Hinter der Fassade

Ein Lokalaugenschein von Südwind Entwicklungspolitik in Kenias Blumenindustrie ergibt erschreckende Einblicke – wenn es da nicht auch die Möglichkeit fair produzierter Blumen gäbe.

Von Nora Holzmann & Christina Schröder
Gelbe Rosen, rote Rosen, weiße Rosen – auf Schneidetischen, in Kübeln, in Wägen. Die blauen Arbeitsmäntel der schwarzen Frauen in einer der zahlreichen Hallen der Blumenfarm Sher Agencies machen das bunte Bild komplett. Hier werden die Rosen sortiert und gebündelt. Alle ArbeiterInnen tragen Handschuhe, arbeiten mit Schneidemaschinen, die Vertrauen erweckend aussehen, der Boden ist asphaltiert und trocken, die Luft angenehm temperiert, im Hintergrund tönt rhythmische Musik. Ein paar Arbeiterinnen treten aus den Reihen hervor und möchten uns BesucherInnen etwas vorsingen. Der Manager und sein Gefolge lächeln milde, die Arbeiterinnen stimmen eine fröhliche Melodie an.
Hier bei Sher Agencies wird, so berichtet der Manager stolz, fast ein Drittel der Rosen produziert, die von Kenia aus auf dem europäischen Markt landen. Die in holländischem Besitz befindliche Farm biete Arbeitsplätze für etwa 8.000 Menschen.
Kenias Blumenindustrie boomt seit den späten 1980ern und verzeichnete letztes Jahr ein Wachstum von 20 Prozent. Etwa 35 Prozent der Blumen, die auf den europäischen Markt gelangen, stammen aus Kenia.

Der Lokalaugenschein, für den wir im Auftrag des Vereins Südwind Entwicklungspolitik nach Kenia gekommen sind, führt uns zuerst zu verwirrenden Einsichten. Kann es sein, dass die kenianische Blumenindustrie – wie viele Farmmanager behaupten – tatsächlich Opfer einer üblen Verleumdungskampagne lokaler und internationaler Medien und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) ist? Die eindrucksvolle Show bei unserem Besuch der Sher Agencies erschüttert unser skeptisches Vorurteil.
Doch bald sollten wir mit einer anderen Realität konfrontiert werden. Außerhalb der Blumenfarm, in der staubigen und trostlosen Ortschaft Karagita, in die in wenigen Jahren zigtausende Arbeit suchende Frauen gezogen sind, gelingt es uns, mit ArbeiterInnen der Sher Agencies zu sprechen. Sie winken uns in den Schatten ihrer Häuser, möchten keinesfalls mit diesen neugierigen AusländerInnen gesehen werden. „Wir bekommen keine Schutzkleidung zur Verfügung gestellt. Ich bastle mir selbst etwas aus alten Kleidungsstücken. Handschuhe habe ich keine, obwohl ich die Rosen schneiden muss. Oft verletze ich mich an den Dornen“, berichtet die 24-jährige Leah. „Das Management sagt, wir würden mit Handschuhen nicht effizient und schnell genug arbeiten. Wenn ich nach Schutzkleidung frage, drohen sie mir mit Entlassung.“ Oft müsse sie wochenlang durcharbeiten, Überstunden bekomme sie nur manchmal bezahlt. Ihr Lohn betrage 125 Kenia-Schilling pro Tag, das sind umgerechnet 1,3 Euro, womit sie sich und die zwei Kinder versorgen müsse.

Waweru, der die Rosen mit Chemikalien besprüht, begleitet uns bei unserem Rundgang durch den Ort. Immer wieder dreht er sich nervös um. Mit uns gesehen zu werden, könnte unter Umständen seine unmittelbare Entlassung bedeuten. „Alle drei Monate schickt uns Sher Agencies zu einem Gesundheitscheck. Über die Ergebnisse werden wir allerdings nie informiert. Wenn eine Erkrankung festgestellt wird, wird die entsprechende Person schlicht und einfach unter dem nächstbesten Vorwand entlassen“.
Wir betreten eine aus Wellblech gezimmerte Halle. Es ist die Kirche von Karagita, dem einzigen Ort, an dem sich die in der Ortschaft lebenden ArbeiterInnen halbwegs sicher fühlen. An die 100 Leute erwarten uns. Hier sind sie bereit, uns zu berichten. „Ihr müsst den Menschen in Österreich erzählen, unter welchen Umständen wir arbeiten müssen. Bei euch sind Rosen ein Luxusgut, bei uns bedeuten sie zwar Arbeitsplätze, aber zugleich Ausbeutung und Leid. Wir wollen keinen Boykott, aber durch den Druck aufgeklärter Konsumentinnen und Konsumenten können die Arbeitsbedingungen verbessert werden“, erklärt Eunice, Mitarbeiterin von Workers Rights Watch, einer Organisation, die sich für die Rechte kenianischer ArbeiterInnen einsetzt. Die im Anschluss an die Versammlung geplante gemeinsame Demonstration in den Straßen Karagitas zerstreut sich nach wenigen Minuten – zu groß ist die Angst vor den Konsequenzen.

Ob es einen Ort gäbe, an dem sie lieber arbeiten würden, fragen wir die ArbeiterInnen. Ja, da gäbe es Farmen, wo bessere Löhne gezahlt würden. Auch Überstunden würden abgegolten, gesundheitliche Versorgung würde gewährleistet, Schutzkleidung wäre eine Selbstverständlichkeit.
Die ArbeiterInnen sprechen – ohne es zu wissen – von Farmen, die entweder ein FLP (Flower Label Programm)- oder ein Fairtrade-Label tragen. Für die Menschen in Kenia garantieren diese Labels faire Arbeitsbedingungen, für die KonsumentInnen in Österreich stehen sie für ein gutes Gewissen beim Blumenkauf. FLP-Blumen gibt es bei über 100 FloristInnen österreichweit (siehe Liste auf www.fian.at), Fairtrade-Blumen in zwei großen Supermarktketten (siehe www.fairtrade.at).
„Wie viel kostet denn eine Rose bei euch in Österreich?“, fragt uns ein 13-jähriges Mädchen beim Abschied. Über unsere Antwort staunt sie zuerst und lächelt dann. „Ich bin so froh, dass ihr gekommen seid!“

Die beiden Autorinnen sind Mitarbeiterinnen der Südwind Agentur und besuchten kürzlich im Rahmen der Aktion „Handeln für Eine Welt“ Kenia. Frühere Aktionen fanden in Ecuador (3/06) und Bangladesch (12/06) statt.

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