„Im Himmel gibt es keinen Humor“

Von Redaktion ·

Warum überall auf der Welt aus ähnlichen Gründen gelacht wird, es trotzdem den universellen Witz nicht gibt und in welchen Ländern es besonders lustig ist, erklärt der US-amerikanische Psychologe Peter McGraw im Interview.

Gibt es einen guten Witz, den alle Menschen auf der Welt lustig finden?

Eigentlich nicht. Ein Witz, auf den sich alle einigen können, ist automatisch sehr harmlos. Das Problem ist, dass die lustigsten Witze oft die beleidigendsten sind. Auf der ganzen Welt funktioniert Humor aber nach ähnlichen Prinzipien. Recht früh kam die Theorie auf, dass wir auf Kosten anderer lachen, um uns überlegen zu fühlen. Andere sagten, Humor entstehe durch die Unvereinbarkeit von Dingen. Man lacht über Sachen, die eigentlich nicht zusammengehören. Wieder andere sagten, Humor wäre ein Ventil für die aggressiven Tendenzen, die wir haben. Jede dieser Theorien erklärt ganz gut bestimmte Arten von Humor.

Drei Elemente sind konstant: Humor hat mit dunklen, negativen Gedanken zu tun. Mark Twain sagte, die geheime Quelle von Humor sei nicht Freude, sondern Sorge. Im Himmel gibt es keinen Humor. Zweitens: Humor entsteht in spielerischen, nicht-ernsten Situationen. Und drittens: Es muss eine Art Konflikt oder Widerspruch geben – etwas ist falsch, aber doch in Ordnung. Etwas macht keinen Sinn, aber irgendwie doch. Und: Witze können auf zwei Arten schiefgehen – wenn sie zu langweilig sind oder zu beleidigend.

Wir lachen also auf der ganzen Welt aus den gleichen Gründen?

Der eigentliche psychologische Mechanismus ist überall auf der Welt derselbe. Nicht alle Kulturen finden aber die gleichen Dinge lustig. Deshalb ist es auch so schwer, den universellen Witz zu finden. Der Grund ist, dass eine Kultur ein bestimmtes Set an Regeln schafft – darüber, wie man sich verhalten soll, was richtig und was falsch ist. Da reichen feine Unterschiede, wie etwa zwischen den USA und Kanada, die aber doch für den Erfolg des Witzes wichtig sind.

Was praktisch universell ist, ist körperlicher Humor. Slapstick braucht keine Sprache, und alle lachen darüber. Leute verletzen sich, aber sie sind nicht wirklich verletzt. Oder wenn doch, dann haben sie es verdient. Deshalb kommt Charlie Chaplin heute noch gut an, und das auf verschiedenen Kontinenten.

Im Jahr 2002 stimmten international zwei Millionen Menschen über den lustigsten Witz der Welt ab. Hier das Ergebnis:

Zwei Jäger sind im Wald unterwegs, als einer von ihnen zusammenbricht. Er scheint nicht mehr zu atmen, und seine Augen sind glasig. Der andere Jäger holt schnell sein Handy hervor und wählt den Notruf: „Mein Freund ist tot“, stößt er hervor, „Was soll ich tun?“ Er bekommt den Rat: „Beruhigen Sie sich. Versichern Sie sich als erstes, dass er wirklich tot ist.“ Einen Moment ist es still, dann ertönt ein Schuss. Zurück am Telefon fragt der Jäger: „Okay, was jetzt?“

Als Beispiel für internationalen Humor zirkuliert dieser Witz im Netz:

Die UNO macht eine Umfrage unter Kindern aus aller Welt. Das Thema: Sagt bitte eure eigene Meinung zum Mangel an Lebensmitteln in anderen Ländern. Als erste Gruppe melden sich die afrikanischen Kinder, sie wollen sich aktiv beteiligen, haben aber ein Verständnisproblem: „Wir würden gerne unsere Meinung sagen – aber was sind Lebensmittel?“ Als zweite Gruppe sind die US-AmerikanerInnen an der Reihe. Sie finden es nicht gut, dass sich die afrikanischen Kinder zuerst gemeldet haben. Sie wollen unbedingt auch ihre Meinung äußern, haben aber noch eine Frage: „Was genau sind andere Länder?“ Als die europäischen Kinder an der Reihe sind, verstehen sie den Begriff „Mangel“ nicht, die südamerikanischen Kinder scheitern am Wort „Bitte“. Als letzte Gruppe melden sich die ChinesInnen. Sie sind zurückhaltend, aber durchaus bereit, mitzuwirken. Bleibt nur noch eine Frage zu klären: „Was sind eigene Meinungen?“

