Im Regen stehen gelassen

Von Uwe Pollmann ·

Spätestens zur 500-Jahr-Feier der

Eigentlich wurde die „Casa do Indio“ in Porto Velho für 80 Gäste gebaut, doch zur Zeit sind doppelt so viele einquartiert. Aber das macht den Leitern der brasilianischen Indianerschutzbehörde FUNAI in der Hauptstadt des Amazonasstaates Rondonia nichts: Da müssen die Gäste halt zusammenrücken. Zwar soll das heruntergekommene Indianerhaus in der 300.000-EinwohnerInnen-Stadt Anlaufstelle und Gesundheitsstation für die letzten Indianervölker der Region sein, doch das Gelände ist mit Müll übersät und recht unwirtlich.

Auf den Wäscheleinen hängen löchrige Kleider. Aus kleinen Zimmern blicken aus unzähligen Hängematten apathische Augenpaare. „Ich kam mit meiner fieberkranken Tochter vor ein paar Wochen“, berichtet ein Vater, der durch kahle Zimmer und wieder einmal unbetreute Behandlungsräume führt. „Zehn Tage mußten wir warten, dann meinten Mitarbeiter, das sei nicht gefährlich.“

Und als der Tenharim-Indianer, der einen ganzen Tag lang angereist war, mit seinem Kind dann eine Klinik aufsuchte, konnte man das schwer malariakranke Mädchen gerade noch retten.

Jetzt fabriziert er wie viele hier Hals- und Armketten, um mit dem Verkauf Essen und Medikamente zu besorgen. Auf die FUNAI verlasse sich keiner, nicht mal Wasser gebe es, das müßten sich die Kranken aus dem nahegelegenen, verschmutzten Rio Madeira holen.

INI: Viele der hier gestrandeten Hilfesuchenden gingen wahrscheinlich zugrunde, wenn es nicht Organisationen wie die deutsch-brasilianische „Uirapuru“ oder die „Cunpir“, eine Dachorganisation indianischer Völker der Region, gäbe. Mitunter kommt auch die Anwältin des katholischen Indianermissionsrates CIMI. Neulich traf sie sechs Überlebende eines Volkes an, die FUNAI-Beamte kurzerhand von ihrem Land geholt hatten, um sie andernorts anzusiedeln. „Ein Skandal“, schimpft Hubert Groß von Uirapuru und vermutet eigennützige Absichten. „Uns sind mehrere Fälle bekannt, wo FUNAI-Mitarbeiter illegale Landgüter in indigenen Gebieten betreiben. Auch kooperieren sie mit Holzfällern oder forschen nach Goldvorkommen.“

Die Nachfahren der UreinwohnerInnen Brasiliens zählen heute praktisch wenig. Das beweisen große Wände, auf denen in Porto Velho wie überall im Land die Tage bis zur 500-Jahr-Feier der „Entdeckung“ gezählt werden – das brasilianische Pendant zum Gedenkjahr 1992 im übrigen Lateinamerika. Kollektivwird ausgeblendet, daß schon vor der Ankunft Pedro Cabrals im Jahr 1500 fünf Millionen Menschen hier lebten. Doch nach Massakern, Versklavungen und Epidemien in den Küstenregionen, dann im Zentrum und ab Anfang des Jahrhunderts im Amazonas-Gebiet gibt es nur 350.000 indianische Nachfahren – in Rondonia 6.000.

INI: Oft umfassen Völker, die noch vor Jahrzehnten 5.000, 10.000 oder 15.000 Köpfe zählten, heute nur 500, 100 oder zehn Mitglieder. Rondonia ist ein Paradebeispiel für das Indianersterben im Amazonas-Gebiet. Allein beim Bau einer Eisenbahnlinie in den Urwald starben vor 90 Jahren Zehntausende. Dann töteten Kautschuksammler, Goldsucher, Holzfäller oder Gutsbesitzer die Indios. Der Bau von Straßen und Staudämmen oder der Raubbau an Rohstoffen taten ein übriges. Zwar haben Proteste aus dem Ausland den Druck auf Brasilien erhöht, haben Industrieländer mit der Weltbank einige Milliarden Schilling zum Schutz der Regenwälder und verbliebener Indianervölker offeriert, aber auf Gegenliebe stoßen diese Angebote oft nicht.

