Internationale der Brutalität

Von Dominic Johnson ·

In Liberia steht Präsident Charles Taylor unter zunehmendem Druck mehrerer Rebellengruppen, die von den Nachbarländern Guinea und Côte d’Ivoire unterstützt werden – eine neue Folge in Westafrikas unendlicher Serie internationalisierter Bürgerkriege.

Es war eine Szene, wie sie in Afrikas Kriegen Alltag geworden ist. Als Rebellen die Stadt Ganta eroberten, flohen etwa 3.000 Menschen in Panik an einen nahen Fluss, der zugleich eine Staatsgrenze bildet. Auf der Brücke über den Fluss standen Regierungssoldaten und hielten den Treck auf. Die Rebellen aus Ganta rückten nach und zwischen den beiden Armeen entwickelte sich eine Artillerieschlacht – mit 3.000 hilflosen ZivilistInnen zwischen den Fronten. Viele starben im Kreuzfeuer, Hunderte ertranken in den reißenden Flusswassern. „Keiner konnte sie vor dem Ertrinken retten, und die meisten Verwundeten starben an ihren Verletzungen“, berichtete später ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes.
Das Drama an der liberianisch-guineischen Grenze Ende März wurde erst einen Monat später bekannt, als Guineas Rotes Kreuz davon berichtete. Nur weil es sich an einer Außengrenze Liberias abspielte, bekam es die Außenwelt überhaupt mit. Während der Ereignisse selbst half das wenig: Guineas Armee sah ruhig zu – vom anderen Ufer des Grenzflusses Mano.
Die Bevölkerung der Grenzregion ist solche Zustände gewohnt. In den Bergen zwischen Guinea und Liberia sind seit Jahren die Basen der Rebellen, die mit aktiver Hilfe des guineischen Militärs versuchen, Liberias Regierung zu stürzen. Die Rebellenbewegung LURD (Vereinigte Liberianer für Versöhnung und Demokratie) ist mehrmals bis an den Rand von Liberias Hauptstadt Monrovia vorgerückt und kontrolliert nach UN-Schätzungen inzwischen 60 Prozent des Landes. Regelmäßig verkündet sie den bevorstehenden Sturz von Liberias Präsident Charles Taylor, der wegen seiner früheren Unterstützung von Rebellen in Sierra Leone und Guinea nun selbst Sturm erntet.

Liberias Bürgerkrieg ist einer der unbekanntesten und brutalsten der Welt. Ein Zehntel von Liberias 3,5 Millionen EinwohnerInnen ist vertrieben, und Hilfsorganisationen haben zu zwei Dritteln des Staatsgebiets keinen Zugang. Klare Fronten gibt es scheinbar nicht: Mal wird an den Toren der Hauptstadt gekämpft, dann plötzlich wieder an der Grenze zu Guinea. „Nach drei Jahren haben die Kämpfe einen vertrauten Charakter angenommen“, analysiert die internationale Krisenforschungsgruppe ICG (International Crisis Group) in einem neuen Bericht zu Liberia. „Jeden Jahresanfang stößt LURD tief nach Liberia hinein, vor der Regenzeit, die im Juni oder Juli beginnt. Dann bekommt die Regierung trotz des UN-Waffenembargos Nachschub und wirft die Rebellen nach Norden zur guineischen Grenze zurück. Eine Seite nimmt ein Dorf ein, die andere zieht sich zurück und lässt den Gegner ein paar Tage plündern, bevor sie selbst wieder vorrückt, um das Gebiet zurückzuerobern und zu plündern, was noch übrig ist.“ Einige der schwersten Auseinandersetzungen mit den brutalsten Kriegsverbrechen, bis hin zu Massenvergewaltigungen und Amputationen, finden in den Kriegsvertriebenenlagern statt, in denen beide Seiten Zwangsrekrutierungen vornehmen.
Liberias neuer Konflikt ähnelt eher einer Mafiafehde als einem gewöhnlichen Bürgerkrieg. Die Führer auf beiden Seiten sind seit Generationen verfeindet. Ein prominenter Führer der Rebellen ist Chayee Doe, Sohn des früheren liberianischen Präsidenten Samuel Doe. Dieser hatte sich 1980 in Liberia an die Macht geputscht, zum Ärger der damaligen Regierung von Côte d’Ivoire, und sah sich ab Ende 1989 einer aus Côte d’Ivoire heraus operierenden bewaffneten Rebellion ausgesetzt, geführt von Charles Taylor. Prince Johnson, Führer einer eigenen Miliz, folterte Doe zum Höhepunkt des damaligen Bürgerkrieges im September 1990 vor laufender Videokamera zu Tode.
Danach zerfiel Liberia in Warlordgebiete, 200.000 Menschen wurden getötet, während eine westafrikanische Militärintervention Taylor jahrelang von der Einnahme der Hauptstadt abhielt. Erst bei freien Wahlen 1997 erreichte Charles Taylor sein Ziel und wurde Präsident Liberias. Und jetzt will Does Sohn seinen Vater rächen, indem er Taylor vertreibt.

