Hinter Mauern

Die Arbeitsbedingungen in der kambodschanischen Textilindustrie haben sich vor allem durch den Druck der KonsumentInnen in den letzten Jahren verbessert, doch die grassierende Korruption, auch bei den Gewerkschaften, macht viele der errungenen Fortschritte wieder zunichte.

Von Eva Pilipp
Vor den Eingangstoren warten Händlerinnen auf die ArbeiterInnen.

In Phnom Penh wird genäht: Sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag, in Schichtarbeit. In Kambodschas Hauptstadt mit ihren zwei Millionen EinwohnerInnen gibt es unzählige Textilfabriken, vor allem am Stadtrand Richtung Flughafen. Hinter Sicherheitstoren aus Eisen in surrealen Farben und von Mauern umgeben stehen Fabriken, in denen hunderte Arbeiterinnen ihre Tag- und Nachtschichten abarbeiten. Im besten Fall sind das geregelte acht Stunden am Tag, eine Stunde Mittagspause und ein freier Tag pro Woche. Im schlechteren Fall: Unzählige Überstunden und Nachtschichten, die nicht immer oder nicht regelmäßig bezahlt werden.

Der Bekleidungssektor ist Kambodschas größte Exportbranche mit über 300.000 vorwiegend weiblichen Arbeiterinnen mit niedrigem Bildungsniveau, die kaum Jobalternativen haben. Die meisten kommen vom Land, was bei einer zu fast 80 Prozent in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung nicht verwundert. Nach bis zu zwanzig Jahren Arbeit in den Fabriken, die sich in und um die größeren Städte konzentrieren, kehren viele der Arbeiterinnen aufs Land zurück und arbeiten auf den Feldern ihrer Familien weiter. In der Zwischenzeit dreht sich ihr Leben um Niedrigstlöhne, monatliche Geldsummen, die an die Familien geschickt werden, und die tägliche Routinearbeit in den Fabriken.

In einem Land, in dem fast alle Intellektuellen während des Pol Pot-Regimes in den 1970er Jahren ausradiert wurden, ist Bildung vor allem für Mädchen und Frauen nach wie vor Mangelware. Der Weg vieler junger Frauen führt oft in frühe Ehen, Feldarbeit, Prostitution oder Bekleidungsfabriken. Ohne Bildung ist der Weg aus der Armutsfalle schwer, ein Studium bleibt der unerfüllte Traum am staubigen Horizont der Hauptstadt. „Ich würde lieber studieren, aber das Geld reicht nicht, um Studiengebühren zu zahlen, und ich muss meiner Familie Geld schicken. Meine Nichte bekommt Geld von mir, damit wenigstens sie studieren kann“, berichtet die 28-jährige Chandy. Sie lebt in Kandal und pendelt jeden Morgen auf dem Motorrad zur Arbeit. Die Kandal-Provinz liegt südlich von Phnom Penh und ist mit dem Motorrad in zwanzig Minuten erreichbar, öffentliche Busse gibt es in der und um die Hauptstadt nicht. Viele pendeln, um zur Arbeit in die Stadt zu kommen, etwa um als Straßenverkäufer zu arbeiten.

Chandy näht nicht, obwohl sie seit vier Jahren in der Textilfabrik im Teuk Thla-Viertel in der Hauptstadt arbeitet. Das sind fast 12.000 Stunden Arbeit in den monotonen Fabrikshallen mit schlechter Belüftung, wenig Licht, chemischen Schadstoffen und der stündlich gleichen Beschäftigung: Fertige T-Shirts in Plastik verpacken, zehn Stück pro Plastiksack, bis zu zehn Stunden am Tag. Sonntag ist ihr freier Tag, je nach Auftragslage arbeitet sie auch dann ein paar Stunden für Extrageld. Ihren leuchtend rosa Fingernägeln mit den weißen Blumenmustern sieht man die Arbeit nicht an, ihren Händen schon. „Die Nägel sind meine Werbung für das, was mehr Spaß macht als die Fabrikarbeit.“ In ihrer Freizeit verdient Chandy sich ein paar tausend kambodschanische Riel, umgerechnet etwa drei Dollar, mit Maniküre und Pediküre für Arbeitskolleginnen. Kunstvoll gestaltete Fingernägel gehören zu den Highlights des gemeinsamen Tages, genauso wie die Mittagspause, die bei vor den Fabriken wartenden StraßenverkäuferInnen mit Reis, Baguette, Obst, Cola oder Energydrinks verbracht wird.

Über ihre Gehaltserhöhung wurde monatelang gestritten. Von monatlich umgerechnet 50 US-Dollar auf mittlerweile 61 Dollar. Das neue und noch umstrittene Mindestgehalt für Textilarbeiterinnen soll ab Oktober 2010 eingeführt werden. Im Vergleich dazu verdienen Angestellte im staatlichen Dienst und Lehrer deutlich weniger; die Gehälter variieren zwischen Stadt und Land und liegen zwischen 25 und 40 Dollar für Staatsangestellte – zum Leben zu wenig. Als Folge dessen blüht Korruption im kleinen, im großen und im ganz großen Stil; überall und vor allem im Alltag.

