Immer nur lächeln

Häusliche Gewalt gegen Frauen ist in Vietnam ein verbreitetes Übel; sexuelle Gewalt ist ein tabuisiertes Thema und wird daher verschwiegen. Gefragt ist das Bild einer „glücklichen Familie“.

Von Genia Findeisen
Frauen sollen hart arbeiten können – zugleich auch attraktiv sein ...

Etwa ein Drittel aller Frauen in Vietnam haben innerhalb ihrer Ehe oder durch männliche Familienmitglieder körperliche Gewalt erfahren.1 Über die Hälfte der befragten Frauen beklagten psychische Gewalt und gaben an, wüste Beschimpfungen ihres Ehemannes sowie weitere Formen verbaler Gewalt ertragen zu müssen. Sexuelle Gewalt ist wie in vielen anderen Ländern Südostasiens auch in Vietnam tabuisiert, und es ist schwierig, in Interviews ehrliche Antworten zu bekommen. Dennoch berichteten zehn Prozent aller befragten Ehefrauen über sexuelle Gewalt.

Häusliche Gewalt findet in allen gesellschaftlichen Schichten statt, unabhängig vom Ausbildungsstand, was darauf hindeutet, dass traditionelle Geschlechternormen aller Modernisierung zum Trotz in Vietnam eine große Rolle spielen. Die meisten Frauen sprachen in den Interviews das erste Mal überhaupt über ihre Gewalterfahrungen. Die Auffassung, Gewalt gehöre zur Beziehung und müsse von der Frau zum Wohle der Harmonie innerhalb der Familie ertragen werden, ist weit verbreitet.

In einer aktuellen UN-Studie weisen Wissenschaftlerinnen darauf hin, dass die vietnamesische Kultur durch die konfuzianische Lehre und ihre patriarchalischen Werte bestimmt wird, welche hierarchische Beziehungen und Geschlechterungleichheiten unterstützt.2 Demzufolge soll eine vietnamesische Frau hart arbeiten können, zugleich jedoch auch attraktiv sein sowie über gutes Benehmen und eine ansprechende Ausdrucksweise verfügen. Zu ihren Pflichten gehören neben der Hausarbeit die Fürsorge für ihren Ehemann und die Familie sowie der Erhalt der Harmonie innerhalb dieser, um so zum vietnamesischen Konzept der „glücklichen Familie“ beizutragen.

Konzepte von Geschlechtergerechtigkeit haben auf Grund der starken Verankerung der traditionellen Werte innerhalb der Gesellschaft bisher wenig Akzeptanz gefunden. Alkoholmissbrauch oder Armut aufgrund von Arbeitslosigkeit sind lediglich auslösende Momente für Gewaltausbrüche von Männern gegenüber ihren Ehefrauen. Selbst die Bitte der Frau, ein Kondom zu benutzen, kann zu tätlicher Gewalt des Mannes gegen seine Frau führen; Verhütung gilt als Aufgabe der Frau. Hier ist ein gesellschaftlicher Wandel nötig, der zu einer größeren Akzeptanz von Geschlechtergerechtigkeit und Flexibilität von Geschlechterrollen führt.

Die Regierung hat diese gesellschaftliche Notwendigkeit erkannt – erwiesenermaßen hemmt Geschlechterungleichheit innerhalb einer Gesellschaft auch die wirtschaftliche Entwicklung – und seit etwa fünf Jahren mehrere Initiativen gestartet, die langfristig die Gleichheit der Geschlechter verbessern sollen. Im Jahr 2006 wurde das Gesetz zur Geschlechtergleichheit verabschiedet und ein Jahr später das Gesetz zur Vermeidung von häuslicher Gewalt. Damit reiht sich Vietnam in eine Reihe mehrerer Länder Südostasiens ein, welche in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts ähnliche Gesetze verabschiedet haben.

Seit 1930 hat die Kommunistische Partei das Prinzip der Gleichheit zwischen den Geschlechtern in ihrem Programm verankert. Die Verfassung von 1946 garantiert Männern und Frauen gleiche institutionelle Rechte. Während des Krieges in den 1960er und 1970er Jahren mussten die Frauen in der Regel die Rolle des Haushaltsvorstands übernehmen, was ihren gesellschaftlichen Status verbesserte. Die Frauenrepräsentanz im Parlament beträgt 25,76 Prozent – ein Spitzenwert im südostasiatischen Vergleich. Aber wie groß ist die Beteiligung von Frauen an Entscheidungsmacht? Die Führungsgremien der Partei sind fast ausschließlich von Männern besetzt. Ins neue Politbüro ist bei 15 Mitgliedern erst zum zweiten Mal überhaupt eine Frau gewählt worden.

Die Implementierung der beiden Gesetze wird sich schwierig gestalten; viele Frauen kennen ihre Rechte nicht und sind ihren gewalttätigen Ehemännern hilflos ausgesetzt. Ein erstes Frauenhaus unter der Leitung der staatlichen Frauenunion existiert jetzt in Hanoi, aber viele flankierende Maßnahmen wie Polizeitraining, spezielle Krankenhäuser, eine angemessene Darstellung in den Medien sowie eine Verschärfung der Strafgesetzgebung fehlen noch.

Problematisch ist, dass Regierungsstrategien bisher innerhalb der traditionellen Geschlechteridentitäten entwickelt wurden. Das schließt auch das allumfassende Konzept der „glücklichen Familie“ ein, welches der Frau die Verantwortung von Aufgaben überträgt, auf die sie häufig keinen Einfluss hat, so beispielsweise die Familienökonomie betreffend oder das Verhalten anderer Familienmitglieder. In diesem Kontext können Instrumente zum Schutz der Frauen vor häuslicher Gewalt dazu verwendet werden, die traditionelle Rolle der Frau innerhalb der Familie zu erhalten. Die Regierungsstrategie würde dann durch die Propagierung des althergebrachten Familienideals anstatt der individuellen Frauenrechte, wie sie von der UN-Konvention eingefordert werden, das patriarchalische Gesellschaftssystem stützen.

Rolle, Verantwortung und Anteil der Frauen während der Befreiungskriege, beim Wiederaufbau und bei der Entwicklung des Doi Moi haben in der Gesellschaft einen sozialen Wandel angestoßen. Jetzt gilt es, diesen in der vietnamesischen Zivilgesellschaft zu verankern und weiter zu entwickeln.


1) Dieser Artikel beschäftigt sich nur mit der Gewalt innerhalb einer Ehe. Alle Daten beziehen sich auf eine 2010 erstellte Studie der staatlichen Statistikbehörde.
2) United Nations Vietnam, Gender-Based Violence, Issue Paper, Hanoi Mai 2010.

Genia Findeisen ist promovierte Politikwissenschaftlerin und arbeitet derzeit freiberuflich als Autorin und Forscherin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Südostasien, Demokratisierung und Frauen. Sie ist Vorstandsmitglied des Trägervereins der Südostasien Informationsstelle im Asienhaus in Essen und Pressesprecherin der Vietnam Koordinationsgruppe von amnesty international.

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