Honig ist Leben

Die Kattunayakan sind ein indigenes Volk, das in den Wäldern des Biosphärenreservats Nilgiris in Südindien lebt. Sie sammeln und verkaufen wilden Honig. Ihr Land und ihre Traditionen sind heute bedroht – unter anderem von einer Vertreibung aus dem Waldschutzgebiet. Ein Bericht von NI-Autorin Mari Marcel Thekaekara.

Unsere Reise zu den Honigsammlern brachte uns nach Chembakolli, ein kleines Dorf im Naturschutzgebiet Mudumalai - ein 321 Quadratkilometer großes Areal, übrigens auch eines der besten Tigerschutzgebiete Asiens. Das Schutzgebiet befindet sich an den Nordosthängen der Westghats, dort, wo die Bundesstaaten Tamil Nadu, Kerala und Karnataka zusammentreffen. Chembakolli ist ein schöner, magischer Platz.

Das Gespräch kam zögernd in Gang, aber bald sprudelten die Geschichten hervor. Ich fragte nach ihrer Tradition des Honigsammelns. Marigan, eine Stammesälteste, begann: "In den alten Zeiten gingen ganze Familien - Männer, Frauen, Kinder, Babys und alte Menschen - in der Honigsaison tief in den Wald hinein. Wir hielten uns dort tagelang auf, und wir hatten nur ein bisschen Reis dabei. Alles andere gab uns der Wald. Aber Honig war unser Leben. Wir verwendeten ihn als Nahrungsmittel, als Medizin, und was wir nicht verbrauchen konnten, verkauften wir. Man nennt uns Honigjäger. Das ist nicht richtig. Wir sind Honigsammler. Wir warten auf den richtigen Zeitpunkt, zu dem wir den Bienen, den Babys drinnen am wenigsten Schaden zufügen. Erst dann reden wir mit den Bienen und nehmen ihren Honig."

Aber war es denn nicht gefährlich, mit alten Menschen und Kindern in den Dschungel zu gehen? Musste man nicht damit rechnen, von Tieren angegriffen zu werden, von Bären, Elefanten? Eine dumme Frage, wie mir im selben Moment klar wurde. In der Nähe trompetete ein wilder Elefant. Ein kleines Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt, lief weinend zu seiner Mutter: "Die bösen Geister sind gekommen." "Das ist kein böser Geist, nur ein Elefant", beruhigte die Mutter. Sofort versiegten die Tränen, gefolgt von einem breiten Lächeln. Kattunayakan fürchten sich nicht vor wilden Tieren - nicht einmal die Kinder.

Allerdings, wie Marigan einschränkte: "Auf die Bären müssen wir aber aufpassen. Das sind üble, durchtriebene Gesellen, die sich von hinten anschleichen und dich angreifen wie ein Dieb." "Wir versuchen immer, die Bären im Auge zu haben, denn die sind beim Honig unsere Hauptkonkurrenten", fügte Babu hinzu. Er kommt aus Kerala, lebt aber in Chembakolli, seit er vor 20 Jahren Mini geheiratet hat. Wissen die Bären, dass ihr Honig habt? Noch eine dumme Frage. "Natürlich wissen sie das! Er riecht sehr stark, und hunderte Bienen summen verärgert herum", erklärte Marigan lachend. "Der Bär hat den Stock genauso wie wir seit Monaten beobachtet und auf den richtigen Zeitpunkt gewartet. Er hat davon geträumt. Und wir haben ihm den Honig vor der Nase weggeschnappt. Kein Wunder, dass er wütend ist."

"Manchmal kommen auch die Elefanten und warten. Sie lieben den Poo-katta, den inneren Teil des Bienenstocks. Wir nehmen den Honig und geben ihnen den Poo-katta." Und stechen euch die Bienen? Allgemeines Gelächter. "Natürlich tun sie das! Sie haben monatelang hart gearbeitet, um den Honig für ihre Kinder zu machen, die Ärmsten. Wenn jemand unser Haus angreift, würden wir uns da nicht auch ärgern? Beim ersten Bienenstich kann man schon Fieber bekommen. Danach tut es bloß ein bisschen weh. Aber was ist das schon im Vergleich dazu, was wir von ihnen bekommen?" Sie erklärten mir die fünf Bienenarten in ihrer Region. Aber die Kombu thenu (Riesenhonigbiene, Apis dorsata) ist die wichtigste. Ein einziger Bienenstock liefert rund 15 Kilo Honig.

