„Ihr werdet es erleben“

Die Zukunftsforschung hat viele Weltprognosen und Weltbilder entworfen. Sie waren und sind mehr oder weniger phantastisch oder wissenschaftlich fundiert. Im Nachhinein sehen wir naturgemäß klarer. Doch manche Prognose will nicht Voraussage sein, sondern Handlungsanleitung für eine „bessere Welt“.

Von Hans Holzinger
Ihr werdet es erleben“ – so der verheißungsvolle Titel des Ende der sechziger Jahre erschienenen Bestsellers „The Year 2000“, eine Spekulation der damals viel gerühmten Zukunftsforscher Hermann Kahn und Anthony J. Wiener vom New Yorker Hudson Institute. Das Buch nennt hundert technische Neuerungen, die für das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts als sehr wahrscheinlich vorausgesagt werden. Darunter durchaus Zutreffendes wie die rasante Entwicklung der Computerindustrie und der neuen Kommunikationsmittel oder Fortschritte in der Verpflanzung menschlicher Organe. Man findet aber auch von einem unbeirrbaren Machbarkeitswahn bestimmte Phantasien wie planmäßigen Ackerbau auf dem Meeresboden samt bewohnten „Unterseekolonien“ oder die Beeinflussung von Wetter und Klima (die durch den menschenbedingten Treibhauseffekt in ungewollter Form ja Realität geworden ist!).
Die allgemeine Anwendung von Atomkraftwerken stand für Kahn und Wiener außer Zweifel. Die Risiken dieser Technologie und die Möglichkeit eines Widerstandes dagegen wurden nicht einmal angedeutet.
Verwegen waren wohl auch die Vorstellungen der beiden über ein sich weltweit ausbreitendes „postindustrielles Zeitalter“, das allen Menschen Wohlstand bringt. Bevölkerungskontrolle und ein einigermaßen stabiles Sicherheitssystem würden sich durchsetzen, ohne dass es eine „Weltregierung“ gäbe. Die nationalen Interessen würden langsam abgebaut, das Leistungsprinzip stünde nicht mehr an erster Stelle, die freie Marktwirtschaft trete – und das ist bemerkenswert – gegenüber der öffentlichen Hand und der „sozialen Gesamtplanung“ zurück. Viele Tätigkeiten würden eher freiwillig und aus Vergnügen ausgeübt, der Faktor der finanziellen Entschädigung gerate in den Hintergrund. Mindesteinkommen seien gewährleistet, ausreichende Wohlfahrtseinrichtungen würden für soziale Absicherung sorgen. Beinahe paradiesische Zustände!

Kahn behielt seinen Zukunftsoptimismus auch in den Folgejahren. Er forderte – mit einem Seitenhieb auf den Club of Rome und dessen „Grenzen des Wachstums“ (1972) – als ersten Schritt, die „negative, pessimistische Einstellung, die sich auf so zweifelhafte Begriffe wie tatsächliche Wachstumsbegrenzungen, die sich erweiternde Einkommenskluft, die Verringerung der Lebensqualität und dergleichen mehr bezieht“ durch eine positive zu ersetzen.
Auch Alvin Toffler verspricht uns in „Die dritte Welle“ (1980) eine verheißungsvolle Zukunft. Für die „Dritte Welt“ schlug er vor, die Bedeutung der Eigenproduktion jenseits der Geldwirtschaft und industriellen Warenproduktion aufrecht zu erhalten und gleich von der „vorindustriellen“ in die „postindustrielle Zeit“ überzugehen.
Diese Vorstellung wurde von Hermann Scheer in bezug auf Energietechnologien in seiner „Solaren Weltwirtschaft“ (1999) aktualisiert. Er plädiert dafür, den Ländern des Südens das Wissen für die Nutzung der erneuerbaren Energieträger im Rahmen einer „Weltsolaragentur“ zur Verfügung zu stellen.
Doch noch einmal zurück zu den Utopien einer von Industrialismus und Konsumismus emanzipierten Tätigkeitsgesellschaft, in die auch Robert Jungk seine Hoffnungen setzte. In einem Beitrag für den Sammelband „Anders arbeiten – anders wirtschaften“ (1979) spricht er vom „Drang zu schöpferischer Selbstverwirklichung“, der im „Industriekapitalismus und -sozialismus“ unterdrückt werde. Die „Freigesetzten“ – also die Arbeitslosen – könnten für ihn „Vorläufer neuer gesellschaftlicher Formen und Lebensstile“ werden.

