährige Reisefachfrau aus Bangkok. „Aber als ich hier angekommen bin, gab es schon so viele. Da habe ich mir überlegt, den Experten zu helfen, damit sie die Toten identifizieren können.“
Ohne die zahlreichen freiwilligen Helferinnen und Helfer wären Thailands Behörden im Chaos erstickt. Bis zu 2.600 Flutopfer lagen in den Wochen seit der Flut im Tempel Yan Yao. Hitze und Feuchtigkeit ließen die Toten rasch verwesen. Können sie anhand von Fingerabdrücken nicht mehr identifiziert werden, sind die Experten auf DNA-Proben angewiesen. Die Identifizierung kann sich noch Monate hinziehen. Unterdessen arbeiten HelferInnen und Einsätzkräfte auf der Ferieninsel Phuket und den benachbarten Provinzen unter Hochdruck daran, die Spuren der Zerstörung zu tilgen. Thailand will die Tourismusindustrie in der Region möglichst rasch wieder ankurbeln. Bis zu 70 Milliarden Baht, umgerechnet 1,3 Milliarden Euro, hat die Regierung unter Thaksin Shinawatra unter anderem an Entschädigungszahlungen und für den Wiederaufbau der zerstörten Küstenbereiche zugesagt.
Auch haben die Politiker versprochen, bei künftigen Planungen auf mehr Nachhaltigkeit, das heißt, auf einen „sanfteren Tourismus“ zu setzen und den Umweltschutz stärker einzubeziehen. Durch den Schaden scheint man klug geworden zu sein. „Dies ist alles sehr wichtig für Thailand“, betonte der für Naturressourcen und Umwelt zuständige Minister Suwit Khunkitti. Denn in der Vergangenheit sei der Tourismus viel schneller gewachsen, als die Regierung dies verfolgen konnte. Unter anderem gibt es Überlegungen, die Strandabschnitte zu verbreitern, sie für jeden Kommerz zu sperren und Hotels mindestens dreihundert Meter vom Wasser entfernt zu bauen. Ob die Politiker ihre Vorhaben in die Tat umsetzen, bleibt abzuwarten. Denn der Tourismus ist die wichtigste Einnahmequelle des Landes. Zehn bis zwölf Millionen BesucherInnen kommen jährlich ins „Land des Lächelns“, davon rund vier Millionen nach Phuket. Das beschert allein der südlichen Region Einnahmen von rund zwei Mrd. US-Dollar.
Unterdessen waren Rettungskräfte in benachbarten Krisenregionen immer noch damit beschäftigt, die Überlebenden mit dem Notwendigsten zu versorgen. Die Provinz Aceh an der Nordspitze der indonesischen Insel Sumatra ist von den Flutwellen am schwersten betroffen. Viele zerstörte Dörfer vor allem an der Westküste Sumatras blieben zeitweilig auch dann noch von der Außenwelt abgeschnitten, als die internationale Hilfe längst angerollt war.
Das Desaster wurde zudem durch politische Auseinandersetzungen überschattet, die seit Jahrzehnten die Unruheprovinz prägen: durch den Konflikt zwischen Indonesiens Militär und den Rebellen der „Bewegung Freies Aceh“, kurz GAM. Die Separatisten kämpfen seit 1976 für die Unabhängigkeit der Provinz. Zwar hatten sich nach dem Ausbruch der Katastrophe beide Gegner auf eine Feuerpause geeinigt. Doch das schien bloße Rhetorik zu sein: Kurz darauf gingen die militärischen Operationen gegen mutmaßliche Rebellen unvermindert weiter.
Diese Spannungen sorgten für wachsenden Unmut bei Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen. Sie warfen der Zentralregierung in Jakarta vor, nichts dagegen zu unternehmen. Im Gegenteil, die Präsenz der Militärs sei verstärkt worden. Zum Schutz westlicher Helfer, wie es von offizieller Seite hieß. Kritiker aber befürchteten, dass die Militärs versuchten, unter dem Deckmantel humanitärer Einsätze ihre Offensiven zu verstärken. Zumal die Armee längst zugegeben hat, dass sich Indonesiens Soldaten nicht nur als Rettungskräfte betätigen: „Wir sind nun mit zwei Aufgaben befasst, der humanitären Hilfe und mit Sicherheitsoperationen“, so Militärsprecher Oberstleutnant D.J. Nachrowi gegenüber der Tageszeitung „Jakarta Post“.
