Immer an der Kippe

Der junge Äthiopier Henok träumt von einer besseren Zukunft: Geld verdienen, eine eigene Wohnung haben, heiraten. Doch in Äthiopien gehen die Träume der Jugendlichen nur selten in Erfüllung.

Von Sophie T. Hofbauer
Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen: keine Besonderheit in Äthiopien.

Addis Ababa ist keine schöne Stadt. Addis, wie die Äthiopier ihre Hauptstadt nennen, muss man anders lieben, denn auf den ersten Blick verzaubert sie einen bestimmt nicht. Billige Glasbauten reihen sich an Lehmhütten und verrostete Blechcontainer, auf den Straßen liegt viel Müll, ab und zu blitzt etwas Grün hervor. Addis hat kein Stadtzentrum und ist für Fremde oft verwirrend. Es gibt keine Straßennamen; die unzähligen Minibusse, Menschen, Schafe und Ziegen auf den Straßen erzeugen Hektik. In den ruhigen Seitengassen tun sich aber Welten auf, die die Neugierde wecken. Es sieht friedlicher aus und man hat das Gefühl, das wirkliche äthiopische Leben spielt sich dort ab.

Einer, dessen Leben sich dort abspielt, ist Henok, ein 24-jähriger Äthiopier, der in den Seitengassen von Addis Ababa aufgewachsen ist und mit extremer Armut, Hunger und Hoffnungslosigkeit zurecht kommen muss. Henok lebt aber auch wie all die jungen ÄthiopierInnen von heute, die ihre Abende in den Nachtclubs verbringen und sich mit den gleichen Themen auseinandersetzen wie Jugendliche in Österreich: Zukunft, Arbeit, Beziehungen, Mode, Musik und Handys.

Henok besitzt drei T-Shirts und kein schönes Paar Schuhe, deshalb muss er sich die Lederschuhe von seinem Nachbarn ausborgen, wenn er in einen Nachtclub will. Er lebt mit seiner Mutter Kassech in einer Hütte aus Lehm und versucht, sich und seine Mutter mit Tanzen am Leben zu erhalten. Er unterrichtet Hip-Hop, Raga, Dance Hall, den äthiopischen Eskista-Tanz sowie andere afrikanische Tänze in einem Fitnessstudio und spielt kleinere Rollen in Kinofilmen.

Wenn Henok gut aufgelegt ist, kichert er in einem fort und klärt einen über die neuesten Videoclips von Justin Bieber, Rihanna und dem somalischen Rapper K’naan auf. Wenn er schlecht aufgelegt ist, erzählt er von seiner Hoffnungslosigkeit und wie seine NachbarInnen ihn fanden, als er versucht hatte, sich umzubringen. Er hatte Waschmittel getrunken und war bereits bewusstlos am Boden gelegen, als die NachbarInnen ihn ins Krankenhaus brachten. Seither lebt Kassech bei ihm, „damit so etwas nicht noch einmal passiert“, wie sie sagt.

Als Teenager verletzte er sich beim Breakdance einmal beide Handgelenke und konnte nicht mehr weitertanzen. Für ihn bedeutete das das Ende seines mageren Einkommens und auch seiner Karriere als junger Tänzer. Er hatte kein Geld für den Arzt und wartete daher Monate im Bett, bis die Handgelenke von selbst verheilt waren; manchmal brachten ihm die NachbarInnen Essen. Auf die Frage, was für ihn die schrecklichsten Dinge seien, sagt er aus Erfahrung: Hunger und Einsamkeit. Seine Zukunftsträume sind bescheiden: gerade so viel Geld verdienen, dass er und seine kranke Mutter genug zu essen haben und sich eine bessere Unterkunft leisten können, in der sie die Toilette draußen nicht mit zehn anderen Familien teilen und fürs Duschen in einer öffentlichen Anstalt nicht drei äthiopische Birr (umgerechnet ca. zwölf Euro-Cent) bezahlen müssen. Die äthiopische Stadtregierung reißt bereits Häuser in bestimmten Armenvierteln nieder und baut stattdessen sogenannte Condominiumwohnungen. Leisten kann sich das aber aus den Armenvierteln keiner. Henoks Vater ist in den 1980er Jahren als Soldat im Einsatz gegen Somalia gestorben, Henok ist somit der Alleinverdiener. Besonders vor der Zwangsräumung hat er Angst. „Wo sollen wir dann alle hin?“

In den engen Seitengassen von Addis hat man viel Zeit, und eine der Lieblingsbeschäftigungen bei der traditionellen Kaffeezeremonie ist das Tratschen über andere Leute. Privatsphäre gibt es in Äthiopien kaum, man lebt in der Gemeinschaft mit den NachbarInnen und teilt so ziemlich alles, was man in einem Slum teilen kann: Handys, Plastikschüsseln und Schuhe. Das Netz aus Familie, Gesellschaft und Kirche ist eng geknüpft und gibt vor, was sich gehört und was nicht.

