Iran in Isolation

Innenpolitische Machtkämpfe, Korruption, Drogenprobleme, Israels Kriegsdrohungen und Wirtschaftssanktionen: Das traditions- und ölreiche Kulturland am Persischen Golf steht unter schwerem Druck. Ein Stimmungsbild.

Von Eva Maria Teja Mayer
Wandbild in einer Mädchenschule in Mashhad.

"Welcome to Iran!“ – Der Gast aus dem Ausland wird freundlich begrüßt, oft von ganzen Familien und ihm völlig unbekannten Menschen. Neben der Herzlichkeit schwingt auch ein wenig Trotz mit: Anerkennung für die Besucherin, dass sie sich trotz der negativen Iran-Berichterstattung in den westlichen Medien in die Islamische Republik wagt. Ein Land, das wegen seiner restriktiven Menschenrechtspolitik, der Holocaust-Leugnung und des umstrittenen Atomprogramms international immer mehr in die Isolation gerät. Reist man mit Interesse für Land und Leute durch Iran (auch für alleinreisende Frauen relativ sicher und problemlos, so frau das gesetzlich verordnete Kopftuch trägt und nicht die „falschen“ Fotoobjekte wählt), begreift man schnell die große Diskrepanz zwischen der – von einer gefühlten Mehrheit abgelehnten – Politik der Regierung und dem Lebensgefühl „normaler“ IranerInnen.

Beim Besuch historischer Stätten wie Persepolis oder Isfahan mit ihren einzigartigen Kunstschätzen kommt man leicht ins Gespräch. Man unterhält sich auf Englisch oder Französisch. Galt Iran unter den islamischen Ländern bislang traditionell als Hochburg der Frauenbildung, so mussten studierwillige Iranerinnen vor kurzem einen schweren Schlag einstecken: „In mindestens 70 Fächern sind Frauen nicht mehr zugelassen“, klagt Gohar*), die sich intensiv für die Aufnahmeprüfung für den Master-Lehrgang in Psychologie an einer renommierten Teheraner Universität vorbereitet hatte. „Laut Resultat gehöre ich zu den Besten, aber alle Sitze wurden an Burschen vergeben.“

Gohars Schwester ergänzt bitter: „Die Mullahs wollen uns Frauen aus dem öffentlichen Leben wieder ins Haus zurückdrängen. Viele kritische Studentinnen gingen vor drei Jahren bei den Protesten gegen Ahmadi-Nejad auf die Straße – das war den Regierenden ein Dorn im Auge. Nun sollen wir Kinder kriegen und den Mund halten!“ Klassische Lehrfächer wie Geschichte und Englisch sind seit diesem Wintersemester für Studentinnen gesperrt, bestätigt mir eine Englisch-Lektorin. Auch mit der Geschlechtertrennung hat man an den Universitäten wieder begonnen. „Eine bedenkliche gesellschaftspolitische Entwicklung“, kritisiert die Lehrkraft. „Wir sind doch nicht in Saudi-Arabien, wo Frauen fast keine Rechte besitzen. Sollen nur noch die Töchter wohlhabender Familien studieren dürfen, die sie ins Ausland schicken?“ Ob das nur ein vorübergehender Schritt des in die Defensive geratenen Regimes sei? „Wie auch immer – die iranischen Frauen werden sich das auf Dauer nicht gefallen lassen.“

Auch aus dem weitverbreiteten Ärger über Innen- und Wirtschaftspolitik macht man kein Hehl. „Hier im Iran kann man auf ehrliche Weise nicht gut verdienen“, beschwert sich etwa der studierte Zivilingenieur Ferhat*), der eine öffentliche Baustelle leitet. „Dabei kann man mit Geld im Iran alles kaufen.“ Nachsatz: „Sofern du dich nicht in die Politik einmischt. Was du zu Hause hinter geschlossenen Türen machst, geht nur dich etwas an.“ Das gelte besonders für Minderheiten wie die kurdische Bevölkerungsgruppe im Westen des Landes, der er angehört. „Uns geht es zwar nicht so schlecht wie den Kurden in der Türkei, aber der Status wie jener der autonomen Kurdenregion im Irak ist für uns ein weit entfernter Traum.“

Obwohl es kurdische TV- und Radioprogramme gibt, darf die Sprache in der Schule nicht unterrichtet werden. Trotz des offiziellen Feindbilds USA schwärmt Ferhat von den dortigen Möglichkeiten. Verwandte von ihm sind noch in der Schah-Zeit ausgewandert. „Wer dort fleißig arbeitet, kommt zu Geld“, ist er überzeugt. „Aber hier – mit den wenigen Arbeitern, die man mir bewilligt, dauert jede Reparatur ewig.“ Die Inflation – seit Ende 2011 verlor die iranische Währung Rial ca. 80% ihres Wertes – macht nicht nur ihm zu schaffen. Ein Taglöhner auf dem Bau verdient ca. 200.000 Rial am Tag – Mitte Oktober waren das umgerechnet gerade fünf Euro. „Zuwenig zum Überleben, besonders wenn man Familie hat.“ Was sich bei den Wahlen kommenden Juni ändern könnte? Wäre Ex-Präsident Mohammad Khatami, der Wunschkandidat der reformorientierten Opposition, ein Hoffnungsträger? Ferhat schüttelt resigniert den Kopf. „Es werden höchstens die Gesichter ausgetauscht, sonst bleibt alles beim Alten.“