Dabei hat der Bundesstaat Rondonia nach Jahrzehnten der Tabula-Rasa-Politik vor sechs Jahren mit Weltbankgeldern die Behörde „Planafloro“ eingerichtet, um neben Projekten für Kleinbauern oder Kautschuksammler und Umweltschutzvorhaben auch indianischen Gruppen auf die Beine zu helfen.

125 Millionen US-Dollar kamen aus brasilianischen Kassen, 125 Millionen gab die Weltbank. Doch die Vergabe komme einem Desaster gleich, kritisieren Indianer-, Umwelt- und Bauerngruppen. Viele gute Initiativen hätten nichts bekommen, weil sie nicht über das Know-how bei

der Antragstellung verfügten, sagen selbst Planafloro-Mitarbeiter.

INI: Einiges habe genutzt, so Nichtregierungsorganisationen, aber viele Agrarprojekte habe man mitten im Prozeß im Regen stehen lassen. Und nicht wenig Geld sei verschwunden: „So hat Planafloro für die Landesumweltbehörde Rondonias 100 Fahrzeuge finanziert, von denen niemand mehr weiß, wo sie

geblieben sind“, klagt Hubert Groß. Für Luiz Rodrigues de Oliveira, Sprecher eines NRO-Forums, hat die Kontrolle der Weltbank total versagt.

Leidtragende des schlampigen, korrupten Vorgehens sind Indianervölker, die fest mit Weltbankgeld gerechnet hatten. Zum Beispiel die Tenharim an der „Transamazonica“: Der Bau der Amazonasroute vor 30 Jahren setzte dem Volk arg zu und dezimierte es durch Krankheiten von 5.000 Menschen auf ein Zehntel. Zwar erreichten die Tenharim eine Demarkierung ihres Gebietes, so daß sie sich geschützt wähnen vor dem Eindringen von Viehzüchtern oder Rohstoffunternehmen. Um ihre Existenz zu sichern, wollten sie mit zugesagter Hilfe von Planafloro mit Gemüseanbau beginnen. Doch seit einem Jahr hacken sie vergeblich die Fläche dafür frei – in der Hoffnung auf die Setzlinge, die nicht kommen.

INI: Was man in der Hauptstadt von IndianerInnen hält, wird beim Betreten der FUNAI-Zentrale deutlich. In dem renovierungsbedürftigen Gebäude gehen Indianervertreter zwar frei ein und aus, um nach geduldigem Warten über Masernepidemien oder Invasionen zu berichten. Aber die Behörde kann die

Probleme angesichts drastisch reduzierter Mittel kaum lösen. Da bangt jeder um seine Stelle, lassen viele es am Engagement fehlen.

Mühsam erklärt Aureo Faleiros, Direktor für Demarkierungen, daß man fast die Hälfte aller 500 Indianergebiete – „ein Zehntel des Landes“ – demarkiert habe. Doch das Ziel, zunächst bis 1995, dann bis zum Jahr 2000 alles demarkiert zu haben, ist in weite Ferne gerückt. Beigetragen hat dazu unter anderen ein Zusatzdekret von 1996, das Privatpersonen und Firmen Einspruchrechte erlaubt. Jede Eingabe, sei sie auch noch so fadenscheinig, verzögert die Arbeit. Ohnehin, klagen NROs, kürze die Regierung die FUNAI-Gelder, seit die G-7-Staaten Anfang der neunziger Jahre das Pilotprogramm für brasilianische Regenwälder eingerichtet haben, über das auch Demarkierungen finanziert werden.

Oft dringen Holzfäller, Goldsucher oder sonstige Geschäftemacher in die demarkierten Gebiete ein und luchsen indianischen Kaziken mit luxuriösen Geschenken die Zustimmung für den Abbau von Holz oder Goldvorkommen ab. Immer wieder machten sich laut Hubert Groß und Sandra Barbosa von Uirapuru die Anführer „ein gutes Leben, während das Volk hungert oder krank ist“. Nach einigen Jahren sei der Wald gefällt, das Geld verpraßt und das Volk ohne wirtschaftliche Basis.

In 20 Jahren, meinen die Indianerschützer, werden bei dieser Tendenz viele Völker „völlig kulturverloren, mittellos und dem Alkoholismus verfallen“ sein.

Der Autor ist entwicklungspolitischer Journalist und Buchautor mit Schwerpunkt Kinderarbeit und Lateinamerika und lebt in Bielefeld, Deutschland.

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