Hoffnungsschimmer in Pakistan

Das Land wirkt chaotisch. New Internationalist-Autor Ziauddin Sardar wirft einen Blick hinter die Kulissen – und in die Zukunft des Landes.

Mutige Presse: JournalistInnen protestieren gegen die Ermordung eines Berufskollegen.

Kommt man zum Kohsar-Markt, wird man von einem sprudelnden Brunnen begrüßt. Gleich daneben, in einem großen Drahtkäfig, bringen ein paar muntere Papageien Farbe in die Szenerie. Von einer kleinen, anmutigen Moschee aus ruft der Muezzin die Gläubigen zum Gebet. Der Markt ist ein beliebter Tummelplatz für die wohlhabende Bevölkerung Islamabads und entsandte MitarbeiterInnen westlicher Unternehmen. Hier trifft sich die Elite, um ihre Cappuccinos zu schlürfen, sich im Al-Saleem Hair Experience Saloon einen Haarschnitt verpassen zu lassen und das letzte Wall Street Journal zu kaufen.

Am 3. Jänner des Jahres war Salman Taseer, damals Gouverneur der Provinz Punjab, im Table Talk zu Gast, einem kleinen, aber eleganten Restaurant am Markt. Nach dem Mittagessen verließ er das Restaurant, kaufte sich nebenan im London Bookshop ein Time Magazine und begab sich zu seinem Wagen. Was dann geschah, stürzte Pakistan ins Chaos und brachte alle seine schwelenden sozialen, religiösen und politischen Konflikte mit einem Schlag ins Rampenlicht.

Talal Tabbasum, ein Funktaxifahrer, wartete gerade vor dem Restaurant auf Fahrgäste und war Augenzeuge des Geschehens. „Einer seiner Leibwächter sprang aus dem Wagen, richtete seine Kalaschnikow auf den Gouverneur und begann auf ihn zu schießen. Er feuerte vielleicht ein paar Sekunden lang.“ Als der Gouverneur offensichtlich tot war, „warf er seine Kalaschnikow zu Boden und hob beide Arme über den Kopf“. Ein Streifenwagen der Polizei war in der Nähe des Markts. Binnen Minuten waren sie da und verhafteten ihn. Als sie ihm Handschellen anlegten, sagte er: „Ich wollte ihn umbringen; ich habe ihn umgebracht, den Gotteslästerer.“

Taseer war ein liberaler Politiker, der sich kein Blatt vor den Mund nahm – ein erklärter Gegner jedes religiösen Extremismus, der die Anliegen der verfolgten Minderheiten in Pakistan vertrat. Zwei Monate vor seiner Ermordung hatte er sich öffentlich für Aasia Bibi eingesetzt, eine Christin, die wegen angeblicher Beleidigung des Propheten Mohammed zum Tode verurteilt worden war.

Doch es war nicht bloß der Mord an Taseer, der das liberale Pakistan in einen Schockzustand versetzte. Weit beunruhigender war die Vergötterung seines reulosen Mörders: Malik Mumtaz Qadri, ein 26-Jähriger mit gelocktem Bart, wurde als Held gefeiert. Einige Rechtsanwälte, die nur wenige Monate davor an Protesten gegen den früheren Militärdiktator Parvez Musharraf teilgenommen hatten, demonstrierten für Qadri und kündigten an, seine Verteidigung übernehmen zu wollen. Die regierende Pakistan People’s Party (PPP), die mit Taseer ein prominentes Mitglied verloren hatte, tat so, als ob das alles nicht passiert wäre.

Zornige PPP-AnhängerInnen gingen auf die Straße, ließen ihrem Schmerz freien Lauf und skandierten Slogans gegen die Blasphemiegesetze. Aber sie standen im Schatten der Massen, die für Qadri und die drakonischen Blasphemiegesetze demonstrierten. Auf einer Kundgebung religiöser Parteien in Karachi priesen 50.000 Menschen Quadri als Helden und riefen dazu auf, alle zu töten, die sich gegen die Blasphemiegesetze stellten. Imame weigerten sich sogar, das Grabgebet für Taseer zu zelebrieren.

