Interessante Zeiten

Backshoring, Industrie 4.0 und Donald Trump: Warum Asiens Jobwunder fürs Erste vorbei zu sein scheint, erklärt Thomas Seifert.

China setzt auf Startups: Junge chinesische EntrepreneurInnen arbeiten an neuen Mobile-Apps. IT-Zentren gibt es vor allem in Peking und Shanghai, aber auch in Hangzhou und Shenyang.© Thomas Seifert

Wird China alt, bevor es reich wird? So lautet die bange Frage für die chinesischen DemografInnen und ÖkonomInnen. Diese Gefahr besteht durchaus, denn 2027 wird nach allen Prognosen China seinen Bevölkerungszenit erreicht haben. In der Periode von 2010 bis 2020 beträgt das Bevölkerungswachstum 0,34 Prozent pro Jahr und wird von 2020 bis 2030 auf 0,07 Prozent sinken. Mit der Überalterung Chinas sinkt aber der Konsum und das chinesische Entwicklungsmodell kommt in Turbulenzen. Denn das Schrumpfen des Arbeitskräftepools lässt den kompetitiven Vorteil niedriger Löhne verschwinden.

In den vergangenen zehn Jahren ist der Pool der WanderarbeiterInnen um vierzig Millionen Menschen kleiner geworden. Die Auswirkungen sind bereits heute spürbar: Chinas Arbeitskosten haben sich seit 2002 versechsfacht.

Das Ende von Chimerika. „Chimerica“. Dieses Label verpasste der britische Historiker Niall Ferguson der wirtschaftlichen Nolens-Volens-Umklammerung von China und den USA: China produziert preisgünstige Waren für den amerikanischen Markt und verwendet die dafür eingenommenen Dollars für Kredite an die USA. Immerhin sind zehn Prozent der chinesischen Wirtschaft direkt von Exporten in die USA abhängig. Weitere fünf Prozent hängen ebenfalls an diesen Exporten, sei es an den Häfen, aus denen exportiert wird, sei es an den Güterzügen oder LKW-Kolonnen, mit denen die Produkte von den Fabriken zu den Häfen transportiert werden.

Insgesamt ist ein Drittel der chinesischen Wirtschaft von Exporten abhängig, doch die Handelsstatistiken zeigen, dass die Europäische Union – aber auch einzelne asiatische Staaten – heute wichtigere Handelspartner für China sind als die USA. China versucht seit einigen Jahren, sich aus der Chimerika-Umklammerung zu befreien. Die beiden Urheber des Begriffs „Chimerika“, Niall Ferguson und der Professor an der Universität Bonn, Moritz Schularick, haben zwei Jahre, nachdem sie das Schlagwort geprägt hatten, auch wieder das Ende von Chimerika proklamiert. Und das war noch, bevor Donald Trump als 45. US-Präsident ins Weiße Haus eingezogen ist.

Verdüsterung. Nun aber sammeln sich dunkle Wolken am Horizont: Das exportorientierte Entwicklungsmodell, mit dem es den Ländern in Ost- und Südostasien gelungen ist, Zig-Millionen Menschen Arbeit zu verschaffen, steht auf dem Prüfstand: Der US-amerikanische Präsident Donald Trump nannte das transpazifische Handelsabkommen ein „potenzielles Desaster“ für die USA. China (und auch Indien) haben bereits vor einiger Zeit begonnen, ihre Wirtschaft umzuorientieren und stärker auf den Absatz in ihren Heimmärkten zu bauen. Kleinere Länder wie Südkorea, Malaysia und Vietnam werden in Zukunft darauf angewiesen sein, dass China nach und nach die Rolle des ultimativen Nachfragemarkts – bisher die Domäne der USA – übernimmt.

Das Problem: Gerade China hat mit den eigenen Überschusskapazitäten zu kämpfen und weiß selbst nicht, woher die Nachfrage nach all den Produkten, die die Fabriken im Reich der Mitte ausspucken, kommen soll.

Ressourcen aus der Zukunft. Der deutsche Soziologe Wolfgang Streeck hat die Ursachen der tieferliegenden weltweiten Krise treffend beschrieben: Die Nachfrage steigt global langsamer als die Produktivitätsfortschritte. In Streecks Buch „Gekaufte Zeit“ ist zu lesen, wie Staat und Wirtschaft auf diese Herausforderung reagierten: Mit Inflation in den 1970ern, öffentlichen Schulden in den 1980ern, privater Verschuldung in den 1990ern und quantitativer Lockerung seit Ausbruch der Finanzkrise 2007-2008. All das seien Strategien gewesen, mit denen man mit zukünftigen Ressourcen in der Gegenwart Nachfrage schaffen wollte. Doch diese Strategie scheint nicht mehr aufzugehen. Und das bedeutet gerade für Asiens Exportwirtschaft nichts Gutes.

Doch das ist nicht alles: Industrie 4.0 und das Internet der Dinge (siehe Glossar Seite 31) – das sind nicht nur Schlagworte – werden nach übereinstimmender ExpertInnenmeinung Entwicklungen wie Backshoring (die Rückkehr von Produktionsbetrieben in „alte“ Industrieländer wie die USA) verstärken. Denn diese Produkte der neuen Generation werden in hochentwickelte sogenannte „Ökosysteme“ eingebettet sein, wie sie in Europa oder Nordamerika gerade am Entstehen sind.

Jobverlust durch Industrie 4.0. Die nächste digitale Automatisierungswelle wird den Trend des beschäftigungsfreien Wachstums verstärken. In Indien treten jeden Monat eine Million junger Leute auf den Arbeitsmarkt. Das Land verliert aber derzeit 550 Jobs pro Tag. In Indonesien steigt derzeit die Zahl von über 15-Jährigen um über drei Millionen pro Jahr, im selben Zeitraum entstehen aber nur 200.000 neue Jobs. Vor allem niedrig qualifizierte Arbeitskräfte werden es nach Meinung der ExpertInnen schwer haben, in Zukunft Jobs zu finden. Doch was passiert etwa mit den rund 300 bis 400 Millionen Menschen, die nach UN-Angaben bis 2050 auf der Suche nach Jobs in die Städte Indiens ziehen werden, wenn diese Arbeitssuchenden dort keine Beschäftigung finden?

Dazu kommt, dass nach einer Weltbank-Studie rund 69 Prozent der Arbeitsplätze in Indien durch Automation bedroht sind, in China gar 77 Prozent. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzt, dass diese Zahl in den ASEAN-5-Ländern bei 56 Prozent liegt. Das Zeitfenster für exportorientierte, industriegestützte Entwicklung schließt sich gerade.

Was tun? Marc Saxer vom Indien-Büro der Friedrich Ebert-Stiftung dazu in der Jänner-Ausgabe der Asien-Fachpublikation Raisina-Files: Gerade in einer digitalisierten Gesellschaft werde man Menschen benötigen, die sich um die Hoffnungen und Bedürfnisse anderer Menschen kümmern. Diese „menschliche Wirtschaft“ habe, so Saxer, enormes Wachstumspotenzial: „Vom Tourismus bis hin zur Mode, von Gesundheitsdiensten bis hin zur Altenpflege, von der Nahrungsmittelindustrie bis hin zu Kunst und Handwerk.“

Es werde auch alles andere als leicht sein für die asiatischen Staaten, Anschluss an die digitale Zukunft zu finden: Vom Staat geförderte Innovation sei in Südasien so gut wie undenkbar, dazu sei der Würgegriff der staatlichen Bürokratien zu fest. Und in Ostasien werde eine Kultur der Innovation nach wie vor durch eine Gesellschaft, die vom Senioritätsprinzip, Disziplin und Konsensdenken geprägt ist, gehemmt. „Wo Freiheit fehlt, kann die Kreativität nicht gedeihen“, ist Saxer überzeugt.

Politik gefordert. Der Arbeitsmarkt ist zu wichtig, um ihn der „unsichtbaren Hand“ nach Adam Smith zu überlassen. Die Politik ist gefordert: Denn wo Europa oder die USA aufgrund der Digitalisierungstrends und des Entstehens der Industrie-4.0-Landschaft sich mit schwierigen Herausforderungen konfrontiert sehen werden, steht in Asien gleich das Entwicklungsmodell der vergangenen goldenen Jahrzehnte auf dem Prüfstand. Möglicherweise gilt für die heutigen Generationen das chinesische Sprichwort: Shēng bù féng shí (zu einem ungünstigen Zeitpunkt geboren sein), das meist mit dem Fluch „Mögest du in interessanten Zeiten leben“ übersetzt wird.

Thomas Seifert, stellvertretender Chefredakteur und Auslandschef der „Wiener Zeitung“, ist unlängst von einer Asienreise zurückgekehrt.

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