„Im Zeitalter der Straflosigkeit“

Regisseur Joshua Oppenheimer über seinen Film „The Act of Killing“, der Ende Oktober in Kopenhagen seine Europa-Premiere hatte. Mit dem in London lebenden US-Regisseur sprach Anett Keller.

Joshua Oppenheimer

Südwind-Magazin: In Ihrem Film prahlen Massenmörder vor laufender Kamera mit ihren Taten. Wie ist das möglich?
Joshua Oppenheimer:
Anwar und seine Freunde sind nach den Massenmorden in Machtpositionen geblieben. Sie betonen, dass die Öffentlichkeit sie als Helden ansieht. Das erfüllt drei Zwecke: Ihnen selbst gibt es ein gutes Gefühl, es mindert ihre Schuldgefühle. Zweitens: Es hilft, den Rest der Gesellschaft, nicht zuletzt die Überlebenden der Morde, einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Drittens: Der Heldenmythos ist die Grundlage einer moralfreien Geschichtsschreibung, in der Massenmörder Privilegien genießen. Massenmord als etwas Heldenhaftes zu feiern ist der Grundstein für Straffreiheit.

Wie haben Sie es geschafft, den Protagonisten so nahe zu kommen?
Als ich Anwar und seine Freunde traf, betonten sie, dass jeder sie als Helden behandle. Sie nahmen an, dass ich auf ihrer Seite sei. Schließlich hatten die USA die Massenmorde unterstützt. Anwars Freunde und Chefs standen während des Blutbades in regelmäßigem Kontakt mit dem US-Konsulat in Medan. Als US-amerikanischer Filmemacher, so glaubten sie, war ich auf ihrer Seite. Alles, was ich tat, um ihnen nahe zu kommen war das, was Sie auch tun würden, wenn Sie Menschen näher kommen wollen: Zuhören, respektvoll sein und sie als Menschen behandeln.

Was war die größte Herausforderung für Sie während des Drehens?
Mein Entsetzen zu unterdrücken angesichts der unvorstellbaren Geschichten, die ich hörte. Und die schmerzlichen Gefühle, als diese vor der Kamera szenisch nachgestellt wurden. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die viele Menschen im Holocaust verloren hat. Die Familie meines Vaters kommt aus Berlin und Frankfurt, die meiner Stiefmutter aus Wien. Von den Verwandten, die es nicht in die USA geschafft hatten, wurden die meisten getötet. Die wichtigste politische und moralische Frage war für mich als Heranwachsender: „Wie können wir verhindern, dass diese Dinge wieder geschehen?“ In der jüdischen Gemeinde wurde das Mantra „nie wieder“ zu oft – und mit tragischen Konsequenzen – umgewandelt und beschränkt auf ein „nie wieder an uns“. Aber wenn wir das „Nie wieder“ wirklich ernst nehmen, dann meinen wir „nie wieder, an niemandem“. Dafür müssen wir verstehen, warum menschliche Wesen sich das gegenseitig antun. Die größte Herausforderung bestand darin, Anwar und seine Freunde trotz des Grauens, das sie vor der Kamera auslösten, immer als Menschen zu sehen.

Was ist persönlich Ihr größtes Erfolgserlebnis bei diesem Film?
Dass wir ein ehrliches Gleichnis geschaffen haben für Straflosigkeit, erfüllt mich mit tiefer Genugtuung. Bei den Indonesiern, die den Film bereits gesehen haben, hat er fundamentale Fragen über ihre Gesellschaft ausgelöst. Was in Indonesien passiert ist, ist eine Metapher für Straflosigkeit überall auf der Welt, mein eigenes Land eingeschlossen. Wir glauben immer, dass die meisten Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Ländern wie Ruanda, Kambodscha oder Deutschland geschahen. Wir sind schockiert, weil in Indonesien die Mörder gewonnen haben und noch immer an der Macht sind. Wir glauben, das sei die Ausnahme von der Regel. Aber die tiefere Aussage des Films ist – und eigentlich wissen wir das alle – dass Ruanda, Kambodscha und Deutschland die Ausnahmen von der Regel sind. Alle Gesellschaften sind auf Massengewalt aufgebaut. Die Vereinigten Staaten, Großbritannien, die Niederlande, Russland, China. In der Regel werden die Täter nicht zur Verantwortung gezogen. Straflosigkeit regiert beinahe überall. Wir leben im Zeitalter der Straflosigkeit.

War Ihnen bewusst, dass der Film in Indonesien so heftige Reaktionen hervorrufen wird? Es heißt, Vertreter ihres indonesischen Teams seien bedroht worden?
Dieser Film ist unter Mithilfe zahlreicher indonesischer Kollegen entstanden, deren Namen aus Sicherheitsgründen anonym bleiben müssen. Ohne sie würde es diesen Film nicht geben.
Bislang sind wir nicht von der PP bedroht worden und ich hoffe, dass der PP bewusst ist, dass gewaltsame Reaktionen nur beweisen, dass ihre Organisation gewalttätig und durch und durch kriminell ist. Führende PP-Mitglieder haben gedroht, mich zu verklagen. Aber wofür? Sie haben Einverständniserklärungen zu diesem Film auf Indonesisch unterschrieben.

Warum war der Film in Indonesien noch nicht im regulären Kinobetrieb zu sehen?
Das ist kompliziert. Wie die „Jakarta Post“ kürzlich richtig bemerkt hat, sollte jeder Indonesier diesen Film sehen. Für öffentliche Vorführungen müssen wir den Film aber bei der Zensurbehörde einreichen. Wenn diese den Film verbietet, erschwert das auch kleinere Vorführungen, z.B. von Film-Clubs, Studenten-Gruppen oder Menschenrechtsorganisationen. Eine Illegalisierung des Films gäbe auch den Behörden eine Entschuldigung, jene nicht zu beschützen, die gegebenenfalls wegen einer Vorführung von der PP tätlich angegriffen werden. Der Film wurde bislang in Indonesien mehrmals im Rahmen von privaten Einladungen gezeigt. Ich hoffe, dass Regierungsmitglieder, die den Film sehen, sich dafür einsetzen werden, dass er nicht zensiert wird. Ist das der Fall, kann er in die Kinos gehen. Ist das nicht der Fall, wird es weitere Vorführungen auf Einladung geben und wir werden den Film online gratis zur Verfügung stellen. Wir werden so viele DVDs verteilen, wie wir können und Indonesier ermutigen, Kopien zu machen. Das Urheberrecht an der indonesischen Version wird allen Indonesiern gehören. 

Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalismus, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert und lebt als freie Journalistin in Indonesien.

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