Das war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Das bereits von Terror, Selbstmordanschlägen und einer permanenten Wirtschaftskrise geplagte Land versank in tiefe Verzweiflung. Der Optimismus, der Pakistan nach dem Sturz des Diktators Musharraf durch die Zivilgesellschaft und der Wiederherstellung der Demokratie im August 2008 erfasst hatte, verkehrte sich praktisch über Nacht ins Gegenteil.

Aber bereits vor der Taseer-Affäre gab die neue Regierung unter Präsident Asif Ali Zardari in vielfacher Hinsicht Grund zur Besorgnis. Praktisch seit ihrem Amtsantritt war sie in Korruptionsskandale verwickelt. „Mit einem ‚Mr. 10 Prozent‘ hätten wir leben können“, meint dazu Raiz Khokar, ein pensionierter Diplomat und früherer Botschafter in Washington, „aber tatsächlich ist er ein ‚Mr. 40 Prozent‘, wie sich gezeigt hat.“ Außerdem erwies sich die neue Regierung als ebenso inkompetent wie hilflos. Mit der Wirtschaft ging es bergab, und die Preise von Gütern des täglichen Bedarfs eskalierten. In größeren Städten kam es immer öfter zu Stromausfällen, „Lastabschaltungen“, wie sie hier genannt werden. „Das Leben ist für die Menschen unerträglich geworden, in der Stadt und auf dem Land“, bilanziert Riffat Masood, die Frauenministerin der Provinz Punjab von der linksgerichteten Labour Party. „Die meisten Armen in Pakistan leben von der Hand in den Mund. Der Marktpreis für das, was sie zum Überleben brauchen, von den Nahrungsmitteln bis zum Gas, übersteigt ihre Mittel bei ­weitem.“

Wer ist schuld an der katastrophalen Situation in Pakistan? Für Ayesha Siddiqa, eine renommierte Sicherheitsexpertin in Islamabad, ist die Sache klar: In Pakistan existiert ein „Staat im Staat“, der das Land beherrscht und für die meisten Probleme verantwortlich ist. „Es gibt ein Bündnis zwischen den Militärs, den Politikern, den feudalen Grundbesitzern und der Justiz. Unsere Politiker sind großteils Feudalisten, die wollen, dass die landlosen Bauern ungebildet und abhängig bleiben.“ Auch die politischen Parteien sind feudal strukturiert und werden von ihren Parteiführern wie ein Privatbesitz behandelt, der den eigenen Kindern vererbt wird.

Präsident Zardari etwa hat bereits erklärt, dass sein ältester Sohn, Bilawal Zardari Bhutto, ihm als Vorsitzender der PPP nachfolgen wird. Die Armee hat ebenfalls eine feudale Struktur ausgebildet. Auch die Gerichtsbarkeit wird von derselben feudalen Klasse dominiert. Die vier Säulen des „Staats im Staat“ arbeiten zusammen, um das Land zu plündern und ihre Untergebenen unter Kontrolle zu halten.

Chronologie

1947: Aus den überwiegend muslimischen Teilen der Kolonie Britisch-Indien entsteht der unabhängige Staat Pakistan – geteilt in zwei, etwa 1.500 Kilometer von einander entfernte, Landesteile. Die staatliche Zugehörigkeit Kaschmirs bleibt umstritten.
1947-1949: Erster Indisch-Pakistanischer Krieg.
1958: Erster Militärputsch unter Muhammad Ayub Khan. Seither wechseln sich Militärdiktaturen und kurze demokratische Phasen in Pakistan ab.
1965: Zweiter Indisch-Pakistanischer Krieg.
1971: Konflikt mit Indien, das die ostpakistanische Unabhängigkeitsbewegung unterstützt.
1971, Dezember: Ostpakistan erklärte sich als Bangladesch unabhängig.
1999: Bewaffneter Konflikt mit Indien um Kaschmir.
1999-2008: Nach einem Putsch Militärregime unter Pervez Musharraf.
2007, Dezember: Mord an der Oppositionsführerin Benazir Bhutto.
2008: Opposition gewinnt die Parlamentswahlen, Rücktritt Musharrafs.
2008: Die Präsidentschaftswahlen gewinnt Bhutto-Witwer Asif Ali Zardari.
red

Die allgegenwärtigste Institution des Landes ist die Armee. Sie spielte praktisch bereits seit der Staatsgründung eine zentrale politische Rolle. Ihre Präsenz ist überall und auf allen Ebenen der Gesellschaft zu spüren – von den barrikadierten Straßen der wichtigen Städte über ihre „defence colonies“ (Militärsiedlungen), die Universitäten bis hin zum Kricket-Nationalteam. Jede bedeutende nationale Institution hat einen oder zwei ehemalige oder aktive Militärs in ihrem Leitungsgremium.