Wenn man schlechte Gedanken loswerden will, geht man tanzen. Seit ein paar Jahren boomt in Addis das Salsatanzen. Salsakurse gibt es inzwischen überall, und an den Abenden trifft sich die junge Szene regelmäßig in den Clubs zum Tanzen. Für viele ist es auch der perfekte Ort, um Leute kennenzulernen. Die christlich-orthodoxe Religion und die traditionelle Erziehung erschweren es, Sexualität auszuleben, PartnerInnen zu haben und offen Hand in Hand auf der Straße zu gehen. Die Salsaclubs sind daher eine gute Gelegenheit, sich in Schale zu werfen und bei lauter Musik aus Lateinamerika engen Körperkontakt zu halten. Inzwischen gibt es Salsa-Tanzwettbewerbe, eigene Salsa-Livebands und sogar Tanzvideos zum Erlernen der Schritte, die die Jugendlichen miteinander austauschen. Salsa-Tanzgruppen werden für Events gebucht und sind die Attraktion bei Eröffnungen aller Art.

An Aufträgen mangelt es nicht – Addis Ababa boomt und jeden Monat werden neue Restaurants, Cafés und Hotels eröffnet. Die meisten dieser UnternehmerInnen sind ÄthiopierInnen, die nach Jahren aus der Diaspora zurückkehren und in ihr Land investieren. Die Regierung Meles Zenawis hat diesen InvestorInnen in den letzten Jahren die Rückkehr erleichtert und lockt mit Landversprechungen, Steuererleichterungen und einer eigenen Bürgerkarte für ÄthiopierInnen, die bereits eine andere Staatsbürgerschaft haben. Ganz nach westlichem Vorbild gibt es ein New York Café, ein Swiss Café, ein La Parisienne, ein Pittsburgh Hamburgerlokal sowie schicke Konditoreien mit Brownies. Die Schicht an reichen RückkehrerInnen, die spöttisch die „what’s ups“ genannt werden, und die ihr Vermögen mit teuren Autos wie Hummer und Mercedes zur Schau stellt, wächst beträchtlich. In den letzten Jahren alleine wurden über 5.000 Autos importiert, viele davon aus Dubai, den Vereinigten Arabischen Emiraten, aber auch aus den USA und Kanada.

Für junge Leute wie Henok, die zur Unterschicht gehören und von der Hand in den Mund leben, sind die schicken Orte meistens zu teuer. Man trifft Freunde zum Tee nicht im Botschaftsviertel, sondern im eigenen Viertel, denn auch der Minibus kostet Geld. Die Inflation, die 2010 sieben Prozent betrug, raubt vor allem den jungen Menschen die Möglichkeit, ihren Tagesablauf so zu gestalten, wie sie es gerne hätten. Hat das Grundnahrungsmittel Injera, ein Teigfladen, der zu allen Mahlzeiten gegessen wird, vor drei Jahren noch 50 äthiopische Cent kostet, sind es heute bereits drei Birr. Da 85 Prozent der äthiopischen Arbeitskräfte in der Landwirtschaft tätig sind, zehn Prozent im Servicebereich und nur fünf Prozent in der Industrie, gibt es gerade für die jungen Leute, die studiert haben, keine Jobs.

Äthiopien hat in den letzten Jahren zwar verstärkt in die Bildung investiert, mehrere neue Universitäten in den ländlichen Provinzen gebaut, aber nicht ausreichend für Arbeitsplätze gesorgt. In den Großfamilien gibt es meist nur eine Person, die Arbeit hat und damit für die gesamte Familie aufkommen muss. Das bewirkt bei den jungen Leuten eine enorme Vergeudung an Potenzial, das Selbstbewusstsein leidet darunter, und die Hoffnung, jemals einen halbwegs gut bezahlten Job zu bekommen, schwindet dahin. Ohne Arbeit gibt es vor allem keine Aussicht auf Heirat. Aus diesem Grund gibt es bei den jungen ÄthiopierInnen sehr viele Partnerschaften ohne Zukunft, die vor der Familie geheim gehalten werden. Das führt dazu, dass viele der jungen Menschen zwar PartnerInnen haben, darüber aber nicht gesprochen wird. Viel passiert versteckt, viel wird vermutet, aber Genaues weiß man nicht, denn selten wollen Paare in der Öffentlichkeit gesehen werden. Verwundert es da, dass es auf Amharisch kein Wort für „FreundIn“ gibt, sondern diese „Ehemann bzw. -frau“ genannt werden? Eine angenehme Flucht vor familiären AufpasserInnen stellen da die Nachtclubs dar.

Wie Henok träumen viele von der Freiheit, eine eigene Wohnung zu besitzen, eine geregelte Arbeit zu haben, zu heiraten und ein eigenständiges Leben zu führen. Aber bis dahin wohnt man weiterhin bei der Familie unter einem Dach zusammen. In Äthiopien kann man vom Tanzen nicht leben. Seit ein paar Monaten fährt Henok mit einem Auto Stadttouren für TouristInnen, aber auch für die ÄthiopierInnen aus der Diaspora, die auf Urlaub aus den USA kommen und sich nicht in die alten, heruntergekommenen Taxis setzen wollen. Wenn er alleine im Auto ist, dreht er die Musik ganz laut auf und tanzt sitzend zur Rapmusik von K’naan. Der ist sein großes Vorbild, denn er hat es geschafft, aus Somalia nach London auszuwandern und berühmt zu werden. Das ist überhaupt der größte Traum der jungen Menschen in Äthiopien: auswandern, arbeiten, Geld nach Hause schicken.

Sophie Hofbauer lebte von 2007 bis 2011 in Äthiopien. Die studierte Theaterwissenschafterin erwarb einen Master in Menschenrechten und war seither im Migrations- und Flüchtlingsbereich tätig.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen