In aller Munde

Mit der Verantwortung ist es wie mit dem Kochen. Beide sind in der Krise.

Von Irmgard Kirchner

Alle reden darüber und wenige tun es. Noch nie gab es so viele Fernsehköche und Kochsendungen, obwohl fast niemand mehr täglich kocht.

In der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise rufen die Leidtragenden lautstark nach Verantwortung. Doch da ist scheinbar niemand, der zur Verantwortung gezogen werden kann, man beruft sich auf „das System“. Verantwortung als „die Kunst, es nicht gewesen zu sein“, wie es der Philospoph Peter Sloterdijk einmal ausdrückte, erlebt eine Blütezeit.

Die Verantwortung und das Risiko im freien Markt tragen nicht diejenigen, die teuer dafür bezahlt worden sind, sondern die SteuerzahlerInnen. Für die mächtigen Institutionen und Banken, die „too big to fail“, sind, geht es ohne spürbare Konsequenzen verantwortungslos weiter.

Nahrung brauchen alle. Daher muss ihre tägliche Zubereitung in die Sphäre unbezahlter Hausarbeit oder an die Nahrungsmittelindustrie ausgelagert werden. Und weil Verantwortung entsteht, sobald man das menschliche Handeln den Gesetzen von Ursache und Wirkung unterstellt, muss auch sie irgendwo auftauchen. Wie das Kochen wird auch die Verantwortung delegiert, und zwar in der Hierarchie der Macht nach unten.

Die letzten in der Verantwortungskette beißen die Hunde. Eine deutsche Touristin muss in Jesolo 1.000 Euro Strafe zahlen, weil sie am Strand von einem der zahllosen illegalen Einwanderer eine gefälschte Markengeldbörse um sieben Euro gekauft hat.

Sie trägt Verantwortung. Aber wofür? Dafür, eine gierige Schnäppchen-Jägerin zu sein? Dafür, dass derart billig unter miserablen Bedingungen produziert werden kann, dass der „Wert“ eines Produkts nicht in Material oder Ausführung liegt, sondern nur in seiner „Marke“ besteht? Oder dafür, dass es eine Überlebensstrategie illegaler Einwanderer ist, gefälschte Produkte auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen?

Kochen ist ebenso positiv bewertet wie „Verantwortung tragen“. Daher wird gerne als Kochen ausgegeben, was lediglich ein Auftauen, Aufwärmen oder ein Verwenden von Fertigprodukten ist. Auch die Verantwortung wird verfälscht. Für sie werden Preise vergeben und Kriterienkataloge aufgestellt. Dazu wird der Begriff mit beliebigen Inhalten und beschränkter Reichweite ausgestattet und seiner Verbindlichkeit beraubt. Alles und jedes ist voll Verantwortung, solange es nicht weh tut. Zum Beispiel kann ein Unternehmen mit einem Preis als sozial verantwortlich ausgezeichnet werden, wenn es einen Betriebskindergarten einrichtet. Dass dasselbe Unternehmen in einem Land des Südens unter menschenunwürdigen Bedingungen produzieren lässt, fällt nicht weiter ins Gewicht. Ein blinder Fleck in der Debatte um CSR, die „gesellschaftliche. Unternehmensverantwortung“.

Kürzlich wurden Prinzipien für „verantwortliche Agrarinvestitionen“ formuliert. Somit kann sogar der globale Landraub verantwortungsvoll über die Bühne gehen.

Es ist unverzichtbar, sich der Wirkung des eigenen Tuns bewusst zu sein und entsprechend zu handeln. Gegen Menschenrechtsverletzungen und kriminelle Strategien im Dienste des Profits braucht es allerdings oberhalb der KonsumentInnen noch ganz viel politisches und rechtliches Handeln und echte Verantwortung.

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