Ein beliebter Witz aus Indien:

Ein Geschäftsmann besucht seinen chinesischen Freund im Krankenhaus. „Chin yu yan, chin yu yan …“, flüstert der Kranke mit schwacher Stimme. Der Geschäftsmann möchte ihm gern helfen, spricht aber kein Chinesisch. „Chin yu yan, chin yu yan!“, wiederholt der Patient. Kurz darauf ist er tot. Wenige Monate später ist der Mann auf Geschäftsreise in Schanghai, wo er lernt, was „chin yu yan“ bedeutet: „Geh von meinem Sauerstoffschlauch runter.“

Sie haben unter anderem in Japan, Tansania oder Peru recherchiert. Wo haben Sie am meisten gelacht?

Schwer zu sagen. In Palästina zum Beispiel war es viel lustiger, als viele vermuten würden. Wir haben jede Menge humorvolle Palästinenserinnen und Palästinenser getroffen. In Peru waren wir in einem Slum unterwegs, eigentlich kein sehr lustiger Ort, aber wir waren mit 100 Klinik-Clowns beisammen. Da wurde sehr viel gelacht. Die japanische Art von Humor kann auf uns recht ungewöhnlich wirken, aber wir hatten auch dort wirklich Spaß.

Worüber lacht man in Japan?

Das Land wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein sehr lustiger Ort. Man sieht so gut wie niemanden auf der Straße oder in der U-Bahn lachen. Dann merkt man, dass stark vorgegeben ist, wann und wo es in Ordnung ist, Gefühle auszudrücken. In der Karaoke-Bar oder in privaten Wohnungen zeigt sich der großartige Sinn für Humor der Japanerinnen und Japaner. Es gibt Witze, die kennt einfach jeder im Land. Eine kleine Geste reicht und die Leute wissen, worauf man sich bezieht und lachen.

Im Himmel gebe es keinen Humor, haben Sie Mark Twain zitiert. Gibt es mehr Lachen an Orten, an denen Menschen ein schwierigeres Leben haben?

Auf jeden Fall mehr, als man erwarten würde. Wo widerstandsfähige Leute beisammen sind, wird man immer Humor finden. In extremer Not ist es schwer, lustig zu sein. Aber in manchen Momenten des Tages, zum Beispiel nach einem Essen, wird überall auch mal gelacht.

Was haben Religionen mit Humor zu tun?

Der Buddhismus gilt gemeinhin als humorvolle Religion. Aber auch Jesus hat angeblich einen ganz guten Sinn für Humor gehabt. In den USA ist auffällig, dass Jüdinnen und Juden im Comedy-Bereich überrepräsentiert sind. Das gilt für Minderheiten im Allgemeinen.

Ein Grund dafür ist, dass man als Angehöriger einer Minderheit die Regeln und Standards der Mehrheitsgesellschaft nicht als natürlich und selbstverständlich ansieht. Man bemerkt die Dinge, die seltsam sind. Diese kleinen Seltsamkeiten sind meistens ein gutes Material für Witze.

Darf man Witze über die eigene Herkunftskultur oder Religion machen, aber nicht über andere? Wo ist die Grenze?

Manche Unterhalterinnen und Unterhalter haben die Regel, nur nach oben hin zu „boxen“ – sie machen nur Witze über Leute, die in Machtpositionen sind, die über ihnen stehen, und nicht über Schwache oder Opfer. Andere Komiker finden, man kann über alles und jeden scherzen, solange es lustig ist.

Bei dem Thema ist speziell das Internet eine Herausforderung. Einerseits kann sich so Lustiges schneller verbreiten, andererseits erreichen durch das Netz Witze auch jene Gruppen, für die sie gar nicht bestimmt waren. Was für wenige gedacht war, gelangt so an Millionen, und manche fühlen sich beleidigt.

Was fällt ihnen zum europäischen Humor ein?

Wenn man Leute in verschiedenen Ländern fragt, wer auf der Welt am humorlosesten ist, sagen sie: die Deutschen. Über die Deutschen kann man sich leicht lustig machen, da sie nicht in einer schwachen Position sind. Ich selbst glaube ja, dass die Deutschen lustig sind. Spätestens dann, wenn man mit ihnen auf ein Bier geht.

Interview: Nora Holzmann

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