Homophobie als Frohbotschaft

Von Redaktion ·

Christliche Hardliner aus den USA exportieren ihre Homophobie nach Afrika. Eine Reportage von NI-Autorin Patience Akumu aus Uganda.

Tagsüber fährt Pafla Basuza ein Bodaboda, ein Motorradtaxi. Abends und an Sonntagen predigt er in der Pfingstkirche in seinem Dorf. Wie die meisten Evangelisten in Uganda befasst er sich in seinen Predigten stets mit denselben Themen – Abtreibung ist Mord, Homosexuelle kommen garantiert in die Hölle, Armut ist eine Strafe Gottes für diese und andere Sünden.

Was Basuza predigt, entspricht den Positionen christlicher Hardliner in den USA, die ihm persönlich völlig unbekannt sind. Wer ihn über die Sündhaftigkeit der Homosexualität aufgeklärt hat, weiß er aber genau: Das war sein Idol Martin Ssempa, ein Ugander, der einen Kreuzzug gegen Homosexuelle führt. Inspiriert, beraten und finanziert wird Ssempa von eben dieser christlichen Rechten in den USA, was Basuza nicht weiß und was ihn auch nicht kümmert.

Dank der unermüdlichen Propaganda vor Ort und der finanziellen Unterstützung aus dem Ausland verabschiedete das Parlament im Dezember 2013 ein Anti-Homosexualitäts-Gesetz, das ursprünglich die Todesstrafe für einige homosexuelle Handlungen vorsah. Mit einem Schlag war Uganda eines der schwulen- und lesbenfeindlichsten Länder der Welt; scharfe internationale Kritik folgte auf dem Fuß.

Als Mitschuldige wurden auch evangelikale ChristInnen aus dem Westen, insbesondere aus den USA, genannt. Man warf ihnen vor, verstaubte, fragwürdige Gesetze aus der britischen Kolonialzeit ausgegraben und sich mit lokalen PolitikerInnen zusammengetan zu haben, um den Hass auf homosexuelle Menschen zu schüren – dabei hatten sich viele von ihnen ursprünglich von der lebendigen und liberalen Liturgie der Pfingstkirchen angezogen gefühlt.

„Ich weiß nicht, ob es die Musik ist oder die Miniröcke, aber alle gehen in die Pfingstkirchen. Sogar wir Kuchus (wie sich Schwule und Lesben in Uganda selbst bezeichnen) gingen zum Beten dorthin“, schildert Sandra Ntebi, Leiterin der Uganda LGBT Security Task Force. Die Gründung dieser Organisation wurde leider notwendig, da nach der Verabschiedung des Anti-Homosexualitäts-Gesetzes Denunziationen in den Medien, Lynchjustiz, Vertreibungen und andere Übergriffe auf Homosexuelle zunahmen.

„In der Kirche, überall redeten sie über uns“, erzählt Ntebi. „Der Pastor meinte: ‚Es ist dein Nachbar, der Homosexuelle neben dir, der für all deine Probleme verantwortlich ist.‘ Also mussten wir aus den Kirchen verschwinden.“

Saat des Hasses. Das umstrittene Gesetz wurde ursprünglich bei einer Reihe von Treffen in Uganda in 2009 ausgeheckt, die von namhaften konservativen Christen aus den USA wie Scott Lively, Don Schmierer, Rick Warren und Lou Engel organisiert wurden, erklärt Kampya John Kaoma, der als Wissenschaftler an einigen dieser Treffen teilnahm. Gegenstand seiner Forschungsarbeit – unter Schirmherrschaft des liberalen US-Thinktanks Political Research Associates – ist der Einfluss der christlichen Rechten auf Politik und Menschenrechte in Afrika.

Ausgehend von diesen Treffen begannen auch andere Organisationen der christlichen Rechten in den USA, sich stärker in Afrika zu engagieren, darunter das American Center for Law and Justice (gegründet vom Fernsehprediger Pat Robertson) und Family Watch International (mit einer mormonischen Präsidentin).

