„Immer mit Argwohn zu betrachten“

Im Interview spricht Kathrin Hartmann, streitbare Autorin des Buches „Aus kontrolliertem Raubbau“, über die Schwächen einschlägiger Gütesiegel.

Mit Gütesiegeln wird der Eindruck vermittelt, es gebe nachhaltig erzeugte Produkte. In Ihrem Buch bezeichnen Sie das weitgehend als „Heuchelei“ – wieso?

Solche Siegel braucht es vor allem dann, wenn ein Rohstoff problematisch ist. Je unübersichtlicher eine Lieferkette ist, von je weiter weg ein Produkt herkommt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit von Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen. Jenseits staatlich kontrollierter Siegel wie dem Biosiegel sind das aber meistens freiwillige Initiativen der Industrie und immer mit Argwohn zu betrachten.

Sie beschäftigen sich speziell mit der Produktion von Palmöl, besonders in Indonesien. Da sitzen Umwelt-NGOs ja mit den Produzenten beim sogenannten „Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl“ (Roundtable on Sustainable Palm Oil, RSPO) zusammen. Hat das etwas gebracht?

Es hat der Industrie etwas gebracht. Sie kann unter dem Deckmäntelchen der Nachhaltigkeit ihr schädliches Kerngeschäft weitgehend weiter betreiben. Beim RSPO – und der unterscheidet sich nicht von anderen Runden Tischen, etwa für Soja oder für Fisch aus Aquakulturen – ist immer die Industrie überproportional vertreten. Der RSPO geht auf die Initiative von Unilever zurück, dem größten Palmöl-Verbraucher in der Konsumgüterindustrie. Es wird für Packerlsuppen und Fertiggerichte verwendet, für Zeug, das niemand wirklich braucht – und für Biosprit. Besonders der Biosprit-Wahnsinn muss aufhören. Der Druck muss bei der europäischen Politik ankommen. Denn die war es (mit der Erneuerbare-Energien-Richtlinie 2009; Anm.), die in Indonesien zum großen Abholzungsboom führte. Der Natur und den Menschen hat der RSPO nichts gebracht. Das konnte ich in Indonesien nach den großen Bränden Ende 2015 sehen. Es brannten 1,7 Millionen Hektar Wald, eine halbe Million Menschen erkrankte an Atemwegsinfektionen, mehr als 20 Menschen starben.

Nach Ihnen bezeichnete auch „Der Spiegel“ diese Brände als „zertifizierte Zerstörung“, denn es seien auch am RSPO-Programm teilnehmende Firmen beteiligt gewesen. Wächst nun in der Öffentlichkeit der Druck?

Ich hoffe, dass die Aufmerksamkeit steigt. Ein großer Teil der Brände ist in Gebieten ausgebrochen, in denen RSPO-zertifizierte Firmen arbeiten. Der RSPO musste zugeben, dass auf 27 zertifizierten Konzessionen Feuer ausgebrochen waren. Schon seit Jahren wird Mitgliedern illegale Abholzung selbst in Nationalparks nachgewiesen.

Bei Greenpeace sagt man, man sei nicht grundsätzlich gegen Palmöl, weil es weniger Fläche brauche als Soja oder Sonnenblumenöl. Es fehle die Klassifizierung von schutzwürdigen Wäldern und Landschaften, aber daran werde gearbeitet.

Greenpeace hat ja die Erfahrung gemacht, dass sich Konzerne nicht an Versprechen halten, nicht mehr abzuholzen. Und wer bestimmt, was vor wem geschützt wird? Auch der RSPO stellt Waldstücke unter Schutz. Aber da geht es nicht selten um Greengrabbing, das heißt, dass die Reste von Wald, die geschützt werden, auch für die lokale Bevölkerung oft tabu sind und sie sie nicht nutzen dürfen. (Ein Gegenbeispiel aus Chile – siehe Seite 34; Anm.)

In den Produzentenländern wird die Schaffung von Arbeitsplätzen hervorgehoben. Haben Sie die nicht gesehen?

Es gibt nur eine unglaubliche Ausbeutung, Zwangsarbeit, schwere und gefährliche Kinderarbeit, das habe ich gesehen. Und Kleinbauern werden reihenweise über den Tisch gezogen, sie landen in der Überschuldungsfalle. Da wird eine Form von legalisiertem Landraub betrieben. Es geht nicht allein darum, Wälder zu schützen, sondern auch darum, dass die Menschen vor Ort Landrechte bekommen. Dass Firmen vor Gericht gestellt werden, wenn sie Menschenrechtsverletzungen begehen. Und dass auch europäische Firmen für ihre Lieferkette zur Verantwortung gezogen werden können. Die Menschen vor Ort, die gegen diesen Wahnsinn kämpfen, die sagen nicht, wir wollen nachhaltiges Palmöl. Sie sagen, wir wollen unser Land.

Interview: Erhard Stackl

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