Dass die Armee die Politik des Landes dominiert, ist zweifellos auf die Serie von Kriegen mit Indien zurückzuführen – 1947-48, 1965, 1971 und zuletzt, 1999, der militärische Konflikt in Kargil (Kaschmir). Die Außenpolitik, insbesondere gegenüber Indien, geriet dadurch zunehmend unter die Kontrolle der Armee.

Als Pakistan sich am „Heiligen Krieg“ gegen die Sowjetunion beteiligte, bestand die Armee darauf, die Beziehungen mit Afghanistan und den USA in Eigenregie zu übernehmen. Dass Pakistan zur Atommacht wurde – das Land verfügt heute über schätzungsweise 110 Raketen mit atomaren Sprengköpfen – erhöhte das Prestige der Armee in enormem Ausmaß und ermöglichte ihr, sowohl die Außen- als auch die Innenpolitik fast vollständig zu kontrollieren. In den letzten 30 Jahren wurde Pakistan tatsächlich von der Armee regiert, auch wenn gerade eine Zivilregierung im Amt war.

Die Armee verschluckt auch einen Löwenanteil des Budgets, und niemandem, auch nicht dem Parlament, ist es gestattet, das Militärbudget in Frage zu stellen oder darüber zu diskutieren. 2010 erhielt Pakistan 2,5 Mrd. US-Dollar Militärhilfe, darunter 1,2 Mrd. Dollar zur Bekämpfung des Terrorismus im Rahmen der NATO-Koalition. Der Großteil des Geldes wanderte direkt zur Armee, ohne dass die Bevölkerung davon profitierte.

Die Armee Pakistans macht aber auch Geschäfte. „Unsere Offiziere sind ein Haufen Immobilienspekulanten“, so Siddiqa. „Sie kaufen billig Grund, errichten darauf Siedlungen für die Elite und verkaufen sie mit enormen Gewinnen.“ Die Armee besitzt Banken, produziert Zement, Seife und Cornflakes. Die Armee kontrolliert nicht nur die Politik, sie ist auch ein wirtschaftlicher Machtfaktor.

Die Justiz scheint auch zum „Staat im Staat“ zu gehören. RichterInnen haben systematisch nach Schlupflöchern gesucht, um mutmaßliche Extremisten, Gewalttäter und Terroristen laufen lassen zu können, und Verfahren gegen Armeeangehörige verschleppt. In Fällen von Blasphemie gibt es aber keine Milde: Verdächtige werden zum Tode verurteilt, auch wenn die Beweise fadenscheinig und widersprüchlich sind.

„Alle, die an der Macht sind, wollen den Status Quo erhalten“, versichert Professor Saeed Shafqat, Direktor des „Centre for Public Policy and Governance“ am Forman Christian College (FCC) in Lahore. Weder die politische Kaste noch die Armee, die Justiz oder die Großgrundbesitzer sind daran interessiert, Bildung, Wohlstand oder wirtschaftlichen Fortschritt zu fördern. „Das wichtigste Ziel aller Parteien besteht darin, den eigenen Machtanteil mit allen erforderlichen Mitteln zu erhalten.“

Pakistan befindet sich daher in einem Zustand der völligen Lähmung. Die einzigen, die noch fähig sind, etwas zu tun, sind offenbar religiöse FanatikerInnen und TerroristInnen. Die Religion hat Pakistan regelrecht vergiftet. „Intoleranz und Bigotterie sind das einzige, was sich ausbreitet“, wie Frauenministerin Masood nüchtern festhält.

