Werner Leiss hört sich um

Im Südosten viel Neues

Kristi Stassinopoulou und Çiğdem Aslan präsentieren hervorragende neue Musik.

Griechenland ist aus den Medien wieder weitgehend verschwunden. Das heißt freilich nicht, dass es dort allen Menschen plötzlich ganz wunderbar geht. Leider ist auch der internationale Bekanntheitsgrad griechischer MusikerInnen überschaubar. Immerhin hat es die aus Athen stammende Sängerin und Texterin Kristi Stassinopoulou geschafft. Sie ist nun schon seit vielen Jahren sehr aktiv in der griechischen Musik-Alternativszene unterwegs und tritt auch regelmäßig im Ausland auf. Ihr kongenialer Partner ist Stathis Kalyviotis. Der Komponist, Produzent, Arrangeur und Multi-Instrumentalist hat gemeinsam mit ihr schon etliche bedeutende Werke erschaffen.

Ihre bis zur Perfektion verfeinerte Spezialität ist es, traditionelle griechische Volksmusikelemente mit zeitgenössischer Elektronik samt psychedelischen Einflüssen zu verbinden. Großen internationalen Erfolg hatten sie mit ihrem letzten Album „Greekadelia“, das sich 2012 für zwei Monate auf Platz 1 in den World Music Charts Europe hielt. Wer auf ihrem neuen Album „Nyn“ nun Kampfparolen gegen das Austeritäts-Diktat erwartet, wird eventuell enttäuscht werden. Es läuft subtiler ab.

Die Texte sind durchwegs poetisch geraten und es liegt ein guter Teil Mystik in diesen Liedern. Musikalisch werden wieder etliche Experimente geboten. So wird etwa das Spiel der Laouto, der traditionellen griechischen Langhalslaute, verfremdet. Wie schon gewohnt wird insgesamt auf eine minimalistische Instrumentierung Wert gelegt. Die gesungene Botschaft lautet: Nutze den Tag, lebe im Jetzt (das ist auch der altgriechische Titel) und lass dich nicht unterkriegen.

Nostalgie. Eine gute Portion Nostalgie verströmt hingegen das neue Album von Çiğdem Aslan. Sie ist in Istanbul geboren, stammt aus einer kurdischen Familie und lebt in London. Vor der Veröffentlichung ihres zu Recht vielumjubelten Debütalbums „Mortissa“ hat sie sich bereits durch die Mitwirkung bei Projekten wie dem She’Koyokh Klezmer Ensemble, einem der besten Klezmer- und Balkan-Ensembles in Großbritannien, einen Namen gemacht.

Mit „Mortissa“ ist eines der innovativsten Rembetiko-Alben der vergangenen Jahre gelungen. Mit „A Thousand Cranes“ findet es einen würdigen Nachfolger. Es ist als Fortsetzung zu dem Rembetiko-Programm des letzten Albums zu sehen, auf dem Neuinterpretationen von Liedern der 1920er Jahre aus Smyrna und Istanbul zu hören sind. Eine Zeit, in der sich Kulturen und Ethnien über Sprachbarrieren hinweg verständigten und miteinander musizierten.

„A Thousand Cranes“ führt musikalisch weiter: nach Athen, hinauf den Balkan und nach Südost-Anatolien. Wieder wurden fulminante Neudeutungen unternommen. Aufgenommen wurde in einem historischen Studio in Athen, wieder mit hervorragenden MusikerInnen.

Werner Leiss ist Musikkritiker des Südwind-Magazins und Redakteur des „Concerto“, Österreichs Musikmagazin für Jazz, Blues und Worldmusic.

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