Mit Korruption ist jede Kambodschanerin, jeder Kambodschaner konfrontiert: Auf der Straße im Namen der Verkehrspolizei, in der Grundschule, um bessere Noten zu bekommen, in der Arbeitswelt, um überhaupt Arbeit zu finden, im Falle von Straftaten, wo die Schuldfreiheit durch Geld und Kompensationszahlungen erkauft wird. Schuldfrei ist oft nur, wer Geld hat. „Korruption tötet jeden Tag“, sagt Mu Sochua, Parlamentsabgeordnete, ehemalige Frauenministerin und Mitglied der führenden Opposition „Sam Rainsy Partei“. „Korruption beeinflusst den Alltag von Frauen und Kindern. Die Kindersterblichkeit in Kambodscha gehört zu den höchsten in Asien. Schuld daran ist das schlechte öffentliche Gesundheitssystem; selbst wer bezahlen kann, findet nur Einrichtungen von schlechter Qualität mit mangelnder Hygiene. 500 Millionen Dollar gehen jährlich durch Korruption verloren, welche in die dringend benötigte Gesundheitsvorsorge investiert werden könnte.“ Mu Sochua steht mit ihrer Kritik nicht alleine da. Menschenrechtsorganisationen kritisieren seit langem den mangelnden Schutz von ArbeiterInnen im Land und das fehlende Interesse der Regierung, Menschenrechtsfragen den geschäftlichen und machtpolitischen Interessen vorzuziehen.

In einem Netz divergierender Interessen in und um die Textilindustrie stehen einander in Kambodscha Arbeiterinnen, Gewerkschafter, Politiker, Firmen mit Sitz in Hongkong, Taiwan, Malaysia und Singapur und KonsumentInnen in Asien, den USA und Europa gegenüber. Nach der Ermordung von vier Gewerkschaftführern in den letzten Jahren – darunter auch der als charismatisch beschriebene Chea Vichea, Mitgründer der Oppositionspartei des im französischen Exil lebenden Parteichefs Sam Rainsy – ist die Stimmung gedrückt. Trotzdem gibt es bei den Arbeitsabläufen der Fabriken zumindest kleine Verbesserungen. „Regeln zur Kontrolle der Arbeitsbedingungen sind in den letzen Jahren strenger geworden, auch dank des Drucks der Käufer. Arbeitszeit, Gehalt, Arbeitsbedingungen, Kontrolle zu Verletzungen der Rechte, sowie Mindestalter haben sich verbessert. Kinderarbeit gibt es in Kambodschas Fabriken kaum.“ Mu Sochua setzt sich seit Jahren für Frauenrechte und Gleichberechtigung ein. Vor kurzem wurde sie von Premierminister Hun Sen wegen Verleumdung verklagt und zu Entschädigungszahlungen gezwungen.

Auch die Konzernpolitik ist laut Mu Sochua außergewöhnlich: Der Druck der KonsumentInnen, soziale Standards einzuhalten, wurde in den letzten Jahren direkt auf die Konzerne übertragen, die in Folge dessen die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) um Kontrollinspektionen in Kambodscha ersuchten. Exportieren darf heute prinzipiell nur, wer Kontrollen zulässt und sich kooperativ zeigt. Produzenten mit Hauptsitz in den Nachbarländern, die viele der Fabriken in Kambodscha betreiben, unterhalten jedoch meist gute Kontakte zu Regierungsbeamten, was die Kontrollen wiederum durchlässig macht.

Ein großes Problem ist die Korruption innerhalb der Gewerkschaften selbst. Normalerweise ein Zeichen für funktionierende Demokratie, ist die Logik der Gewerkschaften in Kambodscha anders. „Es gibt hunderte Gewerkschaften, und alle sind offiziell registriert. Aber nur wenige sind moralisch legitimiert und setzen sich wirklich für die Interessen der Arbeiterinnen ein. Viele arbeiten für die Regierungspartei CPP (Cambodia’s People Party) und torpedieren die hart erkämpften Erfolge der anderen Gewerkschaften. Die FTU, die Gewerkschaft der Oppositionspartei, versucht trotz der Morde an ihren Führern, trotz Drohungen und Unterdrückung eine Gewerkschaft der Arbeiterinnen und Arbeiter zu sein“, erklärt Mu Sochua. Im Bereich der Korruptionsbekämfpung sieht sie mehr Rückschritte als Fortschritte. An gesetzlich geregelte Urlaube oder Mutterschaftsurlaub ist bei diesen Gewerkschaften somit noch nicht zu denken. Und die Morde der Gewerkschaftsführer auf offener Straße wurden nie richtig aufgeklärt, das Klima der Angst wächst trotz KonsumentenInnendruck aus dem Ausland. Viele der Textilarbeiterinnen können nicht lesen und schreiben und schließen sich bereitwillig korrupten Gewerkschaften an.

Chandy sieht älter aus als 28. Was sie später einmal machen möchte? Eine Familie gründen vielleicht, eine Reise ans Meer in Kambodscha, da war sie noch nie, sagt Chandy. Die Hafen- und Strandstadt Sihanoukville ist vier Stunden von Phnom Penh entfernt. Von dort werden die Textilien für den Export verschifft, sieben Tage die Woche. Irgendwo auf den Frachtschiffen liegen auch die von Chandy selbst verpackten T-Shirts in ihren Plastikhüllen auf ihrem Weg in die Welt.

Eva Pilipp hat in Wien Politikwissenschaft und Journalismus studiert. Sie lebte zweieinhalb Jahre in Damaskus und arbeitet mittlerweile in Kambodscha als freie Journalistin und an der Universität.

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