Natürlich ist der Islam in Pakistan, wie im Rest der Welt, weder eine monolithische religiöse Strömung noch eine in sich geschlossene politische Institution. Es gibt zahlreiche Gruppen, die um AnhängerInnen, Aufmerksamkeit und Einfluss konkurrieren. Generell dient die Religion drei Zwecken: Sie verbindet Pakistan mit der weltweiten Gemeinschaft der MuslimInnen und liefert eine Art Abzeichen einer religiösen und nationalen Identität. Sie definiert Pakistan gegenüber seinem „ewigen Feind“, dem Indien der Hindus, und sie wird von lokalen Führungspersönlichkeiten benutzt, um sich Legitimität und Autorität zu verschaffen. „Für den Großteil der armen Bevölkerung“, meint Mumtaz Ahmad, Exekutivdirektor des „Iqbal International Institute for Research and Dialogue“ in Islamabad, „ist der Islam eine Art Balsam gegen die harte Realität der Armut und der Entbehrungen.“

In der Vergangenheit lebten in Pakistan verschiedene islamische Glaubensrichtungen friedlich nebeneinander – SunnitInnen der Deobandi-Schulen, AnhängerInnen einer strengen, klassischen Auslegung des Islam; die sunnitischen Barelvi, die an Heilige und Wunder glauben; SchiitInnen; liberale und progressive MuslimInnen, Sufis und Mystiker verschiedener Traditionen. Doch all das änderte sich in den 1980er Jahren unter dem Militärregime von Präsident Zia ul-Haq.

„Der General war der Ansicht, die Schiiten würden seinem Islamisierungsprogramm für Pakistan schaden“, erklärt die Sicherheitsexpertin Siddiqa. Unter Druck aus Saudi-Arabien, dem Mentor und Geldgeber ul-Haqs, wo pakistanische SchiitInnen als Unterstützer des Erzfeinds Iran betrachtet wurden, förderte der General eine Reihe fanatisch anti-schiitischer Organisationen. Die Aufgabe wurde dem berüchtigten ISI (Inter Services Intelligence) übertragen, dem pakistanischen Geheimdienst.

In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren rief der ISI vier militante Gruppierungen ins Leben – Sipha-e-Sahaba Pakistan (SAP), Lashkar-e-Jhangvi, Josh-e-Muhammad und Lakshar-e-Tayyaba. Abgesehen von ihren Massakern an SchiitInnen beteiligten sich diese Gruppen anfangs am Krieg gegen die Sowjetunion in Afghanistan und gegen Indien in Kaschmir. Nach dem NATO-Einmarsch in Afghanistan jedoch schlossen sie sich Al-Kaida und den Taliban an, um gegen die USA zu kämpfen. Nun haben sie Pakistan selbst aufs Korn genommen.

Die Ausbreitung des religiösen Fanatismus in Pakistan war ein „allmählicher Prozess“, bestätigt auch Mumtaz Ahmad. „Wir sahen das kommen. Die Gewalt der Wörter verwandelte sich langsam in physische Gewalt. Und die ganze Zeit sah die Gesellschaft dabei tatenlos zu.“

Aus den vier Hauptgruppen ging eine Vielzahl anderer militanter Organisationen hervor; heute dürften es ca. 80 sein. Fast alle haben ihre Basis im südlichen Punjab. Sie kennen keinerlei Geldprobleme und unterhalten ständige Trainingslager. Ihre jihadistischen Mitglieder terrorisieren Menschen und geraten häufig in Konflikt mit lokalen Behörden. Abgesehen von ihrem Gezeter gegen SchiitInnen und andere Minderheiten malen sie ständig das Schreckgespenst der „indischen Bedrohung“ an die Wand.

„Diese ‚Punjab-Taliban‘ dienen als Erfüllungsgehilfen von Al-Kaida und der pakistanischen Taliban, die weitgehend in den nördlichen Provinzen aktiv sind“, erklärt Siddiqa. Sie verwirklichen die Terrorpläne von Al-Kaida und wollen den Punjab in eine Bastion der Taliban verwandeln. „Die Politik verschließt die Augen vor der Gefahr, die diese fanatischen Gruppen darstellen“, meint Siddiqa. „Sie glauben, eine Konzentration auf diese Region könnte die Aufmerksamkeit der USA zu sehr auf den südlichen Punjab lenken – ein Gebiet, das als Inbegriff der pakistanischen Normalität gilt.“

Da auch die regierende Elite dem Treiben offenbar tatenlos zusieht, überrascht es kaum, dass die meisten Menschen in Pakistan nicht an die Möglichkeit echter Veränderungen glauben. „Die Menschen sehen keinen Sinn darin, sich für Veränderungen einzusetzen“, meint Masood. „Wenn wir die Regierung stürzen und es gibt Neuwahlen, kommen dieselben Leute wieder an die Macht.“ Das ist der Hauptgrund der Verzweiflung in Pakistan.


