In der Zwickmühle

Sowohl geo- als auch innenpolitisch schwelen in Pakistan Konflikte, die jederzeit ausbrechen können. Von chinesischen Investitionen scheinen nur einige wenige zu profitieren.

Von Andreas Zinggl, Islamabad

Viel Geld aus China floss in den Hafenbau von Gwadar. Nun wird der Hafen auch von einer chinesischen Firma verwaltet.© Christine-Felice Röhrs / dpa / picturedesk.com

Terroralarm an der Küste: „Angriff auf Hotel an Chinas Seidenstraße in Pakistan“ – eine Schlagzeile zu Pakistan Anfang Mai diesen Jahres. Bewaffnete Männer, die der separatistischen Belutschistan Befreiungsarmee (BLA) zugerechnet werden, haben ein 5-Sterne-Hotel in der pakistanischen Hafenstadt Gwadar gestürmt und nach stundenlanger Schießerei schließlich den Kampf verloren.

Es handelte sich um Gewalt gegen chinesische Ambitionen in Pakistan. Die Hintergründe verstehen zu wollen, führt zwangsläufig zu zahlreichen Brennpunkten: an geopolitische sowie an zahlreiche innerhalb des Landes, wo seit August 2018 der ehemalige Cricket-Star Imran Khan Premierminister ist.

Geschätzte 55 Milliarden Euro investiert China im Rahmen des Chinesisch-Pakistanischen Wirtschaftskorridors (CPEC), einem wichtigen Abschnitt der neuen Seidenstraße. Es handelt sich um die Anbindung Chinas hin zu den arabischen Ölquellen und zum aufstrebenden afrikanischen Markt. Auch zahlreiche Seehäfen im Indischen Ozean hat China bereits unter Kontrolle (vgl. Beitrag „Treffpunkt Taucherparadies“ in Südwind-Magazin 5-6/2018).

Handelsrouten der Zukunft. Der CPEC ist ein Bypass im Spiel um die Handelsrouten der Zukunft. Der Wirtschaftskorridor wird sich von der nordwestchinesischen Provinz Xinjiang bis hin zum Arabischen Meer erstrecken.

Bereits jetzt bewirkt er einen enormen Ausbau der pakistanischen Infrastruktur. In Gwadar wird ein neuer Hafen gebaut, die Energieversorgung verbessert, tausende Kilometer Straßen werden errichtet.

Aber: Lediglich ein kleiner Teil der Menschen in Pakistan wird davon profitieren. Chinesische Baufirmen nehmen ihre chinesischen Arbeiter mit. Die anfangs günstig erscheinenden Kredite führen zu Abhängigkeiten. China und Pakistan sind in dieser Handelsbeziehung zu ungleich: Das starke China wird Gewinne machen, Pakistan nur hoffen, mitnaschen zu können.

Bis vor kurzem waren es vor allem die USA, die viel Geld in Pakistan gelassen haben, vor allem, um sich einen strategischen Partner im Afghanistankonflikt zu sichern.

Langfristig gesehen wechselten die USA in der Region dabei den Kurs: Erst wurden die Taliban unterstützt, dann bekämpft – in Afghanistan, und auf pakistanischem Boden. Das jahrzehntelange US-amerikanische Engagement und die damit zusammenhängenden Konflikte haben da wie dort Spuren hinterlassen, die Zivilbevölkerung musste immer wieder leiden.

Der nächste Zaun. Pakistan wird zwischen den USA und China hin- und hergerissen, wie das Thema Kampf gegen den Terrorismus zeigt: Derzeit wird an der Grenze zu Afghanistan ein Zaun errichtet. 2.600 km lang zwei Reihen Stacheldraht, drei Meter hoch, mit Wachtürmen nach jedem Kilometer sowie Überwachungskameras und Bewegungsmeldern. Diese Mauer soll verhindern, dass Terroristen hin- und herwechseln können.

Der Zaun kann als Signal an die USA gedeutet werden. Dort werden ja momentan derartige bauliche Maßnahmen hochgehalten. Den Vorwurf aus den USA, Pakistan würde zu wenig im Kampf gegen den Terrorismus unternehmen, hat US-Präsident Donald Trump im Webdienst Twitter Anfang 2018 klar zum Ausdruck gebracht, und wenig später die finanzielle Unterstützung gekürzt.