Heute fallen die Zukunftsprognosen generell nüchterner aus. Die Befürworter einer Globalisierung nach „westlichem Muster“ sehen darin die Zukunftshoffnung für die gesamte Menschheit, die anderen lehnen diese Perspektive als nicht nachhaltig ab. Einer aus der ersten Kategorie ist der Trendforscher Matthias Horx, seit er sich nicht mehr nur seinem Lieblingsthema – der Pluralisierung der deutschen Wohlstandsgesellschaft – widmet, sondern auch globale Diagnosen wagt. In seinen „Megatrends“ (2002) versammelt er empirische Belege, die uns optimistisch stimmen sollten: vom Überschreiten des „Menschen-Zenit“ gegen Mitte des 21. Jahrhunderts über die „Aufholjagd der Schwellenländer“ bis hin zum „Siegeszug der Parlamente“ als Weg zu einer globalen Demokratie ist darin die Rede.
Die „Antiglobalisierungs-Bewegung“ wird nach Horx zu einer breiten Protestbewegung anwachsen, die Elemente des Konsumprotests aus den siebziger Jahren aufgreift. „Damit entsteht der Zwang zu neuem Krisen-Management und einer konsequenten Ethik-Politik der Unternehmen“.
Die Technikphantasien früherer Jahrzehnte sind seriöse(re)n Prognoseverfahren wie etwa der Delphi-Methode gewichen. ExpertInnen werden in breit angelegten interdisziplinären Panels über ihre Einschätzung der Entwicklung von Zukunftstechnologien befragt. So werden etwa Wasserstoffautos oder Solargroßkraftwerke in einer deutschen Delphi-Befragung (Goriup 1998) erst in gut 20 Jahren als realisierbar bezeichnet. Die Zukunftsforschung ist vorsichtiger geworden auch insofern, als nicht mehr nur utopische Wunschszenarios entwickelt, sondern mehrere mögliche Szenarien gegenübergestellt werden.

Das wohl größte Vorhaben in diese Richtung ist das „Millenium Project“ des American Council der United Nations University. Es skizziert vier mögliche Entwicklungen für die Welt. Einem positiven „Cypertopia“-Szenario (weltweiter Handel, globaler Zugang zu Bildung durch Internet, Nutzung der Effizienztechnologien und Kommunikationsmöglichkeiten für alle) stehen drei problematische Szenarien gegenüber: „The Rich get Richer“ (weiteres ökonomisches Auseinanderdriften der Welt, hohe Sicherheitsprobleme), „The Passive Mean World“ (Rückgang des Welthandels, Isolationismus, hohe Arbeitslosigkeit und soziale Probleme in allen Volkswirtschaften) sowie „Trading Places“ (wirtschaftliche Prosperität in nur einigen globalen Zentren mit besonderem Wachstum in Asien, welche zu Weltinstabilität und hohen Sicherheitsproblemen führt). Beschrieben wird jeweils die Welt aus der Sicht des Jahres 2050 anhand von Parametern wie Wirtschaftswachstum, Demographie, Umweltbelastung, politische Stabilität u.a.m. Das Zauberwort der geschilderten Positivszenarien lautet freilich: „Globalisierung nach westlichem Muster“.
Die Gegenposition dazu lässt sich mit einer generellen Kritik an der Sozialstrukturen und Ökosysteme zerstörenden Raubwirtschaft kapitalistischer Prägung umschreiben.

Als bahnbrechend für den notwendigen Kurswechsel in Richtung Nachhaltigkeit – und damit als Zukunftsforschung im besten Sinne – gelten nach wie vor die vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie herausgegebenen Leitplanken für ein „Zukunftsfähiges Deutschland“ (1996), die konkrete Wendeszenarien für alle zentralen Bedarfsfelder wie Mobilität, Energie oder Landwirtschaft enthalten. Ob die „globalisierte Gesellschaft“ nicht nur riskanter als die alte nationale Industriegesellschaft, sondern auch „vitaler und energetischer, vielfältiger und gerechter“ werde (Horx), ob wir auf eine „transnationale Bürgergesellschaft“ und eine „regelverändernde Weltinnenpolitik“ (Ulrich Beck) zusteuern oder eher auf eine „Globalisierung der Unsicherheit“ (Altvater/Mahnkopf) oder gar den „Kollaps der Moderne“ (Robert Kurz) oder zumindest eine Periode „großer Unordnungen, persönlicher Unsicherheiten und Gefährdungen“ sowie „schrecklicher politischer Kämpfe“ (Immanuel Wallerstein): Es liegt zu einem wesentlichen Teil in den Weltanschauungen derer begründet, die die Prognosen erstellen.
Kritische Analysen wie die vom Worldwatch Institute herausgegebenen jährlichen Berichte „Zur Lage der Welt“, die „Berichte zur menschlichen Entwicklung“ der Vereinten Nationen oder die profunden zweijährlich erscheinenden „Globalen Trends“ der Stiftung Entwicklung und Frieden sind sachliche Beiträge zur Zukunftsforschung und eine zentrale Informationsquelle für emanzipatorische Entwicklungspolitik. Denn: Wer die Deutungsmacht hat, hat auch die Macht zur Veränderung.

Hans Holzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für ukunftsfragen in Salzburg.

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