14. August 2011: Armee und Marine feiern den Unabhängigkeitstag.

Aber es gibt Hoffnung, aus mehreren Gründen. Der wichtigste ist der rapide Prestigeverlust der Armee. Sie galt bisher als die stabilste Institution des Landes. Nun ist es aber offensichtlich, dass sie von internen Konflikten zerrüttet wird. „Mehrere Gruppen innerhalb der Armee kämpfen um die Macht“, versichert Siddiqa, die sich seit mehr als 20 Jahren mit dem militärischen Establishment des Landes befasst. „Es gibt fünf ideologische Strömungen: USA-freundliche Liberale, USA-freundliche Konservative, USA-feindliche Liberale, liberale Islamisten und fundamentalistische Islamisten. Was sie alle gemeinsam haben, ist die Angst vor Indien, die sie ständig benutzen, um ihre Übergriffe zu rechtfertigen. Gleichzeitig versucht aber jede Gruppe, die anderen zu schwächen.“

Dieser Machtkampf eskaliert ab und zu in Form einer offenen Rebellion. Es gilt mittlerweile als erwiesen, dass „islamistische“ Elemente der Armee an dem Terrorüberfall auf die Marinebasis Mehran in Karachi am 22. Mai beteiligt waren, dem massivsten Angriff auf eine militärische Einrichtung in jüngster Zeit. Beim Kampf zwischen den Terroristen und der Schnellen Eingreiftruppe, der 16 Stunden dauerte, wurden 18 Militärangehörige getötet und 16 verwundet. Zwei Terroristen wurden erschossen, einer sprengte sich selbst in die Luft, während der vierte entkam. Ohne Unterstützung von innen hätte nichts davon geschehen können, wie auch die Regierung zugegeben hat. Eine Untersuchung wurde angeordnet.

Der Angriff auf die Marinebasis war die letzte einer ganzen Serie von Attacken der pakistanischen Taliban auf die Armee. Es gab Angriffe auf die Marineakademie in Lahore, das Armeehauptquartier in Rawalpindi, mehrere Überfälle auf Busse, die Kadetten und Militärangehörige transportierten, und häufige Anschläge auf Kontrollstellen und Ausbildungszentren der Sicherheitskräfte. In jedem Fall erklärten sich die pakistanischen Taliban umgehend verantwortlich, doch niemand wurde bisher in diesem Zusammenhang verhaftet.

Diese Vorfälle belegen nicht nur einen Prozess der Infiltrierung und Radikalisierung der Sicherheitskräfte. Sie sind Teil eines offenen und eskalierenden Kriegs zwischen der Armee und den militanten Organisationen. Dass sich ihr Zorn auf die Armee richtet, hat bestimmte Gründe. Sie fühlen sich verraten, weil sie eigentlich erwartet hatten, die Armee würde auf ihrer Seite stehen. Sie sehen die Armee als „Agent Amerikas“, der nicht nur als Handlanger der USA agiert, sondern auch die Amerikanisierung Pakistans vorantreibt. Bei den US-Drohnenangriffen in der Region (die von der Regierung unterstützt werden, trotz öffentlicher Dementis) kamen tausende unschuldige Menschen ums Leben. Bei ihrer Kampagne in Waziristan und der Provinz Khyber Pakhtunkhwa (früher „Northwest Frontier“), der Bastion der pakistanischen Taliban, stützte sich die Armee außerdem auf eine Strategie der kollektiven Bestrafung. Über pakistanische Satelliten-TV-Kanäle wurden zahlreiche Videos verbreitet, die zeigen, wie Soldaten Menschen in den Dörfern misshandeln, auch Alte und Kinder, und Verdächtige standrechtlich hinrichten. Die entrechtete Dorfbevölkerung hat sich demzufolge in eine ausgezeichnete Rekrutierungsbasis für die Taliban verwandelt, auch für Selbstmordanschläge.