Wie bei allen traditionell lebenden Völkern gibt es auch hier zahlreiche Rituale. "Zu Beginn der Honigsaison halten wir eine Puja [religiöse Zeremonie] ab, bevor wir in den Wald gehen. Wenn es mehrere Bienenstöcke auf einem Baum gibt oder der Baum in einem heiligen Hain steht, halten wir eine besondere Puja ab. Sie wird von einem der Ältesten geleitet, der für diesen Teil des Waldes zuständig ist. Wir denken an die Vorfahren und die Geister des Waldes, die Clangottheiten. Wir ersuchen sie um ihren Schutz und Segen. Wir bitten die Bienen und den Wald um Verzeihung, da wir ja ihren Honig nehmen werden. Wenn wir mit dem Sammeln fertig sind, sagen wir zu den Bienen: ‚Danke, dass ihr uns soviel Honig gegeben habt, seid bitte nicht böse. Kommt bitte wieder hierher zurück.'"

Honig zu ernten, erfordert an sich schon einige Übung. Aber wilden Honig aus Bienenstöcken zu holen, die 25 Meter hoch oder höher auf einem Baum hängen, mitten im Dschungel, ist noch um einiges schwieriger. Dazu braucht es einige Fähigkeiten, nicht zuletzt Geschick beim Baumklettern, die man oft schon von Kind auf erlernt.

Beim Honigsammeln nehmen die Kattunayakan nur ein Messer, die für eine Puja nötigen Utensilien, Reis und alte Blechgefäße mit, um den Honig vom Baum herunterzuholen, heute auch Plastikkanister, um den Honig nach Hause zu bringen. Alles Übrige bekommen sie vom Wald. Hohen Bambus für die Leitern, Fasern aus Baumrinde für starke Seile, Gräser zum Ausräuchern der Bienen und ein Bambusmesser, um die Waben aus dem Stock zu schneiden. Metall wird dazu nie benutzt, da sie glauben, dass die Bienen dann nicht mehr zum selben Baum zurückkommen. Tun sie das immer? "Meistens. Sie haben eine besondere Beziehung zu bestimmten Bäumen, die wir nicht verstehen", sagte Babu. "Vielleicht wissen sie, dass diese Bäume immer da sein werden, um ihre Stöcke zu beherbergen."

Ich erklärte, dass in den reichen Ländern Milliarden von Bienen zugrunde gegangen sind und Bienen routinemäßig von Australien nach Nordamerika exportiert werden. Ist es daher aus Umweltgründen vertretbar, weiter Honig zu sammeln? Das brachte sie etwas aus der Fassung. Marigan antwortete langsam: "Bienen sind ein Teil unseres Lebens. Würden wir unsere Mütter und Väter töten? Eine Biene ist nicht bloß irgendein Insekt wie eine Fliege oder eine Mücke. Sie ist etwas Besonderes, das ganze Leben hängt von ihr ab. Sie bestäubt alles. Wir würden nie einfach so eine Biene töten. Wir nehmen den Honig, wenn die meisten Babys groß geworden sind. Zu dem Zeitpunkt wird es nur mehr sehr wenige Larven geben. Wir haben seit Generationen Honig gesammelt. Würden sie zurückkommen, wenn wir ihnen schadeten?"

Babu mischte sich ein: Das Schrecklichste, was ich gesehen habe, war auf einer Kardamom-Plantage in Kerala. Sie spritzten ein Unkrautvernichtungsmittel. Am Abend, als wir nach Hause gingen, lagen überall tote Bienen herum. Mein Herz krümmte sich vor Schmerzen. Ich fühlte mich krank." Alle nickten. "Tote Bienen sieht man nur in den Plantagen, wenn sie Pestizide spritzen. Nicht in den Wäldern. Viele Pflanzen, die sie Unkraut nennen, haben Blüten, die von den Bienen gebraucht werden. Der Rauch aus den Teefabriken stört sie. Wenn sie Flächen für neue Felder abholzen, bringen sie die Bienen durcheinander, dann gehen sie weg. Die Zunahme der menschlichen Bevölkerung hat dazu geführt, dass die Bienen weniger wurden."