Für die Staatsfinanzen in Pakistan ein herber Schlag, auf den mit der Drohung der sofortigen Ausweisung afghanischer Flüchtlinge reagiert wurde. Für China ist das eine interessante Entwicklung: weniger Geld von den USA bedeutet stärkere Abhängigkeit Pakistans von China.

Die Auswirkungen des Grenzzauns wird allerdings wohl vornehmlich die lokale Bevölkerung spüren. Auf beiden Seiten leben Angehörige derselben Volksgruppen, im Norden Paschtunen, im Süden Belutschen. Mit dem Zaun wird einmal mehr die von diesen Völkern nie akzeptierte Grenze festgeschrieben – auf Kosten lokaler Händler, zu Ungunsten von Hirten, deren Weidefläche durchschnitten werden, und mitten durch Familien.

Afghanischen Flüchtlingen, die in Pakistan Sicherheit suchen wollen, wird diese Möglichkeit demnächst verwehrt. Ob sich hingegen ein Terrorist von einem Zaun beirren lässt, ist fraglich.

US-Flirt mit Indien. Die USA liebäugeln zudem zunehmend mit dem Nachbarn auf der anderen Seite Pakistans, mit Indien. Nicht zuletzt um im Handelskrieg gegen China einen Verbündeten zu haben. Keine guten Voraussetzungen wiederum, den seit der Unabhängigkeit Pakistans 1947 schwelenden Konflikt zwischen den drei Atommächten Pakistan, Indien und China in der umstrittenen Region Kaschmir zu lösen.

Ein Zwischenfall im Februar, bei dem die pakistanische Armee dort zwei indische Kampfjets abgeschossen hat, ist nur ein Beispiel dafür, wie aufgeladen die Situation ist.

Der neue Premier Khan, der nach seinem Wahlsieg 2018 viele Hoffnungen weckte, managte die Causa gut und deeskalierend, wodurch er bei der Bevölkerung punkten konnte.

Auch sonst gibt sich der Neue entschlossen: Mehrere der Korruption beschuldigte frühere Politiker verschiedener Parteien wurden im Juni verhaftet. Auch Khans Ansagen bezüglich der Schaffung eines islamischen Wohlfahrtsstaates klangen vielversprechend. Aber nicht alle seine Ideen werden ernst genommen. Er müsse – so wird hinter vorgehaltener Hand gesagt – dann doch zuerst einmal das mächtige Militär fragen gehen. Ganz abgesehen davon warten im Land Großbaustellen.

Soziale Krise. Etwa 50 Millionen Kinder in Pakistan sind im Schulalter. Mehr als 20 Millionen von ihnen besuchen keine Bildungseinrichtung. Für die nötige Bildungsoffensive fehlen Milliarden. In der Not schicken viele Eltern den Nachwuchs in Koranschulen, manche von ihnen mit radikalen Lehrinhalten.

Pakistan hat zudem die weltweit höchste Kindersterblichkeit. Auch im Gesundheitssektor fehlt Geld. Und: Laut dem jüngstem Bericht des US-amerikanischen Forschungsinstituts International Food Policy Research Institute gelten 22 Prozent, sprich mehr als 40 Millionen Menschen als unterernährt.

Und nicht zuletzt sorgen Naturkatastrophen zusätzlich für Rückschläge. Pakistan gehört weltweit zu jenen zehn Ländern, die am stärksten von der Klimaerwärmung betroffen sind.

Die chinesische Seidenstraße mag für einige wenige Profite bringen, es droht aber eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Wozu Menschen fähig sind, wenn sie nichts zu verlieren haben, ist bekannt. Es bleibt also zu befürchten, dass der Anschlag an der chinesischen Seidenstraße nicht der einzige seiner Art bleiben wird.

Andreas Zinggl hat Raumplanung in Wien studiert und ist bei der Caritas St. Pölten als Programm-Manager für Pakistan zuständig. Als solcher ist er immer wieder unterwegs im Land, so auch im Sommer 2019.

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