Letztlich war es aber die Ermordung Osama bin Ladens, die die Armee endgültig vom Podest stürzte. Am 2. Mai flogen vier Hubschrauber, an Bord 79 US-Elitesoldaten und ein Hund, vom Luftwaffenstützpunkt in Jalalabad, Afghanistan, nach Abottabad, rund 50 km von Islamabad entfernt. Sie flogen tief und setzten Tarnkappentechnik ein, um nicht entdeckt zu werden. Nachdem sie bin Laden getötet hatten, nahmen sie seinen Leichnam mit.

Erstmals in der Geschichte des Landes begann die Öffentlichkeit die Motive und die Kompetenz der Armee offen in Frage zu stellen. Versteckte die Armee bin Laden und gewährte sie ihm Unterschlupf in der Nähe eines ihrer wichtigsten Stützpunkte? Wie konnten die US-Hubschrauber im pakistanischen Luftraum mehr als fünf Stunden lang unentdeckt bleiben? Und wenn die Amerikaner so mir nichts dir nichts in den pakistanischen Luftraum eindringen konnten, wie kann man dann Indien stoppen? Und wenn die Armee die territoriale Souveränität des Landes nicht verteidigen kann, wozu ist sie dann überhaupt da? Und, am wichtigsten, warum muss sie den Löwenanteil des Budgets bekommen?

Diese Fragen wurden immer wieder in den pakistanischen Satellitensendern zur Sprache gebracht und diskutiert. Der Chef des Geheimdienstes ISI bot sogar seinen Rücktritt an, ein bislang unvorstellbarer Schritt. Die Generäle mussten vor dem Parlament erscheinen und sich erniedrigenden Fragen der PolitikerInnen stellen. Plötzlich war die Armee alles andere als über jede Kritik erhaben: Sie erwies sich als inkompetent und gierig, ihre Glaubwürdigkeit hatte irreparablen Schaden genommen.

„Unsere Armee ist zu einer Lachnummer geworden“, meinte ein hochrangiger Diplomat in Islamabad mir gegenüber. „Eine Handvoll Terroristen im entlegenen Norden des Landes hat ihr schwere Verluste zugefügt. Sie hat mehr als 3.000 Soldaten an die Taliban verloren. Sie ist machtlos gegen Selbstmordanschläge. Sie kann nicht einmal ihre eigenen Stützpunkte, Einrichtungen, die Geheimdienstzentrale verteidigen. Sie kann unseren Luftraum nicht schützen. Sie taugt zu gar nichts. Wie können die Militärs ihr sakrosanktes Budget, ihre privilegierten Immobiliengeschäfte, ihre Ehre und ihr Ansehen in unserer Gesellschaft rechtfertigen?“

Sie können es nicht. Alle Schichten der Gesellschaft – PolitikerInnen, Beamte, Intellektuelle, Justiz und die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung – bestehen nun auf einen Rückzug der Armee aus Politik und Wirtschaft.

Der Niedergang der Armee war nicht zuletzt den robusten und aktiven Medien Pakistans zu verdanken. Mit mittlerweile rund 80 Satellitenfernsehkanälen, die zur Hälfte rund um die Uhr senden, und lebendigen Printmedien wird es immer schwieriger, etwas vor der Öffentlichkeit zu verbergen. In den letzten zehn Jahren haben die Medien die Gräueltaten und Übergriffe der Armee und die Korruption der Elite systematisch aufgedeckt. Als die Armee und die Regierung während der Überschwemmungen von 2010 zusammenarbeiteten, um die Fluten von den Ländereien der Großgrundbesitzer weg- und in arme Dörfer umzulenken, die dann überschwemmt wurden, kam es zu einem öffentlichen Aufschrei, der live in zahlreichen Fernsehprogrammen übertragen wurde. Die Regierung war daraufhin gezwungen, ihre Vorgangsweise zu ändern.