"Wir nehmen uns viel Zeit, die Bienen zu beobachten. Wenn die Bienen von den Blüten zum Stock fliegen, folgen sie einem bestimmten Weg. Wir können ihnen folgen. Um etwa zehn Uhr morgens, wenn die Sonne in einer bestimmten Höhe steht, sieht man ihren Weg. Um ca. zwei Uhr nachmittags kann man einige Bienen deutlich hören. Das ist die Zeit, wenn es in den Felsspalten sehr heiß ist. So um sechs bis sieben Uhr abends, wenn sie ihr Tagwerk verrichtet haben, spielen die großen Felsenbienen mit ihren Babys, damit sie fliegen lernen."

Bienen spielen im Leben der Kattunayakan nach wie vor eine wichtige Rolle, selbst wenn sie mittlerweile auch andere Einkommensquellen haben. Babu zeigte auf ein paar Jugendliche, die in der Nähe sitzen. "Sie haben in einer Fabrik in Tirupur [Tamil Nadu] gearbeitet, aber als die Honigsaison begann, sagten sie ihrem Chef, jemand sei krank und kamen so schnell wie möglich nach Hause. Gleich wo wir sind, wir können nicht wegbleiben. Die Bienen locken uns her. Die Honigsaison gibt es seit alters her; das haben wir im Blut. Wir begehen jedes Jahr unser Kaavu-Fest ("heiliger Hain"), bei dem wir unserer Vorfahren und aller Geister gedenken. Alle Kosten müssen mit Honig-Geld beglichen werden. Wir geben den Kranken Honig, den Babys. Honig zu essen ist etwas Ernstes für uns, etwas Feierliches. Wenn wir Honig essen, dann reden wir nicht."

Marigan wirkte plötzlich traurig. "Selbst unsere kleinen Kinder wissen über die Bienen Bescheid. Sobald sie acht Jahre alt sind, gehen sie mit den älteren Buben Honig sammeln. Die Bienen stechen sie. Aber sie wissen, das gehört zum Leben dazu. Wir haben schon mit den Bienen gelebt, als unsere Vorfahren durch diese Wälder gingen, als die Zeit begann. Aber in den letzten Jahrzehnten haben wir alle Angst, weil uns die Forstwächter schikanieren."

Das Naturschutzgebiet Mudumalai steht unter der Aufsicht von Forstwächtern. Einige von ihnen mögen die Honigsammler nicht und würden sie am liebsten aus dem Gebiet rauswerfen. Die Kattunayakan haben gemeinsam mit anderen Stämmen nun seit zwei Jahrzehnten gegen ihre Vertreibung und gegen Übergriffe gekämpft. Unlängst gründeten sie dazu auch eine Art Gewerkschaft, die Adivasi Munnetra Sangam (AMS) (siehe www.adivasi.net). "Es kommt vor, dass sie uns jagen, unsere Jungen festnehmen, sogar zusammenschlagen, wenn der Forstwächter gewalttätig ist", erzählte Marigan. "Mit dem neuen Gesetz, dem Forest Rights Act, ist es ein bisschen besser geworden. Aber Angst haben wir immer noch."

AnthropologInnen haben das Wissen indigener Völker gepriesen, aber erst seit kurzem beginnt die Welt zur Kenntnis zu nehmen, dass wir von ihnen lernen können. Die Kattunayakan, die weder lesen noch schreiben können, in ihren Dschungelhütten leben, einige noch in Höhlen, verstehen, was viele von uns nicht begreifen: Dass es ein Sakrileg ist, eine Biene zu töten; dass sogar unser Überleben von einer der kleinsten Kreaturen der Natur abhängig sein könnte.

Copyright New Internationalist

Mari Marcel Thekaekara schreibt regelmäßig für den New Internationalist. Sie lebt mit ihrem Ehemann Stan im Biosphärenreservat Nilgiris in Tamil Nadu, Indien.

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