Innenansichten aus Syrien

Larissa Bender (Hg.)

Edition Faust, Frankfurt, 2014, 296 Seiten, € 24,-

Aufsteigende Luftballons, von denen Papierschnitzel mit dem Wort „Freiheit“ herabschweben. Demonstrantinnen und Demonstranten, die Soldaten mit roten Rosen beschenken. So begann vor vier Jahren die syrische Protestbewegung gegen den Präsidenten Baschar al-Assad. Die Luftballons wurden schnell von Sturmgewehren vom Himmel geholt, die Blumen in den Gewehrläufen konnten den Schießbefehl nicht stoppen. Aus einer friedlichen Protestbewegung wurde ein andauernder, extrem brutal geführter Bürgerkrieg, der neben zigtausenden Menschen auch Kulturdenkmäler vernichtet und dem fanatischen Islamismus den Weg bereitet hat.

Die Arabistin und Übersetzerin Larissa Bender lässt in diesem Sammelband Menschen zu Wort kommen, die noch immer in Syrien leben oder überleben. Einige von ihnen sind durch die Folterkammern des Regimes gegangen und dennoch nicht gebrochen worden. Andere konnten sich durch die Flucht ins Exil retten. Vor allem schildern die Autorinnen und Autoren, wie der Krieg den Alltag im Land verändert hat. Die Journalistin Samar Yazbek hat die Geschichte einer jungen Aktivistin aufgeschrieben, die von der eigenen Festnahme, von Gefängnis, Verhör, Misshandlung und Demütigung erzählt. Und von der Gewissheit, dass es noch viel schlimmer kommen kann: „Das Gefängnis kann ein Segen sein. Wäre ich dort geblieben, hätten sie nicht meinen Bruder statt mir verhaftet. Einige Tage später haben wir seinen Leichnam von einem Krankenhaus in Empfang genommen.“

Der Schriftsteller und Satiriker Khateeb Badle in seinem Beitrag macht darauf aufmerksam, dass eine Generation ohne Bildung aufwächst. Viele Lehrer wurden verhaftet, gefoltert und ermordet, das vergleichsweise gute Bildungssystem liege in Trümmern.

Obwohl kein Ende des Konflikts abzusehen ist und der Vormarsch der Islamisten die demokratische Opposition isoliert hat, blicken viele der Autorinnen und Autoren optimistisch in die Zukunft. So freut sich der Lyriker Kheder Alaga, dass man heute nicht mehr gezwungen sei, bei jeder Gelegenheit Ergebenheitsparolen für den „weisen Führer“ zu skandieren.

Besonders beeindruckend sind die Beiträge der Künstlerinnen und Künstler, die aus den Zerstörungen und der Absurdität des Bürgerkrieges Inspiration für ihre Werke schöpfen. Der Maler Tammam Azzam projizierte etwa den berühmten „Kuss“ von Gustav Klimt auf ein zerschossenes Gebäude mit gähnenden Fensterhöhlen oder ließ ein zerstörtes Gebäude aus Aleppo oder Homs, getragen von bunten Luftballons, am britischen Parlament vorbeischweben. Da sind sie wieder, die unschuldigen Luftballons. Ein stiller Vorwurf an den Westen, dass dieser Krieg nicht so weit weg ist und sich dessen Opfer im Stich gelassen fühlen.

Das Buch ist eine Erinnerung an diesen fast schon vergessenen Krieg, der immer noch tobt und die Hilflosigkeit der internationalen Konfliktlösungsdiplomatie dramatisch offengelegt hat.
Ralf Leonhard

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