Auch die Berichterstattung in den westlichen Medien empfindet man als unangemessen, die Haltung der USA und Israels gegenüber Iran als Heuchelei. Was nicht heißt, dass Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International ihre Kritik zu Unrecht üben: Eines der letzten bekannten Opfer, der Blogger Sattar Beheshti, wegen „Cybercrimes“ verurteilt, kam letzten November im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran durch Folter ums Leben; die Anwältin Nasrin Sotoudeh, im Dezember des Vorjahres mit dem Sacharow-Preis für Menschenrechte ausgezeichnet, sitzt ebendort eine elfjährige Haftstrafe wegen „Verschwörung gegen die Staatssicherheit“ ab.

Nicht an die Politik anzustreifen, das ist auch das (Überlebens-)Konzept des Händlers Ali*), der mit Freunden einen Teppichladen im Bazar von Teheran betreibt. Er hält sich mit noch zwei Zusatzjobs über Wasser, große Sprünge sind nicht drinnen. Die Steuerlast bekämpft man auf bewährte Weise: „Einmal im Jahr kommt ein Beamter, um die Steuer festzusetzen – nun, wir trinken Tee und plaudern, dann bekommt er als ‚Freund‘ einen Kelim im Wert von 200 bis 300 Dollar geschenkt.“ Die an sich hohen Abgaben fielen dann erheblich geringer aus …

Korruption bis ins höchste Establishment dürfte auch für den ungehemmten Schwarzhandel von Drogen aus Afghanistan verantwortlich sein. Der Transport erfolgt mit Kamelen in die Region um Shahdad durch die grenznahe Wüste Lut. „Für die 550 Kilometer braucht ein Kamel etwa eine Woche“, erzählt Kurosh, ein Touristiker aus der Region. „In Afghanistan kostet ein Kilo Opium ca. 100 Dollar, in Kerman bereits 2000.“ Er schätzt, dass mindestens zehn Prozent der Bevölkerung Opium rauchen: „Oft aus Depression, wegen mangelnder Zukunftsperspektiven.“

Offen gegen Missstände aufzubegehren wagt auch er nicht, die Erinnerung an die blutige Niederschlagung der „grünen Revolution“ gegen die umstrittene Wiederwahl von Noch-Präsident Mahmoud Ahmadi-Nejad 2009 und die damit einhergehende Verhaftungswelle sitzt noch in den Knochen. Selbst die Anhänger der in Iran traditionell hochverehrten Sufi-Derwische gingen in den Untergrund.

Die Auseinandersetzungen zwischen der konservativen Parlamentsmehrheit, die auf den ranghöchsten Geistlichen und Revolutionsführer Ayatollah Khamenei hört, und dem nahezu entmachteten Präsidenten Ahmadi-Nejad  tragen auch nicht dazu bei, die Lage zu stabilisieren. Der bei der Geistlichkeit wegen „Abweichlertums“ in Ungnade gefallene Politiker darf gemäß Verfassung bei den Wahlen nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten.  Die wegen der internationalen Wirtschaftssanktionen galoppierende Inflation ist kaum in den Griff zu bekommen. Trotzdem empfindet man die Sanktionen als unfair, Israels Androhung eines „präventiven“ Militärschlags gegen Atomanreicherungsanlagen wegen vermuteter Atomwaffenprojekte schlicht als Zumutung. Ein Beweis dafür steht noch aus; sogar Israel verschob deswegen den potenziellen Angriff auf später.

„Ist man denn im Ausland blind?“, beschwert sich ein Besucher im armenischen Museum in Isfahan. Er ist armenischer Christ und hat kürzlich seinen Job in einem Unternehmen wegen ausbleibender Aufträge verloren. „Die Sanktionen treffen doch die Falschen! Nicht einmal alle Operationen können noch ausgeführt werden, weil wichtige Medikamente und technische Ersatzteile fehlen.“ Wie schon so viele ArmenierInnen vor ihm träumt er davon, in die USA auszuwandern. Wegen der wirtschaftlichen Probleme, wie er betont. „Die iranische Regierung behandelt uns gut, das Zusammenleben mit den Muslimen ist freundschaftlich und friedlich.“ Es gibt sogar eine armenische Schule, wo Armenisch als Fach unterrichtet wird. Top-Jobs sind zwar der muslimischen Mehrheit vorbehalten, Politik gilt als tabu. „Mit dieser Haltung ist beiden Seiten gedient.“

Eva Maria Teja Mayer lebt als freie Autorin und Journalistin in Wien. Reisen und Feldforschung führen sie vor allem nach Asien; kürzlich besuchte sie Iran.

*) Alle Namen von der Redaktion geändert.

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