Mit den Wünschen der liberianischen Bevölkerung hat all das nichts zu tun. Der Krieg der 90er Jahre ruinierte Liberia gründlich, und nach der Befriedung und Charles Taylors Wahl 1997 floss internationale Hilfe nur spärlich, weil Taylor den USA und der UNO als Feind gilt. Die Hauptstadt Monrovia hat seit zehn Jahren weder Strom noch fließendes Wasser; drei Viertel der Bevölkerung leben in absoluter Armut.
Erste Rebellenangriffe begannen 1999, wurden aber weithin nicht ernst genommen. Erst 2002 trat LURD in Erscheinung und rückte blitzartig bis kurz vor die Hauptstadt vor. Taylors Armee schlug die Rebellen zurück, im September wurde sogar der Ausnahmezustand aufgehoben. Doch wenige Tage nach dieser Maßnahme begann im benachbarten Côte d’ Ivoire, wo einst der liberianische Konflikt seinen Ausgang genommen hatte, ein eigener Bürgerkrieg, der Liberia mit in seinen Bann gezogen hat und die dortige Lage extrem verkompliziert.
Da Côte d’Ivoire das reichste Land Westafrikas ist, Liberia aber eines der ärmsten, stehen die ivorischen Schlacht- und Plünderfelder bei unterbezahlten liberianischen Bürgerkriegskämpfern hoch im Kurs. LURD-Einheiten haben sich mit der Regierung von Côte d’Ivoire verbündet, während die Taylor-Regierung Teile der ivorischen Rebellen unterstützt. In Reaktion hat die Regierung von Côte d’Ivoire unter Präsident Laurent Gbagbo Geburtshelfer für eine zweite liberianische Rebellengruppe gespielt: MODEL (Bewegung für Demokratie in Liberia), gegründet Anfang 2003, die Chayee Doe als Führer von LURD abgeworben hat. MODEL ist im Südosten Liberias aktiv und bedroht dort den einträglichsten Wirtschaftszweig des Landes, den Tropenholzexport, während LURD in den letzten Monaten von Guinea aus erneut Richtung Monrovia vorgerückt ist.

Konnte man vor einem Jahr noch hoffen, dass Liberias nächster Wahltermin im Oktober 2003 die Gelegenheit zu einer friedlichen Konfliktlösung bieten könnte – zum Beispiel durch einen Verzicht Taylors auf eine erneute Kandidatur und die Rückkehr der größtenteils exilierten intellektuellen Elite des Landes in die Innenpolitik –, macht heute die Verzahnung der Konflikte in Liberia und Côte d’Ivoire eine politische Lösung fast unmöglich. Beide Präsidenten, Taylor und Gbagbo, stehen mit dem Rücken zur Wand. Keiner kann nachgeben, aber die Kriegskonstellation macht es unwahrscheinlich, dass sie beide gewinnen.
Dass die Regierung Liberias seit zwei Jahren unter UN-Embargo steht – der Grund war damals, dass Taylor Rebellen in Sierra Leone unterstützte, aber der dortige Bürgerkrieg ist längst zu Ende – ist zunehmend widersinnig angesichts der Tatsache, dass die Regierungen von Côte d’Ivoire und Guinea aktive Paten in Liberias Krieg spielten. ExpertInnen der UNO und Menschenrechtsgruppen weisen darauf seit Monaten hin, können sich aber gegen die Beharrungskräfte im UN-Apparat nicht durchsetzen.

Besser wäre es, sich einigen der Triebkräfte des Krieges zuzuwenden. Die Rohstoffexporte Westafrikas, von Sierra Leones Diamanten über Liberias Tropenhölzer und den Kakao Côte d’Ivoires bis hin zum Erdöl Nigerias, dienen nicht der Entwicklung der Region, sondern der Bereicherung einer Elite, deren Mitglieder sich gegenseitig erbittert bekämpfen und zugleich jede Herausforderung ihrer Macht aus den eigenen Gesellschaften heraus strikt unterdrücken. Dadurch gibt es immer reichlich Geld für gewaltsam ausgetragene Mafiakonflikte um die Kontrolle von Häfen und Rohstoffgebieten – und immer einen Kampfanreiz für die massiv in die Gesellschaft hineindrängende westafrikanische Jugend, die von der althergebrachten Politik Afrikas nichts zu erwarten hat.
Längst haben sich die diversen Bürgerkriege Westafrikas internationalisiert. Die jungen Kämpfer ziehen von einem Land zum nächsten, von einer Front zur anderen, zum jeweils besser bezahlenden Warlord. Es ist eine Internationale der Brutalität, ohne Prinzipien und ohne Perspektiven. Staatsgrenzen bedeuten da nichts. Außer wenn an ihnen fliehende Menschen sterben, weil sie ins Kreuzfeuer geraten, ohne zu wissen, warum.

Dominic Johnson ist Afrika-Redakteur der Berliner Tageszeitung „taz“.

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