Im Aufwind

Die kleine Inselrepublik Kap Verde nimmt eine Sonderstellung in ganz Afrika ein: stabile Demokratie, Ausbau alternativer Energien und wachsendes Einkommen. Und das, obwohl das Land so gut wie keine natürlichen Ressourcen hat.

Von Viktor Sukup
Die Einheimischen surfen lieber im Internet – auf viele Plätzen gibt es gratis Internet- Anschluss.

Die Bilanz seit 1975 kann sich sehen lassen. 2008 hat Kap Verde mit seiner auf neun Inseln verteilten halben Million EinwohnerInnen die UNO-Kategorie der ärmsten Länder verlassen. Die Lebenserwartung übersteigt nun 70 Jahre – gut 15 mehr als die seiner Nachbarländer. Auch seine sonstigen sozioökonomischen Indikatoren liegen weit über den in Afrika üblichen, mit einer gegen Null tendierenden AnalphabetInnenrate, einer niedrigeren Kindersterblichkeit und gut doppelt so vielen ÄrztInnen pro EinwohnerInnen als in den Nachbarländern. Die politische Demokratie kann als gefestigt gesehen werden, denn seit 20 Jahren herrscht ein Zweiparteiensystem mit bereits zwei friedlichen Regierungswechseln – 1991 und 2001 – ohne radikale wirtschafts- und sozialpolitische Kurswechsel. Die regierende PAICV steht mehr für Staat und Zentralismus, die andere Partei für Markt und Dezentralisierung, aber beide vor allem für pragmatische Reformen. Ein Szenario wie in der Elfenbeinküste, wo auch Kap Verde als Vermittler tätig war, ist hier undenkbar: Am 6. Februar wurde die Regierung in regulären Wahlen für eine dritte Fünfjahresperiode im Amt bestätigt.

Ein Blick auf das Land bestätigt die Statistik: Elendsviertel sind auf den Inseln kaum zu sehen, die Straßen sind trotz der gebirgigen Geografie gut instand gehalten, das Bildungsniveau ist vergleichsweise hoch. Auf den Plätzen der Städte sitzen viele junge Menschen mit Laptops, die den hier gebotenen Gratis-Internet-Anschluss benützen. Genauso wie die einfachen, ebenfalls kostenlos zu benützenden Einrichtungen für Turnübungen. Klimaanlagen werden mäßig oder nicht eingeschaltet. Für viel befahrene Strecken gibt es Kollektivtaxis mit Fixpreisen, selbst TaxifahrerInnen verlangen keine übertriebenen Tarife, TouristInnen fühlen sich hier wohl.

Das Land gehört der Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten (CEDEAO/ECOWAS) an, bietet aber gewaltige Kontraste zu Ländern wie Senegal, Guinea oder Nigeria. Nicht nur geografisch und historisch, sondern auch ethnisch, kulturell und politisch liegt es irgendwo zwischen Afrika, Europa und Brasilien. Seine Bevölkerung hat, insbesondere auf der Hauptinsel Santiago, vor allem westafrikanische, aber auch portugiesische und andere Wurzeln, wie das seine heute weltbekannte Musik widerspiegelt. Aus der Zeit der sozialistisch orientierten früheren Einheitspartei PAICV stammen die guten Beziehungen mit Kuba und China, aber die Währung heißt weiterhin Escudo, wie die einstige portugiesische, und ist an den Euro gebunden. Das brasilianische Fernsehen ist populär geworden, aber in anderen Programmen sieht man vor allem Fußball aus Portugal.

Noch um die Zeit 1947-48 verhungerten Tausende Kap VerderInnen, und seit Jahrhunderten gibt es gewaltige Auswanderungsströme. Die heutigen EmigrantInnengemeinschaften – vor allem in den USA, Portugal, Frankreich, Holland und Italien – werden auf eine Million Menschen geschätzt. Viele von diesen hängen weiterhin an ihrem Heimatland und besuchen es gelegentlich oder regelmäßig; manche kehren auch zurück und verwenden ihre Ersparnisse oft zum Bau eines Hauses oder für ein kleines Unternehmen z. B. im Tourismus- oder Transportgeschäft. Der im regionalen Vergleich relative Wohlstand des Landes ist zu einem bedeutenden Teil den Überweisungen und Investitionen dieser EmigrantInnen und RückkehrerInnen zu verdanken. Aber auch den geschickt verwendeten Mitteln der internationalen Hilfe sowie dem in letzter Zeit deutlich zunehmenden Tourismus, während die Güterexporte, vor allem Fischereiprodukte, keine fünf Prozent der Importe decken.