Dass viele JournalistInnen entführt, gefoltert oder umgebracht wurden, zumeist vom ISI, ist insofern nicht überraschend. Im Mai etwa wurde Saleem Shazed, der zu den Verbindungen zwischen Al-Kaida und der Armee beim Angriff auf die Marinebasis Mehran recherchierte, brutal ermordet, vom ISI, wie es heißt. Trotzdem lassen sich die pakistanischen JournalistInnen nicht einschüchtern. Viele sind Frauen. Als ich die Zentrale von Dunya News besuchte, einem 24-Stunden-Nachrichtensender, fiel mir auf, dass die Hälfte der JournalistInnen Frauen waren. Obwohl es für Frauen durch die Ausbreitung des Talibanismus und Jihadismus schwieriger geworden ist, in allen Gesellschaftsbereichen präsent zu sein, bewerben sich weit mehr Frauen bei Dunya News als Männer, sagt Nasim Zehra Akhlaque, Leiterin der Abteilung Aktuelles. Auf dem Campus der Punjab University in Lahore und an der Indus School of Art in Karachi sah ich mehr Studentinnen als Studenten. Die jungen Frauen, mit denen ich sprach, brannten alle vor Wissensdurst, waren äußerst unabhängig und wild entschlossen, Pakistan ihren Stempel aufzudrücken.

Es gibt auch eine Generation jüngerer Intellektueller, deren Denkweise sich völlig von jener der Generation unterscheidet, die heute die Zügeln in der Hand hält. „Sie meiden das Netzwerk der Militärs und lehnen Stipendien oder Jobs ab, die mit der Armee verknüpft sind“, sagt Siddiqa. Kunst und Literatur florieren, und trotz religiöser Einschränkungen gibt es auch eine pulsierende Musikszene. Sogar in Islamabad, einer der konservativsten Städte des Landes, gibt es ein Theater. Junge AutorInnen wie Kamila Shamsie, Mohsin Hamid und Bilal Tanweer und Kunstschaffende wie Samar Ataullah, Shazia Skinder und Sufian Ali sind mittlerweile weltweit bekannt. Die jüngere Generation, so Akhlaque, „betrachtet Indien nicht als Feind und glaubt weder, dass der Westen sie vernichten will noch dass Pakistan ein ‚gescheiterter Staat‘ ist, der unmittelbar vor dem Zusammenbruch steht“.

Pakistan droht tatsächlich nicht der Untergang, trotz aller Probleme. Was aber zweifellos zerbröckelt, das ist die Dominanz und das Prestige der Armee. Die Militärausgaben sollten transparenter sein und öffentlich zur Diskussion stehen, die Armee selbst sollte professioneller sein und ihre Militärakademien demokratischer, und vor allem sollte die Rechtsstaatlichkeit gewährleistet sein. In den Stammesgebieten im Nordwesten, so Shafqat, „muss die Autorität der Regierung und des Obersten Gerichtshofs möglichst rasch durchgesetzt werden“, und die veralteten Stammesgesetze müssten durch geschriebenes Recht und eine Zivil- und Strafgerichtsbarkeit ersetzt werden. Militante religiöse Organisationen müssen unter Kontrolle gebracht und aufgelöst, die pakistanischen Taliban an den Verhandlungstisch gebracht werden.

Vielleicht ist all das zu viel verlangt. Unmöglich ist es aber nicht, wie eine eher subversive „Einschaltung im öffentlichen Interesse“ im pakistanischen Fernsehkanal Geo News suggeriert: Vor einem Hintergrund mit Bildern von Facebook und Twitter, eine offensichtliche Anspielung auf den „arabischen Frühling“, erklärt eine Off-Stimme: „Das Volk wird erwachen, und die Hoffnungslosigkeit wird ein Ende haben.“ „Real change is coming soon“ – ein echter Wandel steht unmittelbar bevor.
Die Entschlossenheit und Widerstandskraft der Menschen in Pakistan könnte uns alle noch überraschen.

Copyright New Internationalist

Ziauddin Sardar, geboren in Pakistan, wuchs in London auf. Der Historiker, Kulturkritiker und Buchautor lehrt u.a. Postcolonial Studies an der ­City University London (siehe auch http://en.wikipedia.org/wiki/Ziauddin_Sardar).

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen