Ignoranz der Lehre

Nicht nur die Weltwirtschaft befindet sich in einer Krise, sondern auch die Art, wie Wirtschaftswissenschaft gelehrt wird. Deshalb fordern Studierende aus mittlerweile fast 30 Ländern eine Neuausrichtung des Faches.
Ein Kommentar von Hendrik Theine.

Hendrik Theine

WirtschaftsstudentInnen aus über 20 Ländern gingen am 5. Mai gleichzeitig an die Öffentlichkeit: Im internationalen Aufruf für eine plurale Ökonomik beklagen sie die Begrenztheit der ökonomischen Lehre. Unterstützt werden sie dabei von über 200 AkademikerInnen, Hochschullehrenden und ProfessorInnen, darunter prominente Forscher wie Thomas Piketty, dessen Bestseller „Capital in the Twenty-First Century“ gerade die Fachwelt aufrüttelt.

Es ist zwar nicht der erste Aufruf dieser Art, aber wohl der internationalste und einer mit großer medialer Beachtung. Die zentrale Forderung ist ein konsequenter Pluralismus unterschiedlicher theoretischer sowie methodischer Ansätze.

Auch die Gesellschaft für Plurale Ökonomik Wien unterstützt diesen Appell. Sie wird dabei in Österreich von einer wachsenden Zahl von ProfessorInnen und VertreterInnen von Forschungsinstitutionen öffentlich unterstützt, darunter zum Beispiel Peter Mooslechner, Direktor der Österreichischen Nationalbank.

Im Aufruf wird „eine besorgniserregende Einseitigkeit der Lehre“ angeprangert. Auch ich habe diese Erfahrung bereits in meinem Bachelorstudium in Heidelberg gemacht. Im Frontalunterricht wurden Modelle durchgerechnet, abgeschrieben und auswendig gelernt. Mankiws allgemeingültige „volkswirtschaftliche Regeln“ dominierten den Studienbeginn. An Stelle von Diskussionen und Hausarbeiten waren Multiple-Choice-Klausuren an der Tagesordnung.

Leider sind meine Erfahrungen kein Einzelfall: Viele meiner FreundInnen berichteten Ähnliches. Kein Wunder: Die Einführungswerke von N. Gregory Mankiw, Robert S. Pindyck  oder Olivier Blanchard gehören zu den Standardlehrbüchern weltweit und sind Bestseller. Ich lernte wie die meisten StudienanfängerInnen einen neuen Typ Menschen kennen – den Homo Oeconomicus. Dieser Mensch zeichnet sich durch sein völlig rationales Verhalten aus, reagiert auf Preisveränderungen und Anreize und maximiert unaufhörlich seinen Nutzen. Meine Alltagserfahrungen wurden über den Haufen geworfen. Auf einmal spielten Gefühle, Gegenseitigkeit und andere soziale Normen keine Rolle mehr.

Als Antwort auf kritisches Nachfragen hörte ich oft, dass Theorien ja nur Landkarten seien: Sie erleichtern das Zurechtfinden und geben nur die wichtigen Determinanten eines Systems an. Auch wenn dies auf den ersten Blick natürlich sehr überzeugend klingt, versteckt sich genau hier das Problem: Je nachdem, welche Landkarte bzw. Theorie man nun zu Hilfe nimmt, werden unterschiedliche Dinge relevant. Die Einführungsveranstaltungen erklärten Wachstum als notwendig für den Wohlstand eines Landes abhängig von Humankapital und technischem Fortschritt. Völlig ausgeblendet werden dabei Verteilungsaspekte, die Lohnquote und die Frage, ob Wachstum in Zukunft überhaupt möglich und wünschenswert ist. Statt des Nebeneinanders unterschiedlicher Sichtweisen und Erklärungen dominieren Mainstream-Modelle. Dabei wird Wissenschaft doch gerade durch unterschiedliche Perspektiven bereichert. Die Einseitigkeit der ökonomischen Lehre beschränkt ökonomisches Wissen im Allgemeinen und die Erkenntnisse der Studierenden im Besonderen. In letzter Konsequenz wirkt sich das natürlich auch auf die Entscheidungen und Sichtweisen späterer Führungskräfte aus.

Eine Gesellschaft, die nur auf Egoismus, Konkurrenz und Marktdominanz aufbaut, ist eine, in der ich nicht leben möchte. So werden zentrale ökologische und gesellschaftliche Fragen des 21. Jahrhunderts ignoriert. Dies ist nicht zukunftsfähig. Im Nachhinein muss ich Mankiw wohl doch dankbar sein. Diese extreme Simplifizierung der gesellschaftlichen und ökonomischen Komplexität haben mich dazu gebracht, nach Alternativen zu suchen. Und ich bin trotz Widerstandes fündig geworden: Im Master-Studium Socio-Ecological Economics and Policy an der WU Wien finden ökologische, institutionelle sowie verhaltensökonomische Ansätze ihren Platz. Auch im Master-Studium Volkswirtschaft gibt es ähnliche Module. Doch besonders hier ist das Angebot (noch) rar. Man sollte nicht auf das Glück vertrauen müssen, von heterodoxen ProfessorInnen unterrichtet zu werden. In der Volkswirtschaft bedarf es eines grundsätzlichen Bekenntnisses zur Vielfalt der Theorien und Methoden. Dies muss sich in jedem Kurs widerspiegeln und sollte nicht ausschließlich in Nischenveranstaltungen oder im Selbststudium stattfinden. Nur so kann der Diskrepanz zwischen Begrenztheit einzelner Schulen auf der einen Seite sowie der Komplexität und Vielfältigkeit gesellschaftlicher Realität auf der anderen Rechnung getragen werden.

Hendrik Theine studiert im Master-Studium Socio-Ecological Economics and Policy sowie Volkswirtschaftslehre an der WU Wien. Er ist Mitglied der Gesellschaft für Plurale Ökonomik Wien.

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