Kap Verde war bis 2010 Schwerpunktland der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit, die sich insbesondere auf Regionalentwicklung und nachhaltiges Ressourcenmanagement konzentriert hat. Österreich hat auch den Aufbau des im Jahr 2010 geschaffenen westafrikanisch-regionalen Zentrums für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz federführend durch technische Hilfe und einen entsandten Energieexperten unterstützt. Es ist auch ein wichtiger lokaler Partner der ebenfalls 2010 gegründeten Internationalen Agentur für Erneuerbare Energie (IRENA), die Büros in Wien und Bonn haben wird.

Die steigenden Erdölimporte stellen eine schwere Belastung für das Land dar. Noch werden mehr als 90 Prozent der Elektrizität mit Diesel oder Schweröl produziert. Die Strompreise sind deutlich höher als in Europa. Doch ab 2012 sollen 25 Prozent und 2020 bereits 50 Prozent der Elektrizität aus Wind- und Solarenergie gewonnen werden. Kürzlich sind auf den Inseln Sal und Santiago die derzeit größten westafrikanischen Photovoltaik-Kraftwerke ans Netz gegangen, 2011 wird auf vier Inseln das in Westafrika größte gebündelte Windkraftprojekt installiert. Die Austrian Development Agency (ADA) hat die Entwicklung des Projekts zusammen mit anderen Gebern unterstützt.

Energie ist neben der Landwirtschaft ein wesentlicher Punkt der Entwicklung überall in der Region; auf Kap Verde wird sie u.a. zur notwendigen Meerwasserentsalzung gebraucht, denn die oft akute Wasserknappheit gehört zu den Hauptproblemen des daher auf bedeutende Lebensmittelimporte angewiesenen Landes. Nur ein Zehntel der insgesamt 4.000 kmÇ ist landwirtschaftlich nutzbar. Reis und Weizen müssen zur Gänze importiert werden, Mais etwa zur Hälfte und Milchprodukte zu noch höherem Anteil. Selbst das hier verkaufte Mineralwasser kommt zum Teil aus Portugal.

Neben der Förderung von Wind- und Sonnenenergie stehen Landwirtschaft und der Bau von Talsperren und Kanälen weiterhin ganz oben auf der Prioritätenliste. Ein gut funktionierendes Schulsystem und nunmehr auch neugegründete Universitäten sollen das bereits recht hohe Qualifikationsniveau weiter anheben. Informations- und Kommunikationstechnologien sowie die strategische Lage sollen dem Land eine neue Rolle als regionales Handels- und Schifftransportzentrum geben. Privilegierte Beziehungen mit der EU und Brasilien, ein stellenweise bereits bedeutender Tourismus, Fischerei und andere Elemente können neue Perspektiven bieten. Für den Fremdenverkehr ist Kap Verde sehr attraktiv, seine morabeza (freundliches Ambiente) ist mehr als ein Slogan, und der Massentourismus findet v.a. auf den langen Sandstränden der flachen Inseln Sal und Boa Vista statt, die bereits von vielen Fluggesellschaften aus Europa direkt angeflogen werden. Und so zieht das Land, obwohl weiterhin viele Einheimische anderswo ihr Glück versuchen, auch zunehmend Leute aus Westafrika an, insbesondere aus dem gegenüberliegenden Senegal, die dann meist im Baugewerbe oder im informellen Handel tätig sind. Viele sehen das Land als Sprungbrett für weitere Emigrationsziele an, bleiben aber nicht selten hier.

Kap Verde mag aufgrund seiner Besonderheiten nur bedingt als Vorbild für andere afrikanische Länder dienen, doch andere Länder können hier interessante Lektionen lernen: eine weitgehend zweckmäßige Verwendung der bisher umfangreichen, jetzt sinkenden internationalen Hilfe sowie den Aufbau solider politischer und sozialer Strukturen und die innere Kohäsion einer ethnisch sehr gemischten und geografisch auch untereinander recht isolierten Bevölkerung. Die sozialen Ungleichheiten sind mit der Liberalisierung der Wirtschaft seit Beginn der 1990er Jahre sicher gestiegen, aber halten sich in Grenzen, ebenso wie akute Armut und Kriminalität. Das politische Leben ist ruhig, aber nicht etwa durch die mächtige Faust einer Diktatur, die Korruption scheint gering zu sein, und die Sauberkeit auf den Straßen überrascht wie die praktisch völlige Abwesenheit von Bettelei und das allgemeine gute Funktionieren des Landes. Alles das verdient, vor allem im regionalen Vergleich, ausdrücklich hervorgehoben zu werden.

Viktor Sukup war UNDP-Funktionär in Angola und Professor für internationale Wirtschaft an der Universität Buenos Aires. Seit 2006 arbeitet er in der Generaldirektion Entwicklung der Europäischen Kommission in Brüssel. Der Artikel gibt ausschließlich persönliche Ansichten zum Thema wider.

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