Im Banne der Geschichte

Von Irmgard Kirchner ·

Wie eine Gesellschaft ihre Geschichte erzählt, sagt viel über ihren gegenwärtigen Zustand aus.

In Österreich schaffen es ÖVP und SPÖ – erst zum zweiten Mal in 50 Jahren – gemeinsam des Bürgerkriegsbeginns vom 12. Februar 1934 zu gedenken. Die Sicht auf die Geschichte spaltet sie, doch als Koalitionspartner wollen sie Einigkeit demonstrieren. Japans Premierminister Shinzo Abe betet zu Weihnachten am Yasukuni-Schrein, an dem auch 14 verurteilte und hingerichtete Kriegsverbrecher aus dem Zweiten Weltkrieg geehrt werden, und brüskiert damit China und Südkorea absichtlich. Victoire Ingabire, Oppositionspolitikerin aus Ruanda, sitzt im Gefängnis, weil sie öffentlich aussprach, dass beim Genozid 1994 auch Hutu umkamen. Offiziell gibt es nur RuanderInnen, gespalten in „Überlebende“ und „Täter“. Geschichte tut weh und wirkt in die Zukunft, oft als Trauma. Eine für alle wahre Geschichtsschreibung gibt es nicht.

2014 ist reich an historischen Gedenkwürdigkeiten, wie 100 Jahre Erster Weltkrieg, 20 Jahre Genozid in Ruanda oder 20 Jahre Ende der Apartheid in Südafrika. Mit neuen Erkenntnissen werden Schuld und Verantwortung neu verteilt oder gewichtet.

Der Politik geht es weniger um eine Annäherung an eine historische Wahrheit. Oft instrumentalisiert sie das rituelle Gedenken für ihre eigenen, aktuellen Zwecke und Ziele. Geschichte wird verwischt, geleugnet, abgeschwächt oder zurechtgebogen. Manchmal wird eine Erinnerung künstlich am Leben erhalten, wie eine Wunde, deren Heilung man verhindern will. In Ungarn unter Viktor Orbán erinnert man sich intensiv an den Trianon-Vertrag, durch den das Land nach dem Ersten Weltkrieg – vor drei Generationen – zwei Drittel seines Territoriums verlor. Und mit jedem errichteten Trianon-Denkmal wird ein ungarischer Opfermythos in Beton gegossen.

Wie Geschichte erzählt wird, ist ein kollektives Phänomen, das uns viel über die Gegenwart sagt. Das Erzählen der Geschichte spaltet oder hält Gesellschaften zusammen.

Welchen Sinn hat das Erinnern für die Einzelnen? Können wir aus der Geschichte etwas lernen? Selbstverständlich. Was könnte das sein? „Dass sich Mitläufertum und Opportunismus bezahlt machen“, wie mir einmal ein renommierter Zeitgeschichtler verbittert erklärte? Oder auch anderes?

Eine banale und gleichzeitig tiefe Erkenntnis aus der Geschichte könnte sein, dass unser heutiges Tun Gegenstand der Geschichte von morgen ist. Wenn die Auswirkungen greifbar sind, ist der Blick auf die Ursachen klarer. Was wissen wir besser und lassen es trotzdem zu? Wo schauen wir weg? Welchen Missständen, welchen Ungerechtigkeiten gegenüber sind wir heute gleichgültig?

Besonders spannend wird die Geschichte, wenn sie Generationen miteinander ins Gespräch und auch in Konflikt bringt. Ein paar Fragen kommender Generationen kann man sich schon gut ausmalen: Ihr habt die Ursachen und Folgen des Klimawandels gekannt. Warum habt ihr nicht entsprechend gehandelt? Oder: Wieso habt ihr die mühsam erkämpfte Demokratie nicht besser beschützt? Im Rückblick zeigt sich, dass es eine Illusion ist, sich als „unpolitisch“ zu sehen.

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