David Bahati, der ugandische Abgeordnete, der den Gesetzesvorschlag einbrachte, wurde ebenfalls von christlich-konservativen Kreisen finanziert. Wie Studien in den Jahren 2009 und 2012 nahelegen, ist es den gesponserten Menschen in Afrika nicht unbedingt klar, um wen es sich bei ihren Financiers überhaupt handelt und inwieweit sie gefährliche extremistische Tendenzen repräsentieren, so Kaoma.

Evangelikale ChristInnen aus den USA unterhalten enge persönliche Beziehungen zur politischen Elite in Uganda, darunter etwa mit der Abgeordneten und „First Lady“ Janet Kataaha Museveni. „Sie finanzieren Waisenhäuser, Bibelschulen, Universitäten und Sozialprojekte. Sie bieten Möglichkeiten zur Weiterbildung und Geschäftschancen für kleine Unternehmen, und damit haben sie Afrikaner davon überzeugt, die perfekten Partner zu sein“, konstatiert Kaoma.

Dass Homosexuelle eine Bedrohung für traditionelle afrikanische Werte darstellen, konnten sie ihrer Gefolgschaft in Uganda ebenso glaubhaft vermitteln. In Gestalt der lokalen Prediger verfügen sie nun über willige Kohorten, die sich nur zu gerne für den Schutz traditioneller Werte bezahlen lassen, eine aus ihrer Sicht verdienstvolle Aufgabe.

Nachwirkung des Kolonialismus. Abgesehen von der Armut und Hoffnungslosigkeit, die Menschen in Uganda dazu gebracht hat, die Botschaft von der Sündhaftigkeit der Homosexualität aufzusaugen wie ein trockener Schwamm das Wasser, sieht Ntebi auch die Nachwirkungen von Kolonialismus und Neokolonialismus als Faktor: Die Menschen in Afrika wären nicht in der Lage, weiße Menschen kritisch zu beurteilen. „Für uns hat ein weißer Mensch – ein christlicher Weißer – immer recht. Die Menschen glauben alles, was die Weißen sagen. Deshalb waren Scott Lively und seine Freunde in Afrika erfolgreich.“

Der Verfassungsgerichtshof in Uganda hat das Gesetz gegen Homosexualität zwar im August 2014 aufgehoben, doch beinhaltet das Strafgesetzbuch nach wie vor schwammige Bestimmungen zu „unnatürlichen strafbaren Handlungen“, die zur Verfolgung homosexueller Menschen eingesetzt werden. Frank Mugisha, Exekutivdirektor von Sexual Minorities Uganda (SMUG), einer Organisation, die Scott Lively wegen der Verfolgung sexueller Minderheiten angezeigt hat, ist pessimistisch: Die Auswirkungen der Propaganda gegen Homosexualität in Uganda wären weitreichend und kaum rückgängig zu machen. Die Verabschiedung des Anti-Homosexualitätsgesetzes hätte ein „virulent homophobes Klima“ geschaffen und zu einer Zunahme der Übergriffe gegen Homosexuelle um 2.000 Prozent geführt, heißt es in einem 2014 veröffentlichten SMUG-Bericht. Lively und andere konservative ChristInnen aus den USA distanzieren sich mittlerweile zwar von der Kampagne gegen Homosexuelle in Uganda, doch ihre Schützlinge wie Basuza sind nach wie vor mit Feuer und Flamme dabei, die von ihnen verkündete „frohe Botschaft“ zu verbreiten.

„Ssempa ist ein Mann Gottes, das ist leicht zu erkennen. Ich mag seinen amerikanischen Akzent und seine auf Hochglanz polierten Schuhe“, meint Basuza. Seine in die Jahre gekommene Jacke ist von einer Staubschicht überzogen, denn mit seinem Motorradtaxi ist er nicht nur auf befestigten Straßen unterwegs. „Wir schauen alle zu ihm auf. Wir müssen ihn bei seinem Kampf gegen die Homosexualität unterstützen.“

Copyright New Internationalist

Patience Akumu ist eine preisgekrönte ugandische Journalistin mit Schwerpunkt auf sozialen Fragen. Sie lebt in Kampala.

Sexual Minorities Ugandasexualminoritiesuganda.com

Political Research Associatespoliticalresearch.org

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