Fundstücke

Von Redaktion ·

Heidi Pataki auf literarischer Entdeckungsreise im Süden

Schwarzafrika ist aus literarischer Sicht ein Kontinent, in dem noch Entdeckungen zu machen sind. In einer Taschenbuchreihe des Züricher Unionsverlags ist vor Jahren ein äußerst merkwürdiger Erzählband erschienen. „Der Palmweintrinker“. Sein Autor Amos Tutuola (Jahrgang 1920) kommt aus Nigeria, vom Volk der Yoruba. Seine in trotzigem Pidginenglisch geschriebene Odyssee eines afrikanischen Säufers ist mit ihrer Bitterkeit, ihrer Ironie und dem Witz der Verzweiflung das wahre Gegenstück zu den frankophonen Kitsch-Lyrismen etwa eines Léopold Ségar Sehghor. Die Opposition Tutuolas gegenüber dem offenen oder verdeckten, aber immer unsauberen Gelüsten, die die westliche Welt meist mit der „Négritude“ verbindet, schlägt einem aus jeder Zeile dieses wahnwitzigen Werks entgegen. Der Palmweintrinker ist kein fest umrissenes Individuum, schon gar keine Art Held, sondern ein schwankender, nicht fassbarer, aus vielerlei seltsamen Gestalten und Dingen zusammengesetzter armer Teufel, der ums Überleben kämpft. Sein Dschungel ist die Gesellschaft, die ihn umgibt; unbegreifliche Gebote und Verordnungen zwingen ihn, sein Land immer wieder zu kreuzen und zu queren. Einmal ist er ein Zauberer, dessen Macht über alle anderen gebietet, in der nächsten Minute ist er ein Stück morsches Holz – und er hat selbst keinen Namen. Ein Virtuose des „magischen Denkens“ wurde Amos Tutuola von der westlichen Kritik genannt, als sein Buch 1952 zum ersten Mal erschienen ist.

In Wirklichkeit aber sind die Visionen, die Verwandlungen und die Allmachtsphantasien des Palmweintrinkers nur die märchenhafte Verkleidung für eine geschundene Existenz, für den unerträglichen Druck, dem die Menschen in der Dritten Welt ausgesetzt sind.

Amos Tutuola: Der Palmweintrinker. Unionsverlag, Zürich 1994, 128 Seiten, öS 93,-

Heidi Pataki ist Gründungsmitglied und seit 1991 Präsidentin der Grazer Autorenversammlung. Sie lebt in Wein als Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin. Viele Buchveröffentlichungen, zuletzt „amok und koma“, Otto Müller Verlag, Salzburg 1999.

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