Das brachte Naruddin Abubakar, Präsident des Referendum-Informationszentrums Aceh, kurz SIRA, auf die Barrikaden: SIRA lagen Berichte vor, nach denen das Militär Überlebende auf dem Weg in Hilfszentren gestoppt und verhört hatte. Sie sollen verdächtigt worden sein, mit der GAM zu konspirieren. Des Weiteren soll Einheimischen, die vor einigen von Militärs betriebenen Verteilungszentren Schlange standen, die Hilfe verweigert worden sein, weil sie keine entsprechenden Identitätskarten vorweisen konnten. In Einzelfällen sollen Überlebende sogar schikaniert oder geschlagen worden sein. Das berichtet die in Bangkok ansässige Menschenrechtsvereinigung „Forum Asia“, die sich auf lokale Partner in Aceh beruft. Unterdessen hat die GAM ihre Verhandlungsbereitschaft erneut bekräftigt: Man wolle Gespräche mit Jakarta, um „die besten Modalitäten“ für eine Waffenruhe auszuhandeln, ließ Mitte Jänner Rebellenchef Malik Mahmud aus dem schwedischen Exil verlauten.
Es bleibt abzuwarten, ob das zu dem von der Bevölkerung herbeigesehnten Frieden führen kann. Obwohl Indonesiens Regierung das Gesprächsangebot begrüßte hat und versicherte, man wünsche eine dauerhafte Lösung des Konflikts. Aber für die Zukunft will man offensichtlich keine Zeugen aus dem Ausland. Inzwischen ist klar, dass die Regierung mit dem massiven Militäreinsatz versucht hat, die Kontrolle über die Provinz zu behalten. Ausländische Armee-Einheiten wollte sie nur bis Ende März dulden. „Drei Monate insgesamt sind genug für die Nothilfe des ausländischen Militärs“, hatte Indonesiens Vize-Präsident Jusuf Kalla ursprünglich deutlich gemacht.
Doch offenbar ist man sich darüber in hohen politischen Kreisen uneins, wie Äußerungen von Außenminister Hassan Wirajuda zeigen: Es hänge vom Fortschritt der Hilfsmaßnahmen ab, wie lange die ausländischen Soldaten im Lande bleiben würden, versuchte Wirajuda die nationalistischen Töne zu entkräften. Auch Indonesiens Verteidigungsministerium rückte von der von Vizepräsident Kalla ausgegebenen Direktive ab. In diesem Zusammenhang bemühte sich der stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz zu betonen, die US-Truppen würden das Land so schnell wie möglich wieder verlassen.
Wie schnell das tatsächlich sein wird, werden die kommenden Monate zeigen. Für Indonesien, das den US-geführten Krieg gegen den Irak aufs schärfste verurteilt hat, ist die Katastrophenlage politisch ohnehin brisant: Unbestritten ist, dass die auf Sumatra Not leidenden Menschen ohne den Einsatz der US-Flugzeugträger und Hubschrauber noch viel länger auf Wasser, Lebensmittel und medizinische Hilfe hätten warten müssen. Viele Überlebende haben die ausländischen Retter aus den USA, Australien und Europa enthusiastisch begrüßt. Ebenso klar ist aber auch, dass die USA ihre Hilfsmaßnahmen gleichzeitig als Werbung in eigener Sache verkaufen: Nicht nur, dass sie dadurch versuchen, ihr lädiertes Image in der muslimischen Welt aufzupolieren. Der damalige Noch-Außenminister Colin Powell hatte bei seinem Blitzbesuch in der Krisenregion Anfang Jänner zudem erklärt, die amerikanische Großzügigkeit gehöre zum Bestandteil des „globalen Krieges gegen den Terror“. In Bezug auf die US-Hilfsleistungen hatte Powell gesagt: „Das wird diese Sümpfe der Unzufriedenheit austrocknen, die zu vermehrten terroristischen Aktivitäten führen könnten.“
Mit der Begründung, den weltweiten Kampf gegen den Terrorismus weiter zu führen, hatten die USA in der Vergangenheit bereits mehrfach sicherheitspolitische Interessen in Südostasien angemeldet. Unter anderem schwebt der Supermacht vor, eigene Truppen in der Seestraße von Malakka zu stationieren. Diese gehört zum Hoheitsgebiet von Singapur, Malaysia und Indonesien. Australien, ein treuer Verbündeter der USA, verfolgte in der Vergangenheit ebenfalls strategische Interessen in der Region Asien-Pazifik. Mehrfach ließ Australien durchblicken, man wolle die USA bei ihren Plänen unterstützen. Der selbsternannte „Hilfssheriff“ der Vereinigten Staaten hatte sich daraufhin harsche Kritik aus Asien eingefangen.
Durch die jetzige Tsunami-Katastrophe ist Indonesien verwundbar geworden. Ob der Inselstaat damit anfälliger wird für die strategischen Interessen der USA oder ihrer Verbündeten, bleibt abzuwarten.

Die Autorin lebt seit mehreren Jahren als freie Südostasien-Korrespondentin für Hörfunk und Printmedien in Bangkok.

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