Fundstücke

Von Heidi Pataki ·

Heidi Pataki auf literarischer Entdeckungsreise im Süden

Im Paris der sechziger Jahre galt das Buch als eine Art rote Bibel unter den Studierenden, farbigen wie nichtfarbigen: „Les damnés de la terre“ (dt.: Die Verdammten dieser Erde) von Frantz Fanon.

Der Skandal, den das Buch damals ausgelöst hat, ebenso wie die Begeisterung, wären heute einfach unvorstellbar bei einem literarischen oder essayistischen Werk. Jean-Paul Sartre, der Abgott aller Linken, hatte dazu ein hinreißendes Vorwort geschrieben.

Frantz Fanon, 1925 auf der Insel Martinique geboren, studierte in Frankreich Medizin und verlegte sich dann auf die Psychoanalyse. Er hätte eine Standardlaufbahn verfolgen, sich anpassen können, wie es so viele Intellektuelle vor ihm getan hatten, die aus den (ehemaligen) Kolonien kamen und in ihrem „Mutterland“ Kariere machten. Frantz Fanon dagegen schlug sich im Algerienkrieg auf die Seite der Aufständischen. An einer Nervenklinik in Algerien arbeitend, wurde er direkt mit den Auswirkungen von Gewalt und Unterdrückung seitens der Kolonialherren konfrontiert. Seine „Fallstudien“ beschreiben die an Leib und Seele erkrankten Opfer des Kolonialismus.

1961, als Fanons Buch mit seinen Beobachtungen und Schlussfolgerungen erschien, erkrankte er schwer und starb noch im selben Jahr, erst 36 Jahre alt.

Frantz Fanons Pioniertat bestand in der Versöhnung, in der Symbiose von Marxismus und Psychoanalyse. Galt die Psychoanalyse bis dato bei der Linken doch als strikt bürgerlich, die bestehenden Verhältnisse konservierend, und der Marxismus bei den meisten Psychoanalytikern als terroristisches Schreckgespenst. Der französische Strukturalismus wäre ohne Frantz Fanon kaum denkbar, und eigentlich abstrakte Begriffe wie Dritte Welt oder Kolonialismus wurden durch ihn erst sinnlich lebendig und damit nachvollziehbar.

Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde. Suhrkamp TB, Frankfurt/M. 1981 (bisher letzte Auflage 1997). 267 Seiten, öS 123,-.

Heidi Pataki ist Gründungsmitglied und seit 1991 Präsidentin der Grazer Autorenversammlung. Sie lebt in Wien als Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, zuletzt „amok und koma“, Otto Müller Verlag, Salzburg 1999.

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